<utwor><rdf:RDF xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#">
<rdf:Description rdf:about="http://redakcja.wolnelektury.pl/documents/book/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums/">
<dc:creator xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Przybyszewski, Stanisław</dc:creator>
<dc:title xml:lang="de" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Zur
Psychologie
des Individuums</dc:title>
<dc:contributor.editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Ritter-Jasińska, Antje</dc:contributor.editor>
<dc:contributor.technical_editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Choromańska, Paulina</dc:contributor.technical_editor>
<dc:publisher xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Fundacja Nowoczesna Polska</dc:publisher>
<dc:subject.period xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Modernizm</dc:subject.period>
<dc:subject.type xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Epika</dc:subject.type>
<dc:subject.genre xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Esej</dc:subject.genre>
<dc:description xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Publikacja zrealizowana w ramach projektu Wolne Lektury (http://wolnelektury.pl). Wydano z finansowym wsparciem Fundacji Współpracy Polsko-Niemieckiej. Eine Publikation im Rahmen des Projektes Wolne Lektury. Herausgegeben mit finanzieller Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.</dc:description>
<dc:identifier.url xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://wolnelektury.pl/katalog/lektura/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums</dc:identifier.url>
<dc:source.URL xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">https://archive.org/details/zurpsychologied00przygoog</dc:source.URL>
<dc:source xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Stanisław Przybyszewski, Zur Psychologie des Individuums, Fontane &amp; Co., Berlin 1906.</dc:source>
<dc:rights xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Domena publiczna - Stanisław Przybyszewski zm. 1927</dc:rights>
<dc:date.pd xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">1998</dc:date.pd>
<dc:format xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">xml</dc:format>
<dc:type xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">text</dc:type>
<dc:type xml:lang="en" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">text</dc:type>
<dc:date xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">2014-12-17</dc:date>
<dc:language xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">ger</dc:language>
<dc:relation.coverImage.url xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://redakcja.wolnelektury.pl/media/cover/image/4597962889_766efab7ac_o.jpg</dc:relation.coverImage.url>
<dc:relation.coverImage.attribution xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Let it be, Kevin Dooley, CC BY 2.0</dc:relation.coverImage.attribution>
<dc:relation.coverImage.source xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://redakcja.wolnelektury.pl/cover/image/3856</dc:relation.coverImage.source>
<dc:relation.hasFormat id="pdf" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://wolnelektury.pl/media/book/pdf/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums.pdf</dc:relation.hasFormat>
<meta refines="#pdf" id="pdf-id" property="dcterms:identifier">ISBN-978-83-288-0776-1</meta>
<meta refines="#pdf-id" property="identifier-type">ISBN</meta>
<meta refines="#pdf" property="dcterms:format">application/pdf</meta>
<dc:relation.hasFormat id="html" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">https://wolnelektury.pl/katalog/lektura/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums.html</dc:relation.hasFormat>
<meta refines="#html" id="html-id" property="dcterms:identifier">ISBN-978-83-288-1755-5</meta>
<meta refines="#html-id" property="identifier-type">ISBN</meta>
<meta refines="#html" property="dcterms:format">text/html</meta>
<dc:relation.hasFormat id="txt" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://wolnelektury.pl/media/book/txt/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums.txt</dc:relation.hasFormat>
<meta refines="#txt" id="txt-id" property="dcterms:identifier">ISBN-978-83-288-2710-3</meta>
<meta refines="#txt-id" property="identifier-type">ISBN</meta>
<meta refines="#txt" property="dcterms:format">text/plain</meta>
<dc:relation.hasFormat id="epub" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://wolnelektury.pl/media/book/epub/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums.epub</dc:relation.hasFormat>
<meta refines="#epub" id="epub-id" property="dcterms:identifier">ISBN-978-83-288-3772-0</meta>
<meta refines="#epub-id" property="identifier-type">ISBN</meta>
<meta refines="#epub" property="dcterms:format">application/epub+zip</meta>
<dc:relation.hasFormat id="mobi" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">http://wolnelektury.pl/media/book/mobi/przybyszewski-zur-psychologie-des-individuums.mobi</dc:relation.hasFormat>
<meta refines="#mobi" id="mobi-id" property="dcterms:identifier">ISBN-978-83-288-4858-0</meta>
<meta refines="#mobi-id" property="identifier-type">ISBN</meta>
<meta refines="#mobi" property="dcterms:format">application/x-mobipocket-ebook</meta>
<category.thema.main>DNL</category.thema.main>
    <category.thema>1DTP</category.thema>
    <category.thema>3MN</category.thema>
    </rdf:Description>
</rdf:RDF><opowiadanie>

<autor_utworu>Stanisław Przybyszewski</autor_utworu>



<nazwa_utworu>Zur
Psychologie
des Individuums</nazwa_utworu>

<nota_red>


<strofa>
c -> k:/
Toncorrelate -> Tonkorrelate/
Cultur -> Kultur/
Continuität -> Kontinuität
</strofa>





<strofa>
c -> z/
oscillieren -> oszillieren/
Scene -> Szene/
transcendentales -> transzendentales
</strofa>





<strofa>
ss -> ß:/
grosse -> große/
Aussen -> Außen/
heisst -> heißt
</strofa>





<strofa>
i -> ie:/
Summirung -> Summierung/
präsentirt -> präsentiert/
illustrirt -> illustriert
</strofa>






<strofa>
th -> t/
Thier -> Tier/
Athmosphäre -> Atmosphäre/
thatsächlich -> tatsächlich
</strofa>



</nota_red>

<naglowek_czesc>I.
Chopin und Nietzsche</naglowek_czesc>






<naglowek_rozdzial>I</naglowek_rozdzial>




<akap>Wie sagt doch Zarathustra in seiner erhabenen
Sternenweisheit?</akap>


<akap>,,Ich lehre euch den Übermenschen. Der
Mensch ist etwas, das überwunden werden
soll. --- Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden?</akap>


<akap>Alle Wesen bisher schufen etwas über sich
hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen
Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen überwinden?"</akap>


<akap>Es gibt nichts, das die Tragik des menschlichen Intellektes deutlicher offenbarte, als diese
Worte.</akap>


<akap>Kant, der Gott die Existensberechtigung entzogen, erfand einen neuen Beweis für sein Dasein, Schopenhauer, der das Phantom der Willensfreiheit weggeblasen hatte, konnte nicht mehr
die Verantwortlichkeit überwinden und schuf für
sie in seinem ,,intellektuellen Gewissen" eine neue
Stütze, und Nietzsche, der Freieste unter den
Freien, er, der leichte Füße, fließenden Rhythmus
und rasches Tempo lehrte, mußte sich den Übermenschen schaffen, als Beruhigung, Tröstung, eine
Art Ruhekissen, auf dem er sein müdes, überhitztes Haupt niederlegen könnte.</akap>


<akap>Doch wie der Kliniker zwischen Wahn-- und
Zwangsvorstellungen unterscheidet und den
ersteren Illusionen beizählt, die als reelle Empfindungen aufgenommen, den letzteren Wahngebilde,
die als solche von dem Kranken erkannt werden,
so ist auch hier dieselbe Unterscheidung vorzunehmen.</akap>


<akap>Kant und Schopenhauer begingen ihre Irrtümer mit vollster Überzeugung, sie glaubten
nur strenge Konsequenzen zu ziehen, ob aber
Nietzsche an das Phantom, das er in schweren
Stunden der Verzweiflung geschaffen hatte, auch
tatsächlich glaubte?</akap>


<akap>Ob er nicht dabei resigniert lächelte, und mit
milder Selbstironie sich das vorrezitierte, was
er einst über Erlösungsbedürfnis und den ---
Katholizismus der Gefühle schrieb?</akap>


<akap>Und das eben, was mich veranlaßt, Kant,
Schopenhauer und Nietzsche zu sondern, ist es
auch, was den Individualismus von gestern und
den von heute unterscheidet.</akap>


<akap>Das Individuum<pa><slowo_obce>Das Individuum</slowo_obce> --- Um Mißverständnissen vorzubeugen, füge ich hinzu,
daß das Individuum hier im sozialen Sinne gefaßt ist,
etwa gleichbedeutend mit dem vagen und abgegriffenen
Wort Genie.</pa> des Altertums und des Mittelalters war eine machtvolle Persönlichkeit, voll
überschäumender Kraft, die regelmäßig in Wahnsinn ausartete, voll unerschütterlichen, rücksichtslos fanatischen Glaubens, glühender Begeisterung
und brutalen Orgiasmus: dieses Individuum war
ein Raubtier, Delirant und Gott zugleich und
diese Art von Individuen waren es, welche den
Wahnsinn zum Ausgangspunkte aller religiösen
und staatlichen Handlungen machten, sie waren
es, welche vermöge ihrer dämonischen Suggestionsmacht die gewaltigen Massenpsychosen
in Szene setzten: die Kreuzzüge, die Religionskämpfe und noch zuletzt die französische Revolution.</akap>


<akap>Mania und Glaube kennzeichnen diesen Individualismus.</akap>


<akap>Der Individualismus von heute hat außer
demselben Ursprunge, dem intensen Willen zur
Macht, nichts mit dem früheren gemein.</akap>


<akap>In einer Zeit, wo die Herdeninstinkte sich
zu einem mächtigen Gefühl der Zusammengehörigkeit kondensiert haben, wo die Rechte eines
jeden Menschen genau abgegrenzt sind, wo jede
Machtäußerung als ein Übergriff an diesem
Rechte empfunden und zurückgewiesen wird, wo
alles, das über das Niveau des Althergebrachten,
Gewöhnlichen, Alltäglichen hinausreicht, als schädlich und gemeingefährlich bekämpft werden muß,
ist an die Machtentfaltung der herrschsüchtigen
Instinkte, an den Auslöser der tatengierigen Kräfte,
an die Geltendmachung der über das Maß hinausgehenden Anlagen nicht zu denken.</akap>


<akap>Für das Individuum, das dermaßen organisiert
ist, gibt es in der ,,Gesellschaft" keinen Platz.
Und weil ein solcher Mensch alles, was er
am liebsten tun möchte, nicht tun darf, und da
ihm für seine Gedanken und Taten die Zustimmung aller fehlt, so wird er zu einer Art
Tschandala und Paria: er fängt an, sich als Individuum zu betrachten. ---</akap>


<akap>Was das Individuum von heute auszeichnet,
das ist das Gefühl des Über-den-Menschen-seins,
das Gefühl, außerhalb der Marktinteressen der
Menge zu stehen, das Gefühl über alle Gefühle;
seine Instinkte verkümmern, die Quelle seiner
Kräfte allmählich versiegen zu sehen --- die
Geschichte des Individuums wird zu einer traurigen Monographie von gehemmtem Willen und
irrgeleiteten Instinkten, einer Geschichte vom
langsamen Bergeinsturze, wo das Wasser, das
keinen Abfluß gefunden hat, sich in die Tiefe
niederschlägt, Gesteinsmassen auflöst, zersetzt,
aussaugt und den Fels in seinem innersten Gefüge lockert.</akap>


<akap>Daher die Sehnsucht nach Befreiung und
Erlösung, die gefährliche, flügelrauschende Sehnsucht nach dem Hinüber und Hinauf.</akap>


<akap>Doch diese Sehnsucht hat aber noch ein distinktes Merkmal: das Bewußtsein der Aussichtslosigkeit, das klare Bewußtsein, daß der ersehnte
Gegenstand eine Zwangvorstellung ist.</akap>


<akap>In ihr spricht sich ein Geist aus, der mit
der ätzenden Säure seiner Vernunft alles zerstört, der längst aufgehört hat, an sich selbst
zu glauben und sich gegen seine Arbeit mißtrauisch und ablehnend verhält, ein Geist, welcher
sich selbst untersucht, sich nicht mehr ernst
nehmen kann und über sich selbst hinwegzulachen
und auf seinem eignen Kopfe tanzen gelernt hat,
der in dem höchsten Raffinement menschlicher
Findigkeit unbefriedigte Geist, der endlich nach
langem Suchen zu der trostlosen Erkenntnis gekommen ist, daß doch alles umsonst gewesen,
daß er über sich selbst nicht hinauskommen
kann.</akap>


<akap>Daher auch die Sucht nach dem Genusse. ---</akap>


<akap>Doch dieser morbiden Genußsucht fehlt die
unbefangene Freude an dem Genusse, der sich
Selbstzweck ist, und der dem instinktiv empfundenen Überflusse an Kräften entströmt. Das
Individuum von heute besitzt nicht solche Instinkte und daher ersetzte es die naive Freude
an der Auslösung des Kräfteüberflusses mit dem
Verlangen nach Betäubung. Das ganze Leben
wird zu einer reinen Betäubungsfrage.</akap>


<akap>Die Morbidezza eines solchen Genusses, der
in dem Sich-betäuben-wollen gipfelt, erklärt dann
auch die Art zu genießen.</akap>


<akap>In der schmerzhaften Anspannung der arbeitsunfähigen Nerven schwingt sich das Individuumdécadent bis zu jener geheimen Grenze hinauf,
wo im menschlichen Leben Freude und Schmerz
in einander übergehen, wo beide in ihren Extremen zu einer Art zerstörenden Lustgefühls,
eines extatischen Außer-- und Über-sich-seins
werden. Alle Gedanken und Taten nehmen die
Formen des Verwüstenden, Maniakalischen an
und über allem ruht schwer, bedrückend etwas
von der schwülen Athmospähre des nahenden
Gewitters, etwas von den schmerzhaften Vibrationen der delirierenden Wollust einer Impotenz,
etwas von der hektischen Röte einer Hysterie
der Sinne.</akap>


<akap>Es ist ein klinisches Bild, das ich hier entworfen habe und einem solchen muß naturgemäß
die physiologische Betrachtungsweise zu Grunde
liegen.</akap>


<akap>Das Individuum ist in erster Instanz nichts
als ein automatischer Oxydationsapparat, dessen
ganzes intellektuelles Leben in erster Linie nur
eine Einrichtung bedeutet, welche die vegetativen
Lebensäußerungen psychisch umzuwerten und zu
interpretieren, und so den Einzelnen vor dem
Untergange schützt, indem sie ihm das Fördernde
als Glücksgefühle, das Schädliche als Mißbehagen
und Schmerz umdeutet.</akap>


<akap>Das psychische Leben aufgefaßt als vergeistigter Geschlechtstrieb, vergeistigte Magenvorgänge, vergeistigte Absonderungs-- und Oxydationsprozesse vermag uns auch etwas über die biologische
Stellung und Bedeutung des Individuums zu sagen.</akap>


<akap>Ich glaube hier eine These aufstellen zu
können, die nicht weit an der Wahrheit vorbeischießen dürfte:</akap>


<akap>Je verfeinerter die Instrumente sind, welche
die vegetativen Prozesse zum Bewußtsein bringen,
je intensiver die Ausdrucksformen dieser Prozesse
sowohl in der Freude wie im Schmerze, desto
größere Aussichten besitzt das Individuum, sich
zu erhalten, zu behaupten und so für das gedeihliche Fortkommen der Art zu sorgen.</akap>


<akap>In diesem Sinne ist das Individuum ein Art-erhaltendes, Art-förderndes Agens, nur so ist es
zu verstehen, weshalb es gerade das Individuum
war, welches den gefährlichen Übergang vom
Tiere zum Menschen einleitete, welches die nachrückende Masse organisierte und von welchem alle
Gestaltungs-- und Formungsprozesse ihren Ausgang nehmen.</akap>


<akap>Das Individuum ist der ewige Zirkulationsstrom voll ernährenden Plasmas, der in dem
sonst bedeutungslosen Gewebe den Stoffwechsel,
die Grundlage des organischen Wachstums, besorgt und es so funktionell brauchbar macht, ---
ein Fermenterreger, der in das indifferente Gemenge die Gährungsprozesse einleitet, der leitende
Verbindungsfaden, den man in einem Embryo
zwischen Nerven und Muskelzellen vermutet und
an dem der Nervenfaden in einen ganz bestimmten
Muskel hineinwächst. ---</akap>


<akap>Daher auch das Pathologische solcher Erscheinung, aber nur im klinischen Sinne.</akap>


<akap>Nur im klinischen, im physiologischen ist eine
solche Entwicklung die denkbar natürlichste.</akap>


<akap>Das Individuum besitzt eine Nervenmasse von
einer ungeheuren Instabilität, einer enormen Zersetzbarkeit, infolgedessen auch das Maßlose der
Empfindungsqualität.</akap>


<akap>Maßlos im Schmerz und maßlos in der
Freude.</akap>


<akap>Diese intense Empfindungsweise ist es, welche
das Individuum darauf anweist, allein und einsam zu sein.</akap>


<akap>Nicht das Individuum sondert sich ab, sondern
es ist schon von vornherein abgesondert.</akap>


<akap>Es empfindet anders, als alle Menschen, es
empfindet dort, wo andere Menschen nichts emfinden, und weil die Gehirne seiner Mitmenschen
selbst nicht einmal dort in Mitschwingungen
geraten, wo das Individuum sich in heftigster
Vibration befindet, so ist es eben einsam und
allein. ---</akap>


<akap>Das Tieftragische im Individuum ist das Mißverhältnis, in welchem es zu seinen Mitmenschen
steht. Aus diesem Mißverhältnis erklärt sich
dann sein Menschenekel und Menschenhaß, sein
Mißbehagen und seine Sehnsucht, seine Selbstflucht und seine Krankheit und an diesem Mißverhältnisse geht das Individuum zu Grunde.</akap>


<akap>Das aber muß ich betonen, daß die Notwendigkeit des Unterganges einer solchen Persönlichkeit nicht in den Verhältnissen liegt, nicht
im Außen begründet ist, sondern im Individuum
selbst, in seiner innersten Uranlage, in seiner
hohen Entwickelung.</akap>


<akap>Was diese Art der Entwickelung charakterisiert, ist die enorme Anspannung sämtlicher
Kräfte in jedem Momente, das ist das große Gehirn mit der Fähigkeit, das Gras wachsen zu
sehen, das Unhörbare zu hören, sich in jedem
Augenblicke an jeder Empfindung mit seinem
ganzen Inhalte zu betätigen, das ist der synthetisierende Geist, der jedes Ding in seinen entlegensten Zusammenhängen, in seinen intimsten
Ausstrahlungen zu erfassen und es so zur höchsten
Potenz zu erheben vermag, das ist der andauernde intellektuelle Erethismus mit seinen kataleptischen Zuständen, seinen Autosuggestionen
und Wahnvorstellungen.</akap>


<akap>Es ist klar, daß eine solche geistige Verfassung nur unter der Voraussetzung einer enormen Empfindungsintensität möglich ist: das Fatale
an jeder wachsenden und gesteigerten Kultur ist
das steigende Überhandnehmen der Schmerzgefühle, die dann als organische Räsonanz, den
Verfall zur Folge haben: die Kultur geht an sich
selber zu Grunde; und das Fatale am Individuum
ist es eben, daß alle seine Gefühle mit Schmerzgefühlen innig vermengt und zersetzt sind, daß
es fortwährend jenen physiologischen Rückschlägen
ausgesetzt ist, die ein anderer sonst nur bei dem
intensesten aller seiner Gefühle --- dem Wollustgefühl --- konstatieren kann, und die dann nur
noch der Dichter nach jedem Schöpfungsakte an
sich erfährt, --- wie überhaupt der Dichter in dem
Momente des Schaffens an diese extremste Potenzierung des Menschen, die ich hier ins Auge
fasse, allein heranreicht. ---</akap>


<akap>Und so hat jene Auffassung des Individuums
als eines Art-erhaltenden und Art-fördernden Momentes in dem Entwicklungsleben der Menschheit
eine Kehrseite: die tragische Auffassung seiner
Persönlichkeit als eines Mittels.</akap> 


<akap>In dem Leben des Individuums offenbart sich
das grandiose Walten der Natur, die nur die
Art im Auge behält und sich um das Individuum
nicht kümmert, dasselbe Walten, welches in den
Ameisen und Bienenstöcken das Weibchen kastriert
und es zu einer Sklavin macht, die als Arbeiterin
für die Art sorgen muß, dasselbe Walten, welches
in den niederen Tierarten das Männchen untergehen läßt, sobald das Weibchen befruchtet und
somit für die Fortpflanzung der Art gesorgt hat,
das Walten, welches das ganze Leben zu einer
großen geschlechtlichen Funktion macht, zu einem
Dungmaterial, auf welchem die Art gedeihlich
emporschießen soll.</akap>


<akap>Das ist das große Martyrium des Individuums, daß es sein Leben für die Art opfern
muß. ---</akap>


<akap>Der doppelte Charakter in der Auffassung einer
individuellen Persönlichkeit ist es, der mir bei
Beurteilung der beiden ausgesprochensten Individualisten unseres Jahrhunderts, Chopin und Nietzsche, zum Ausgangspunkte dient und sie mir so
innig verwandt erscheinen läßt.</akap>





<naglowek_rozdzial>II</naglowek_rozdzial>




<akap>Chopin ist ein Kreuzungsprodukt zweier Individuen, die verschiedenen Rassen und verschiedenen Kulturen angehörten, und dies eben
war von vornherein für sein Wesen von bestimmender Bedeutung.</akap>


<akap>Durch sein ganzes Wesen zieht sich eine
scharfe Linie, welche die Aneinanderlagerung
der Merkmale beider Rassen bezeichnet, ohne
daß es jemals zu ihrer gegenseitigen Durchdringung oder Auflösung zu etwas Ganzem gekommen wäre.</akap>


<akap>Das spezifisch-slawische in ihm, die subtile
Feinheit des Gefühls, die leichte Erregbarkeit
und die Fähigkeit, ohne irgend welche Vermittlung von einem Extrem ins andere überzuspringen,
das Leidenschaftliche und Sinnliche, die Neigung
zur Prunk-- und Verschwendungssucht, und vor
allem der eigenartige, melancholische Lyrismus,
der nichts weiter ist, als der sublimierteste
Egoismus, der alles auf sich bezieht und seine
eignen Ich-Zustände als den einzigen und höchsten Maßstab hinstellt, die dunkle Melancholie endloser Ebenen mit ihren sandigen, wüsten Strecken
mit dem bleiernen Himmel darüber, trat in grellen
Widerspruch zu der gelenken, leichtsinnigen Beweglichkeit des Galliers, seinem koketten Femininismus, seiner Lebenslust und Lichtfreude.</akap>


<akap>In diesem Zwiespalt lag schon der Keim, der
nach und nach zu einem ausgedehnten Degenerationsherd wurde, von dem aus aufsteigend
die Degeneration das eigentlich Zentrale in ihm,
seine eigenste Uranlage, die starke Intensität
des gesunden Empfindens, in Mitleidenschaft gezogen hatte.</akap>


<akap>Die Musik Chopins aus seinen letzten Jahren
zeigt ein ausgesprochenes Merkmal der Schreckbildpsychose. ---</akap>


<akap>Schon frühe, begünstigt durch das Milieu, in
dem er aufgewachsen war, kam es zu der einseitigen Ausbildung der lyrischen Grundstimmung
seines Wesens.</akap>


<akap>Die unbegrenzten, ermüdenden Formen der
Landschaft, auf der leicht erregbare, zum Träumen
veranlagte Menschen hinvegetieren, ihre Musik,
die sich nur in wenigen Molltönen bewegt, und
in deren Monotonie sich die Landschaft widerspiegelt, die düstere Pracht der Mondscheinnächte,
welche den Landflächen den Charakter des Exotischen, ja beinahe Gespenstischen aufdrückt, alles
dies wurde in dem Gehirne des Knaben, bei dem
den Kindern eigenen Drange nach Personifikation
und Symbolisierung verinhaltlicht. Um jede dieser
so gewonnenen Formen gruppierten sich ganze
Massen von Stimmungen, Gefühlen, Willensäußerungen, die alsdann als ureigenster Bestandteil der Seele eine wichtige Formation derselben
bilden, den Sedimentgesteinen vergleichbar, die
in der paläozoischen Bildungsperiode der Erde
sich aus dem Urmeere ablagerten und sich zur
ersten bleibenden Schicht kondensiert hatten.</akap>


<akap>Diese melancholischen Eindrücke scheinen
bei Chopin den barozentrischen Kernpunkt gebildet zu haben, um den alle später hinzukommenden zu oszillieren anfingen, sie sind es, die in
die Seele eines jeden Menschen tief einschneiden,
allen Empfindungen eine ganz spezifische Bedeutung und Farbe beilegen, sie in bestimmten
Richtungen anordnen, gleichwie durch die magnetische Influenz die durcheinander gelagerten Eisenmoleküle geordnet und nach zwei Polen dirigiert
werden.</akap>


<akap>Seine schwache Konstituation und alle die
Krankheitskeime, die allmählich seinen Körper
zerstörten, bilden vielleicht das stärkste dynamische Agens in dem Aufbau seines Wesens.
All die kleinen und kleinsten Empfindungen des
physischen Unbehagens setzten sich in seinem
Gehirne, von dem Bewußtsein falsch interpretiert,
in Gefühlswerte um, unlokalisierbare Gemeingefühle der Müdigkeit, Abspannung, träumerischen
Hindüsterns und weicher Schwärmerei.</akap>


<akap>Diese minimalen Reize, die zu gering waren,
um einen wohl differenzierten physischen Schmerz
hervorzurufen, haben doch nach und nach jene
fatale Spannung seines Gehirns erzeugt, derjenigen
einer Gasmasse ähnlich, die auch nur aus den
zahllosen minimalen Anstößen der hin-- und herfliegenden Molekeln sich summiert, um allmählich zur höchsten kinetischen Energie anzuwachsen.</akap>


<akap>Die ungesunde Kultur, mit der alle Verhältnisse, in denen er lebte, durchtränkt und durchsättigt waren, die landschaftliche Umgebung und
seine frühesten Eindrücke, Vererbung und Krankheitskeime haben in ihm allmählich jene Sehnsucht gezeitigt, die sich wie ein Niederschlag in
seinem Gehirne festsetzte, durch den jedes Gefühl
erst hindurchfiltriert werden mußte und von dem
es einen eigenen Ton, einen eigentümlichen Beigeschmack erhielt. Bei der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit bildete diese Sehnsucht gleichsam
ein Meer von strahlender Wärme, die alles in ihm
zersetzte und auflöste, einen Herd vom verzehrenden
Saugstoff, der alles absorbierte: in seiner Seele
wurde alles zur Sehnsucht.</akap>


<akap>Doch diese Sehnsucht Chopins hat nichts gemein mit der, die gesunden Naturen das Herz
schwellt und lebensfähige Keime in dem trächtigen Mutterschoß trägt, es ist auch nicht die
Sehnsucht des Zarathustra, die in sonnetrunkener
Entzückung unbekannten Göttern ihr extatisches Rausch-Evoë zujauchzt --- sie ist ganz eigener
Art. Sie hat die kranke Farbe der Anämie mit
der transparenten Haut, durch die man das feinste
Geäder hindurchschimmern sieht, die schlanke
Gestalt mit den länglichen Gliedern, die in jeder
Bewegung die unnachahmliche Grazie degenerierter Adelsgeschlechter atmen und in den Augen
die übergroße Intelligenz, wie man sie bei Kindern
sieht, denen der Volksmund kein langes Leben
verspricht.</akap>


<akap>Sie ist die zitternde Nervosität der Überfeinen,
eine beständige, schmerzhafte Erregbarkeit bloßgelegter Wunden, ewiges Anschwemmen und Zurückfluten einer krankhaften Sensibilität, ein stetes
Unbefriedigtsein des Raffinement, die Müdigkeit
der Überempfindlichen, in deren Auge das Sonnenlicht nur prismatisch gebrochen und die starken
satten Farben erst gleichmäßig abgetönt hineingelangen können.</akap>


<akap>Sie ist aber auch wilde Leidenschaft, sie ist
Krampf und Agonie der Todesangst, Selbstflucht
und Zerfallsdrang, Delirium und idiotisches Hinträumen, wo man vor sich hinstarrt, ohne irgend
etwas zu sehen. Wohl werden Lichteindrücke
empfangen, aber man erkennt sie nicht als von
außen kommend, man muß sich erst besinnen, was
heute, was gestern ist.</akap>


<akap>Die Krankheit Chopins hat sich in seiner Musik
umgesetzt in eine grenzenlose Müdigkeit. Es ist die
Müdigkeit der Schwindsucht mit ewig wechselnden
Stimmungen, die wie stille Herbstwinde über nackte
öde Felder streichen, dürres Laub vor sich fegen
und die Natur mit düsteren, monotonen Mollakkorden zu Grabe tragen. Es ist die Müdigkeit des lustsatten Wehs mit dem feinen trüben Lächeln
um die Mundwinkeln, der trostlos öden Langeweile
sonnverbrannter Grassteppen, dem leisen Hin-- und
Herwogen endloser Meere, die sinnende, brütende
Idiotie des Gebetes. ---</akap>


<akap>Es gibt dann in der Musik Chopins eine Stimmung
von geradezu überwältigender Wirkung. ---</akap>


<akap>Es ist ein ,,je ne sais quoi" vom Gefühl, das
dem einer Befreiung ähnlich ist, einem tiefen Aufatmen nach der Dyspnoe, es ist als ob sich eine
feine, spinngewebige Haut von der Seele loslöste,
es ist als ob ein feiner Nebel am herbstlichen
Morgen von den Feldern zurückwiche, sich langsam hebe, weißen Gaswolken vergleichbar, und
über die aufwachende, dampfende, weißglitzernde
Landschaft langsam die Sonne mit ihrer kalten,
skeptischen Klarheit aufginge.</akap>


<akap>Das sind die gröbsten, psychologischen Umrisse seiner Musik und nur in einer solchen konnte
die ungeheure Reichhaltigkeit der menschlichen
Empfindung, die zartesten Feinheiten, die ewig
wechselnden Nuancen der Stimmungen, das Unausdrückbare, Rätselhafte, Flüchtige und Gespenstische im Menschen geoffenbart werden.</akap>





<naglowek_rozdzial>III</naglowek_rozdzial>




<akap>Ausgerüstet mit Nerven, deren ,,Anspruchsfähigkeit" so übermäßig gesteigert war, daß auf
den geringsten Reiz vulkanische Explosionen erfolgten, mit den krankhaft gesteigerten Sinnen,
den allerfeinsten Fühlhörnern vergleichbar, die
selbst dort zum Vorschein kommen, wo die menschlichen Werkzeuge schon längst ihren Dienst versagten, wußte er jedes Gefühl, das sich kaum
über die Schwelle des Bewußten hinaufgewagt,
in seinen Tönen fest zu magnetisieren. ---</akap>


<akap>Jede Stimmung, deren man sich sonst nicht
bewußt wird, rief in seinem Gehirne auf rätselhaftem Wege eine zugehörige Klangfarbe hervor,
jedes seelische Ereignis, mochte es noch so zart
und flüchtig sein, prägte sich sofort in entsprechenden Tonwert um. Und es scheint, als ob das
Gesetz von der spezifischen Energie der Sinnesorgane für ihn keine Geltung hätte, als ob es in
diesem ewig fiebernden Gehirne irgend einen Punkt
gäbe, in dem alle Empfindungen zusammenliefen,
irgend eine Verbindung der Sinnesorgane unter
einander derart, daß eine Licht-- oder Geschmacksempfindung ohne weiteres auf die Gehörnerven
überginge. ---</akap>


<akap>Und vermöge dieser Eigenschaft bedeutet
Chopin eine känogenetische Entwicklungsstufe par
préférence, neu auftauchende Züge in der geistigen
Physiognomie des Menschen, neue Leitungsbahnen,
die im Menschengehirne erschlossen wurden, eine
enorme Bereicherung des Gemütslebens: an Chopin
kann man studieren, um wie viel der moderne
Mensch an neuem Empfindungsleben seinem Vorgänger, wie er sich in der klassischen Musik
offenbart, überlegen ist.</akap>


<akap>Hier zum ersten Male hat der arriére-fond
der Seele Ausdruck gefunden, ein bisher unbekanntes Leben, von dem das Bewußte der verschwindend kleine Teil ist, ein direkt zweites
Leben, das sich nur reflexiv äußert, worin wir
aber den Grund und die Ursache aller unserer
Lebensäußerungen zu suchen haben, --- das ist
der hypothetische Erdmagnetismus, der die Ablenkungen der Magnetnadel erklärt, der Weltäther,
der uns die Schwingungen der Atome begreiflich
macht, die elektromotorische Kraft, die das Überspringen der Elektrizität vom positiven zum negativen Potential unserem Verständnisse näher rückt.</akap>


<akap>Doch Chopin reflektiert nicht, er hat diese
Arbeit seinem großen Nachfolger --- Nietzsche ---
überlassen, er selbs tschildert nur, lebt nach,
läßt fremde Nervenströme durch sein Gehirn
passieren.</akap>


<akap>Und dies gerade, daß er selbst der Mann
beständiger Erschütterungen, brodelnder Gährungen, fiebernder Delirien, extatischer Verzückung
und irrsinnigen Trübsinnes ist, hat ihn zum bedeutendsten Psychologen der hysterischen Seele, der
Spasmen kranker Nerven, der irritierenden Qualen,
der unlokalisierbaren Schmerzen, der zitternden
Unruhe gemacht. ---</akap>


<akap>Es gibt eine Stelle in seinen Werken, die die
beste Illustration zu meinen Worten bildet.</akap>


<akap>Ich meine das Ende des Sostenuto-Teiles im
H-moll-Scherzo: In der brütenden, so endlos
schmerzlichen Monotonie plötzlich ein schriller
Akkord von grandioser Wirkung.</akap>


<akap>Dieses unmittelbare Aufkreischen mitten in
dem dumpfen Hinträumen in einen schweren,
traumlosen Schlaf hinein, dieser physisch-brutale
Aufschrei in der Agonie des Schmerzes, dieses
heisere, gelle Auflachen mitten in dem düsteren
Ernst einer nächtlichen Herbstlandschaft, gibt
uns bessere Auskunft über die Nachtseiten des
menschlichen Empfindungslebens, als alle psychologischen Klügeleien insgesamt.</akap>


<akap>Was wissen wir von der ewig unheilbrütenden
Macht, von dem Dämon in uns, dem mittelalterlichen Fürst der Finsternis vergleichbar, der in
der ewigen Nacht unseres Daseins lebt, in dessen
Händen wir willenlose somnambule Medien sind?</akap>


<akap>Wir sehen, wie vor unseren Augen grinsende
Gespenster aufsteigen, wir fühlen plötzlich einen
Biß im Inneren, so schmerzhaft und so brennend,
daß sich unser ganzes Wesen in Todesangst aufbäumt --- wissen wir woher das alles kommt,
weiß ein Lustmörder, weshalb ihn das frische
Mädchenfleisch zum Morde berauscht, weiß ein
Irrsinniger, weshalb er rast?</akap>


<akap>Horla! Horla!</akap>


<akap>Horla, der Edgar Poe am Alkohol, Baudelaire
am Haschisch, Maupassant an Äther zu Grunde
gehen läßt und Horla im Chopin hat dies Scherzo
geschrieben!</akap>


<akap>Hier tritt uns das Problem des Menschen entgegen mit seinen Untiefen, dem unterirdischen
Brausen, dem dumpfen Prasseln eines unsichtbaren Brandes --- das gewaltige Problem, den
keine Hypothesen von den doppelt-elektrischen
Molekülen, keine Theorien von Atomen mit
elektrolytischen Eigenschaften erklären werden,
und l’homme machine, wie sich ihn die flachen
anglisierenden Philosophen konstruiert haben, wird
immer mehr zu einem Rätsel, weit tiefer aufgefaßt, wie man es im unwissendsten Mittelalter
auffaßte.</akap>



<naglowek_rozdzial>IV</naglowek_rozdzial>





<akap>An Chopin wurde mir zuerst das Wesen der
Musik klar. ---</akap>


<akap>Der schematisierende Philosophengeist, der
schön geordnete Vermögen und Fakultäten besitzt, sucht für die Musik einen getrennten Ursprung, er will sie aus der Nachahmung von
Natur --- und Tierlauten entstanden wissen, nach
dem lieblichen ABC der Bau-Wau-Theorie.</akap>


<akap>Hat man aber erst einen tieferen Einblick in
den Menschen, und somit auch die Überzeugung
gewonnen, daß unser Blick kaum die Oberfläche
am Menschen streife, daß der Kahn unserer Erkenntnis auf dem glatten Eise der Bewustseinsphänomene gleite, nicht ahnend, daß darunter
abgründliche Meere in majestätischer Pracht
ruhen, dann begnügt man sich nicht mit diesen
flachen Theorien.</akap>


<akap>Dort unten ist der gemeinsame Allmutterschoß, in dem alle Fakultäten in einem Keime
beisammen ruhen, in einander verfädelt und verwachsen. ---</akap>


<akap>Und sieht man einen Menschen an in seiner
ewigen, rastlosen Beweglichkeit, denkt man sich
hinein in das abwechselnde Erstarren und Aufschmelzen seiner Gesichtslinien, in die spielenden
Schatten und Lichter, die beständig hin-- und
herhuschen, ohne daß der Mensch irgend etwas
von diesem Spiele, das seine Nerven mit unsichtbarer Hand in Szene setzen, wüßte, da wird der
Gedanke eines gleichen Ursprunges auch für die
Musik nahegelegt, als eines geheimnisvollen
Korrelats der beständigen Ebbe und Flut in
unseren Nerven, als einer äquivalenten notwendigen Reflexwirkung des letzteren, eines
motorischen Ausschlages ohne Begleitung irgend
eines psychischen Parallelprozesses.</akap>


<akap>Der ,,Gefühlston", unter welchem ein jeder
Eindruck, mag er noch so klein sein, sich dem
Gehirn darbietet, scheint zu einer motorischen
Energie zu werden und im Kehlkopfe die Stimmbänder in Schwingungen zu versetzen, die alsdann
im Gehörorgane zu Tonwerten umgeprägt werden.
Ob dies auch dem tatsächlichen Verhalten entspricht, mag dahingestellt sein, ich will mich nur
verständlich machen.</akap>


<akap>Übrigens wird wohl etwas Wahres daran
sein. ---</akap>


<akap>Es gibt einen experimentellen Weg, der das
Essentielle meiner Ausführungen bestätigt.</akap>


<akap>Überläßt man sich dem Einflusse der Musik
--- ich kann es immer konstatieren, wenn ich
Chopin höre --- dann fühlt man, wie sich eine
ganze Schar von Gefühlen hinaufdrängt, die man
früher nicht bemerkt hatte. Man merkt, wie
über die vom Lichte des Bewußten übergossenen
Gegenstände flüchtige Schatten hinüberfliegen ---
wie das Bewußte intermittierend auf Augenblicke
verdunkelt wird durch vage Erinnerungen, leise
Unruhe, eine Art von Erzittern, als ob in der
Ferne schwere Wagen rollten und den Erdboden
erschütterten --- man fühlt ganz deutlich, wie
ein Ton nach dem andern ganze Ketten unfixierbarer Stimmungen aus der Tiefe hervorschleppt,
wie sich diese Töne dann um einen Punkt kondensieren und plötzlich taucht irgend ein Erlebnis
auf, das wie die neugeborene Sonne auszustrahlen
beginnt und mit seiner Wärme in die tiefsten,
entlegensten Winkeln unserer Seele hineingelangt. ---</akap>


<akap>Was geschah?</akap>


<akap>Die Töne haben ihre korrelativen Gefühle
wachgerufen, ganz unscheinbare vage Stimmungen,
die als Begleiterscheinungen irgend eines Erlebnisses seiner Zeit aufgetreten, aber nicht empfunden wurden. Jetzt erst traten sie in Aktivität und nur auf diesem Wege gelangen wir zu
den entferntesten geistigen Irradiationen, die sich
auf dem Boden des geistigen Daseins festsetzen
und ihn mit dünner Kruste überziehen.</akap>


<akap>Und gerade für diese sekundären Gefühle,
für alles das, was sich aus jener Tiefe des Unbewußten hinaufarbeitet, was dunkel und verschwommen nach der Sonne hinaufstrebt, für
alles Unsagbare, Zerrinnende, Beängstigende und
Aufjauchzende, wofür wir keinen Grund anzugeben wüßten, wofür die Sprache keine Laute
hat, wofür die scharfsinnigste Erklärung nur eine
geschickte Taschenspielervolte ist, haben wir in
Tönen Ausdruck.</akap>


<akap>Und wie Musik, als Stimmung, die sie ihrem
Wesen nach nur allein bedeuten kann, dort aufhört, wo die Erkenntnis ansetzt, und wie sie sich
beide in die Hände arbeiten, und wie der Ton
sich in die Tiefe aus demselben Keim entwickelt,
aus welchem das Wort sich mühsam in die Höhe
hinaufarbeitet, unwissend, ob es der Lüge oder
der Wahrheit zustrebt, so hat Chopin, der feinste
Psychologe des Unbewußten, auch seine Ergänzung
gefunden, so innig mit ihm verwandt und tausendfältig mit ihm verhäkelt und verfädelt, wie es
nur eben Ton und Wort miteinander sind.</akap>


<akap>Dieses Korrelat von Chopin, seine Fortentwicklung auf gemeinsamen Boden und unter denselben kulturellen Bedingungen, vielleicht nur
seine Kehrseite ist Friedrich Nietzsche.</akap>





<naglowek_rozdzial>V</naglowek_rozdzial>




<akap>Zwischen Chopin und Nietzsche bestand eine
Art Sternenfreundschaft zweier Kometen, von
denen es in der ,,Morgenröte" geschrieben steht,
daß ihre Bahnen sich einmal in der Unendlichkeit
gekreuzt haben müssen; dann sind sie sich wieder
fremd geworden, um nach unabsehbaren Zeiten
sich wieder einmal zu nähern. ---</akap>


<akap>Wo Chopin aufhört, setzt Nietzsche an. Jener
bannte die feinste Regung in seinem Inneren fest,
mit den Polypenarmen seines Gehörs erhaschte
er die flüchtigste Stimmung und mit der naiven
Unbefangenheit des aristokratischen Von-Ohngefährs in seinem Wesen, gab er uns Kunde von
der geheimen Arbeit in den tiefsten Seelenschichten.</akap>


<akap>Wie nun gerade diese im Dunklen des Unbewußten vegetierende Niederschlagsflora für die
Handlungsweise des Menschen von ausschlaggebender Bedeutung sei, wie sich gerade aus den
unverstandenen, unbewußten Irradiationen eines
physischen Vorganges die Willensakte aufbauen
und längst fertig vorliegen, bevor man noch mit
dem Abwägen zum Abschlusse gekommen ist,
wie vor jeder Urteilsfähigkeit das physiologische
Postulat existiert, das uns alle unsere Handlungen
ausführen läßt, ohne daß wir nach unseren
Wünschen gefragt würden, wie alle seelischen
Komplikationen aus untereinander gleichartigen
Elementen bestehen und ihre scheinbare Verschiedenheit, ihre erstaunliche Mannigfaltigkeit
nur der Ausdruck tausendfältiger Modifikationen
eines und desselben Elementes ist, wie Wahrnehmung, Gefühl, Wille eine untrennbare Einheit,
die psychische Funktion des minimalsten Bewegungsmomentes eines Nervenmolekels darstellen, wie überhaupt alle psychischen Zustände,
die in ihrer Getrenntheit als etwas Einfaches,
schlechthin Gegebenes, An-sich-Verständliches,
als Ursachen und Kräfte aufgefaßt werden, nur
falsche Interpretationen und Aggregatzustände
physischer Vorgänge seien, alles das hat erst
Nietzsche nachgewiesen und zugleich das große
Mißtrauen gegen alles Bewußte gelehrt.</akap>


<akap>Das Bewußte am Menschen --- im Sinne
Nietzsches --- ist wie die dünne Erdkruste, deren
Zusammensetzung uns keinerlei Aufschlüsse über
die Beschaffenheit des glühend flüssigen Erdinhaltes, aus dem sie sich durch Erstarrung gebildet hat, geben kann, es ist ein ewiger Clownstreich der interpretierenden Vernunft, um den
Menschen zu betören und ihn irre zu leiten. Der
fühlende, hoffende, wollende Mensch kam ihm wie
ein Tier vor, das der Gott, wenn er bei Laune
ist, kitzelt und stichelt, um sich an seinen Grimassen und dem grandiosen Gebahren desselben
zu belustigen. ---</akap>


<akap>Und nur durch diese falschen Interpretationen,
durch diese eigentümlichen Aggegratzustände
irgend etwas Unbekannten, durch dieses voreilige
Zugreifen nach dem, was da ist, ohne sich nach
seinem Ursprünge und Herkommen zu fragen,
erklärte er sich den Glauben an die Seele als
ein etwas, das in dem Menschen sitzt, das denkt,
fühlt und will, dem ein ausgedehntes, obwohl
nicht materielles, ein einfaches, absolutes Sein
zukommt, das den Leib beherrscht und diese
Hülle von sich ohne weiteres wegschütteln kann.
--- So erklärten sich ihm die antropomorphen
Vorstellungen vom Wollen, als einer persönlich
wirkenden Kraft, der Grundglaube an den freien
Willen, als etwas schlechthin Undiskutierbares,
außer allem Zweifel Stehendes, als die Grundtatsache des menschlichen Lebens --- und so erklärten sich ihm die Konsequenzen dieses Glaubens,
die Verantwortlichkeit, die Schuld, die lohnende
und strafende Gerechtigkeit, die Grundwerte
unseres moralischen Schätzens: das Gut und
Böse. ---</akap>


<akap>Es gibt aber keinen freien Willen, folglich
gibt es keine Verantwortlichkeit, unsere Willensakte werden gewollt, aber nicht von uns, sondern
von unserer Physis, über die wir keine Macht
haben. Es gibt aber auch kein Gut und Böse,
denn mit diesen Prädikaten belegen wir im letzteren Grunde nur die Natur, die im Menschen waltet,
und diese zu loben oder zu verdächtigen ist
Unsinn, ein Stück posthumer Vergangenheit, ein
Atavismus rohester Art.</akap>


<akap>Folglich ist unsere Moral im Sinne des Verbindlichen und Absoluten auch nur ein Produkt
des barbarischen, kindischen Denkens. ---</akap>


<akap>Um die moralischen Phänomene zu erklären,
bedarf es eines anderen Weges.</akap>


<akap>Das ist der kritisch-philosophische Teil der
Arbeit Nietzsches in den gröbsten Umrissen, die
Übersetzung Chopinscher Musik in die philosophische Sprache, Analyse und Deduktion aus
dem Material, das Chopin geliefert hat.</akap>





<naglowek_rozdzial>VI</naglowek_rozdzial>




<akap>Nietzsche war einer der seltenen Typen, die,
gleich den Schütterlinien, --- welche beim Erdbeben aufgerissen werden und die Stellen bezeichnen, wo die Erde einen Versuch gemacht
hatte, sich neu umzugestalten --- das Trachten
der Natur kundgaben, den Menschen, über sich
selbst hinaus zu schaffen und dieselbe Differenzierungsarbeit, die bis jetzt das ursprüngliche
Protoplasmaklümpchen in einzelne Organe gesondert hatte, nunmehr weiter auszudehnen: die
Menschen zu individualisierten Funktionen zu
machen, gerade so wie sie in den Hymnopteren-- und Thermitenstöcken den Polymorphismus zwischen
Zeugenden, Gebärenden, Pflegern, Arbeitern, Beschützern zu Stande gebracht hatte.</akap>


<akap>Nietzsches Leben hatte sich in seinen Gedanken abgespielt, er hatte keine weiteren Erlebnisse, als nur neue Gedankenperspektiven,
neue seelische Evolutionen, und in seiner Konstitution war er lauter Gehirn, ganzes Gehirn
mit seinem Doppelbilde, der übermäßigen Intelligenz, und dem aufs äußerste gesteigerten affektiven Leben.</akap>


<akap>Nietzsche war ein reiner Intelligenz-- und
Gehirnmensch ganz genau in demselben Sinne,
wie es bei einer Gattung der Hydromedusen,
den Siphonophoren, Magentiere, Genitaltiere und
Atmungstiere gibt.</akap>


<akap>Und darin eben, daß er die höchste Entwicklung und somit Übergang war, daß er mit der
einen Hälfte seines Seins in eine neue Periode
hinübergriff, daß das ganze Gleichgewicht seiner
organischen Fortbildung sich nach dem Gehirn
verrückte, daß er fortwährend an sich zum ,,Verbrecher" werden mußte, daß er ewiges Zerstören
und Neu-Schaffen, ewiges Werden und Geschehen,
stete Ebbe und Flut war, lag sein Untergang.
Es war in ihm etwas von den Fieberzuständen,
welche die Ausstoßung verbrauchter und verfaulender Gewebe begleiten, etwas von dem
Seelenasthma, da die Lebensbedingungen, unter
denen er lebte, nicht für ihn geschaffen waren,
etwas von der nervösen Sensibilität und der allgemeinen übermäßigen Verfeinerung der Zwischen-- und Übergangsarten.</akap>


<akap>In seiner ganzen Entwicklung sah man das
große, geheimnisvolle Naturgesetz walten, wonach diese vermittelnden ,,Brücken" zu Grunde
gehen müssen, gleich als ob sich die Natur ihrer
Werdeprozesse schämte und deshalb alles Werden
sich hinter den Kulissen abspielen läßt. ---</akap>


<akap>Doch das eben, was sein Untergang war,
machte auch zugleich seine Stärke, seine Macht
aus. Er besaß jenen Scharfblick der Degenerierten mit der verletzenden Intensität einer
Wintersonne, die sich mit ihrem Lichte über
Schneefelder ergießt und jedes Schneekristallchen
deutlich zu erkennen gibt --- ein Auge, das einem
Projektionsapparate gleich, das Gesehene, tausendfältig vergrößert, ins Gehirn projizierte, um jedes
Ding in seiner intimsten Struktur in seiner kompliziertesten Verfassung betrachten zu können. ---
Aus seinen Sinnen konstruierte er sich Tastorgane, um dem Auge nachzuhelfen und dem Flächenbilde desselben seine stereometrischen Dimensionen zu geben. Sein Gehirn glich einer
elektrischen Influenzmaschine, die sich von selbst
immer von neuem ladet, oder einem Blutgefäß,
das stets in Funktion bleibt, indem es sich fortwährend mit eigenen Gefäßen speist, und so
konnte es nie zur Ruhe kommen, fortwährend
streckte es seine Fühlhörner nach allen Seiten
aus und während eines derselben sich mit einem
Problem beschäftigte, eröffneten ihm die anderen
neue Perspektiven, versetzten ihn in Fühlung
mit den entlegensten Dingen, die bei der Beurteilung eines Gegenstandes ihm die Genese
desselben vor die Augen zauberten und ihm die
Möglichkeit boten, jedes Problem in seiner umfassendsten Totalität zu erfassen.</akap>


<akap>Und wie man auf einem Seismometer das geringste, sonst nicht bemerkbare Erdbeben wahrnehmen kann, wie man dann aus den Kurven,
die derselbe über einer gemeinsamen Abszisse
aufschreibt durch das Auftragen von Ordinaten
die Mittelstärke des Bebens berechnen kann, so
besaß er in seinem überaus verfeinerten Gemütsleben, das ihm jedes fremde Erlebnis nachzuempfinden und tatsächlich nachzuleben gestattete,
in der wechselnden Intensität seiner Reaktionsweise, mit der er die Handlungen und Gefühle
seiner Mitmenschen aufnahm, ein ebenso empfindliches Instrument.</akap>


<akap>Vermöge dieser Eigenschaft konnte er an sich
selber die weitgehendsten Experimente vornehmen,
und so wie es war, trug sein Gehirn das große,
aristokratische Abzeichen, das einer großen Vergangenheit und Tradition, Auslese und Verfeinerung, Tiefe und Verschämtheit, es war wie
ein Uhrwerk, das Jahrhunderte abgelaufen hat,
ein Brennspiegel, der die Strahlen aus dem
ganzen Weltall in einem Punkte konzentriert.
Sein geistiges Leben glich einer ideellen Allgemeinexistenz, wo sich alle geistigen Strömungen,
alle Kämpfe und Siege des Wissens wiederfanden,
einem Resonanzboden, in dem jeder Ton verstärkt
nachklingt, und von dem er Frische, Lebendigkeit und Farbe empfängt. In allem Menschlichen
hat er sich ein Meer geschaffen mit endlosen
Aus-- und Fernblicken voll gefährlichster Untiefen
und verderbenlauernden Sandbänken, ein Weib
verführerischster Art, das ihn in seine Schliche
lockte und mit leichtem Fuße davonsprang, sobald er seiner habhaft werden wollte. Doch er
kannte die Gefahren des Meeres und die Schliche
des Weibes, er kannte die rastlosen Verwandlungen und Verkleidungen und die Unzuverlässigkeit beider. Und wie er das letztere mit der
Peitsche zu bezwingen lehrte, unterwarf er sich
das Meer mit seinen möwenumrauschten Segeln.
--- Seine Betrachtungsweise des Menschen war
eine embryologisch-evolutionistische. Nach denselben Prinzipien, nach denen der Embryologe
die Lebewesen ihren fortschreitenden Entwickelungsstufen nach unterscheidet, klassifizierte auch
er die Menschen. Er suchte und fand Menschen,
für deren geistige Entwicklung er das Symbol
Morula setzen konnte, andere, die ihm die Blastula der Entwicklung aufwiesen, wieder andere,
die er nur als in der Entwicklung zurückgebliebene Gasträen betrachten konnte. Bei dieser
Unterscheidungsart lernte er das Palingenetische
am Menschen kennen, atavistische Rückfälle und
rudimentäre Überbleibsel, aber er sah auch, wie
der Mensch sich über diese Formen hinausentwickelte, mit Eifer und Liebe studierte er diese
neu auftauchenden Züge, und gerade in dieser
Entwicklungsfähigkeit sah er den Sauerteig der
Geschlechter, den Gährungserreger einer zukünftigen Wiedergeburt, das hochzeitliche Unterpfand einer Hinaufpflanzung.</akap>


<akap>Doch in dem Menschen, wie er jetzt ist, ist
die Entwicklung noch nicht über das Tier hinausgekommen. Überall sah er das Tier im Menschen
in den mannigfachsten Verkleidungen und Modifikationen, in den verschiedensten Dressurformen
von einfacher Zähmung eines Haustieres bis zum
Zirkuselefanten hinauf. ---</akap>


<akap>Und wie der Psychiater die Einheit des Bewußtseins in sogenannten pathologischen Zuständen
zerfallen, mehrere Bewußtseinsakte zugleich sich
abwickeln, mehrere Gedächtnisreihen sich gleichzeitig abspielen und in einer Person das Bewußtsein mehrerer Persönlichkeiten vereinigt sieht,
und somit die Einheit der Persönlichkeit als etwas
Zufälliges, und im Gegensatze dazu die Unabhängigkeit der Ganglien, deren jede gleichsam
im latenten Zustande ein volldifferenziertes Leben
besitzt, als das Konstante und Maßgebende ansieht, so gelangte auch Nietzsche auf Grund seiner
Beobachtungen zu der Annahme solcher autonomer
Ganglienseelen im Menschen. Der Ausdruck
Seele ist für ihn ein Kollektivbegriff für die Seelen
aller der Tiere, die er nach einander war, bevor
er zum Menschen wurde, der Mensch vereinigt
das Reptil und das Raubtier und den Wiederkäuer in sich. Und alle diese Tierseelen bekämpfen
und paralysieren sich gegenseitig; es gibt aber ein
Streben, in dem sich alle einig sind, ein großes
biogenetisches Gesetz, dem sie alle gehorchen
und das ist der Wille zur Macht. ---</akap>


<akap>So fand Nietzsche die lang gesuchte Dominante des menschlichen Lebens, den zeugenden,
formgebenden, gestaltenden Keimfleck, der mit
seinen feinen und feinsten Fortsätzen das ganze
Leben umspinnt, wie er in einem Vogelei das
ganze Ernährungsplasma durchzieht, den Kohlenstoff, der allen organischen Verbindungen zu
Grunde liegt, den mythologischen Ozean, der
alles Leben in breiten Wogen umspült, es mit
seinen silbern glitzernden Adern durchsetzt, verteilt und ihm ein bestimmtes Gepräge verleiht. ---</akap>


<akap>Hier hat Nietzsche das Archimedische <slowo_obce>δος μοι που στω</slowo_obce> gewonnen, von dem er die ganze
bestehende Moral, als Wissenschaft, aus den
Angeln gehoben hat; seit Nietzsche trat das
Problem Moral in ein neues Stadium: es wurde
zu einer Magen--, Geschlechts-- und Machtfrage. ---</akap>





<naglowek_rozdzial>VII</naglowek_rozdzial>




<akap>Der Nietzsche, den wir bis jetzt betrachtet
haben, das ist der Schöpfer der Molekularpsychologie, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, das
ist der Mann der erstaunlichsten Denkenergie,
der die Moral zum Machtproblem gemacht hatte,
aber es gibt auch einen Nietzsche, der Schopenhauer und Wagner zu Erziehern, eine lange
Reihe psychopathisch veranlagter Pastoren zu
Vorfahren hatte und dessen Umgebung seit seiner
frühesten Jugend aus Frauen bestand:<pa>Ich verweise hier ganz besonders auf das Schriftchen von Ola Hansson über Friedrich Nietzsche, meiner
Meinung nach bei weitem das Beste und Feinste, was
über Nietzsche geschrieben wurde.</pa> dieser
Nietzsche ist nichts als ein Stück fortwährender
Reaktion, ein Stück schmerzhafter Raserei gegen
seine Vergangenheit, es ist an ihm etwas von
dem beißenden Hohn und der grausamen Rücksichtslosigkeit eines Hahnrei, der endlich gemerkt
hatte, wie lange er hintergangen und betrogen
wurde, etwas, das an die Wut eines Stieres gegen
das rote Tuch erinnert.</akap>


<akap>Sein ganzes Leben war ein Befreiungskampf.
Fortwährend war er bestrebt, das Unkraut
politischer, religiöser und philosophischer Mythologien auszujäten, das Ekzem der Herdenmoral,
das seine geistige Haut verunreinigte, wegzusengen; mit Hilfe naturwissenschaftlicher Lehren
hatte er sein Denken geklärt und gesäubert, in
seinem Gehirne hatte er eine Unmasse von Zweigbatterien ausgeschaltet und die Ströme seines
Denkens auf neue Leitungsbahnen gelenkt.</akap>


<akap>Doch trotz all’ der großen Arbeit, die er für
seine Neubildung verwandte, trotz der Mühe,
das Vererbte, Anerzogene, den Pastor und das
Weib aus seiner Seele wegzuwischen, unterlag
er dem großen Gesetze, das man das Gedächtnis der Materie nennen könnte.</akap>


<akap>Inmitten alles Neuschaffens und Neugestaltens
verblieb den Molekeln seiner Nerven das Bestreben, sich in bestimmten, so oft wiederholten
Lageverhältnissen zu ordnen, um einen bestimmten
barozentrischen Kernpunkt zu oszillieren: Neben
den neuen Leitungsbahnen blieb ein unsichtbarer
Kräfteherd, der die ausgeschalteten Batterien
immer von neuem mit Nahrung speiste und in
Tätigkeit erhielt. ---</akap>


<akap>Er lernte die Wirklichkeit schätzen, auf Lügen
zu straucheln, um nur ein Körnchen Wahrheitsgold zu erwischen, aber die Sehnsucht blieb; er
hat sein Denken von religiösen Begriffen und
moralischen Wertbestimmungen befreit und doch
vermochte er nicht die Dinge rein anzusehen,
immer und wieder brachte er in sie menschliche
Beziehungen hinein und die religiöse Stimmung
verblieb. Und wenn auch die Religion und die
Moral ihre richtungbestimmende und ausschlaggebende Kraft verloren, so blieb das schlechte
Gewissen. ---</akap>


<akap>Das ist das große Bestimmungsgesetz, wonach die Zellen seines geistigen Lebens zu ganz
bestimmten Organen sich zusammentaten, das war
die spezifische Energie seines Denkorgans, jener
vergleichbar, mit welcher das Auge ausgerüstet
ist, und wonach jede Empfindung auf dasselbe
immer nur einen Lichteindruck hervorbringt.</akap>


<akap>Nietzsche war wie ein Roß edelster Rasse,
das aber schlecht eingeritten, wie ein feines Blasinstrument, das schlecht eingeblasen wurde und
wo bei noch so großer Anstrengung sich immer
dieselben molekularen Verhältnisse reproduzieren,
die beim falschen Blasen hervorgerufen wurden.
Aus dieser psychologischen Betrachtungsweise
erklärt sich eine gehässige Verachtung alles
dessen, was er früher angebetet und verehrt
hatte, die Qual, seine Nabelschnur von sich nicht
lostrennen zu können, seine krankhafte wilde
Sehnsucht nach Kraft, Stolz, Herrlichkeit und
Macht, seine Sympathie mit allem Geschmäheten,
Geächteten, in der Finsternis Lebenden.</akap>


<akap>Herdeninstinkte, grünes Weide-Glück, Schmutz
und erbärmliches Behagen, das war alles, was
er an dem Menschen von heute sah --- und daß
das Größte gar so klein, das Feinste nicht fein
genug war, um sich seiner zu schämen, und daß
das Erhabenste nicht unbefangen genug war,
daß es sich seiner nicht bewußt wäre, und daß
das Herrliche, das Stolze und Herrische am
Menschen mit schlechtem Gewissen im Schatten
der Verlogenheit einherschleiche, das brach ihm
das Herz.</akap>


<akap>Voll Ekel und Verachtung wandte er sich
ab, und damals war es, wo er einen Blick in
das Land seiner Kinder tat, und damals war es
auch, wo er den Übermenschen vom Wege auflas. Und diesen Übermenschen, den er lehrte,
hatte er mit der ganzen grandiosen Verschwendung
seines überreichen Geistes ausgestattet, ihn mit
den glänzendsten, sattesten, prächtigsten Farben
ausgemalt, und ihn in ein Meer von Helligkeit
und Freude getaucht, auf daß er von Licht und
Gold strotze. Unter seinen Händen wurde er zu
einer anfangslosen, ungewordenen Macht, zu einem
mysteriösen, dionysischen Rausch-Symbol. ---</akap>


<akap>Er wurde ihm das jenseitige Ufer, zu dem
wir nur Brücken und Pfeiler der Sehnsucht sind,
das gelobte Land derer, die nach uns kommen,
das ewig grünende Elysium der in Kraft und
Stolz wiedergeborenen Menschheit.</akap>


<akap>Doch dieser Übermensch ist zugleich ein
salto-mortale der entfesselten, in Orgien schwelgenden Vernunft, ein Rausch-Delirium der aus
den Fugen geratenen, in tausend Stücke zersplitterten Seele, ein überwältigendes Finale, in
dem sich ein üppiges Leben in spasmatischen
Zuckungen austobt.</akap>


<akap>Mit der feuersprühenden Begeisterung und der
hellseherischen Sehnsucht in den Augen, die nicht
von dieser Welt sind, mit dem fatalistischen
Stigma eines, der geopfert werden soll auf der
Stirne, mit in die Feme gestreckten Händen steht
Zarathustra auf seinem Berge, vor seinen verzückten Blicken schwindet heute und gestern und
morgen, alles hinter ihm stürzt verschmelzend
zusammen und das vor ihm wird zur Ewigkeit,
in der sich alle Wiedergeburt und Wiederkunft
vollziehen werde:</akap>


<akap>,,Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit
brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring
der Ringe, dem Ring der Wiederkunft?</akap>


<akap>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich
Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich
liebe: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!</akap>


<akap>Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!"</akap>





<naglowek_rozdzial>VIII</naglowek_rozdzial>




<akap>Wie bei Chopin das H-moll Scherzo, so
spiegelt <tytul_dziela>Also sprach Zarathustra</tytul_dziela> die innerste
Seele Nietzsches in den wunderbarsten Farben,
von denen sich der Menschensinn nicht träumen
ließ, wieder.</akap>


<akap>Was Nietzsche hier liefert, ist ein Stück Autobiographie, in der er seine großen Freund-- und
Feindschaften, seine rastlosen Kämpfe, sein
Hoffen und Sehnen, seine Krankheiten und Genesungen niederlegt.</akap>


<akap>Und das ist es eben, was das Werk der
wenigen Anzahl von Intelligenzen, die es zu genießen verstehen, so unendlich teuer macht.</akap>


<akap>Für ,,uns" Spätgeborene, die wir an ,,Wahrheit" zu glauben aufgehört haben, für die der
ganze Schluß unserer Weisheit in der totalen
Bankerotterklärung unseres Wissens besteht, mag
wohl der erkenntnistheoretische Teil in Nietzsches
Werken vom geringsten Werte sein. ---</akap>


<akap>Was uns an ihm berauscht, das ist die Fähigkeit für seine überreiche Seele in der Sprache
Symbole gefunden zu haben: seine Psychologie.</akap>


<akap>Sie ist nicht die Retortenwissenschaft, wo aus
einer Handvoll ,,objektiv" aufgefaßter Merkmale
der ganze Mensch zusammengebraut wird, nicht
die flache Erklärungswütigkeit englischer Psychologen, die alles verstehen, denen alles klar ist,
nicht die filigrane Kunst der Franzosen, die in
Sévres-Porzellan arbeiten, Nietzsches Psychologie
ist voll von glühenden Lavastürzen, die seine vulkanische Seele erbricht, voll von Geysirquellen, die
warmes Herzblut in sprühender Gischt hinaufspeien.</akap>


<akap>Sie ist tief und verallgemeinernd, in jedem
Tropfen sieht sie sich die ganze Welt widerspiegeln, sie hat etwas vom Opiumtraume, in
dem man alles ins Riesenhafte gesteigert sieht,
etwas von der Wärme eines Golfstromes, der die
Untiefen eines Ozeans erwärmen kann.</akap>


<akap>Sie hat einen leidenschaftlichen Charakter,
jenes schwüle Pathos, mit dem eine reiche Seele
auf das Rätselhafte, Unbekannte, Dämonische der
Außenwelt reagiert. Sie analysiert nicht Einzelfälle, sie will nicht Lichteindrücke, als Ätherschwingungen, Töne als Wellenbewegung der
Luft sehen, sie will das Ding seiner Merkmale
nicht entkleiden, um sie ,,rein" und ,,an sich"
anzuschauen: seine Psychologie bringt nur
Stimmungen, in denen sie den einzigen Spiegel
der Außenwelt erblickt.</akap>


<akap>Stimmungen als Symbole der Dinge hinzustellen, sie so zur Darstellung zu bringen, daß
sie dieselben Stimmungen in jedem anderen
Menschen hervorrufen, den Dingen einen passionierten, makrokosmischen Ausdruck zu geben, das
ist die große Kunst Nietzsches, wie sie sich am
herrlichsten in <tytul_dziela>Also sprach Zarathustra</tytul_dziela> offenbart.</akap>


<akap>In dieser makrokosmischen Auffassung wird
auch das Sexuelle, um nur das wichtigste und
brennendste Problem zu erwähnen, der Kunst
zugänglich werden: die nimmersatte Gier der
Wollust, in der sich doch nur die ewige Lust
des Schaffens, ewige Selbstbejahung, ein großes
Ja zu allen Instinkten des Willens nach persönlicher Unsterblichkeit, nach Fortpflanzung bekundet, die Krämpfe der Brunst, aufgefaßt als
der tiefste Instinkt des Lebens, als der heilige
Weg zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des
Lebens, --- das Verhältnis der Geschlechter, aufgefaßt als das ursprünglichste biologische Gesetz,
demzufolge die Männchen der Insekten im Gegensätze zu den Weibchen eine geschmeidige Gestalt und Flügel, die Männchen der Vögel herrlichen Federputz und ergiebigeren Kehlkopf, und
das höchste der Säugetiere, der Mann, seinen
individualisierten, fein gegliederten Körper, sein
Gehirn --- das Weib seine Fettpolsterung, und
reflexives Rückenmarksleben bekam. ---</akap>


<akap>Nur in einer solchen Auffassung liegen die
unendlichen, befruchtenden Keime, die eine neue
Kunst schaffen werden, so unendlich verschieden
von dem öden Naturalismus mit seinen dürftigen,
geistesarmen coins de nature. ---</akap>


<akap>Es gibt eine Stimmung im menschlichen Gemütsleben von der die Kunst ins Leben gerufen
wurde und zu der sie zurückkehren muß und das
ist der Rausch in seinen mannigfachen Äußerungen, als Freude am Erbeben des Fleisches,
an der intensen Kraftverausgabung, an dem
Durchtrunken-- und Durchsättigtwerden von dem
dionysischen Willen zur Lust, zur vulkanischen
Entladung, zur Macht und Wucht.</akap>


<akap>Rausch ist die Kunst ihrem Wesen, ihrer Entstehung nach und Rausch muß sie hervorrufen,
sonst haben wir sie nicht nötig. ---</akap>


<akap>Rausch der geschlechtlichen Ekstase, mit ihrer
geheimnisvollen dämonischen Gewalt, Rausch der
Dämmerung und schwüler Sommernächte, Rausch
der überschäumenden Jugend und der Frühlingslust, Rausch der ekstatischen Begeisterung und
dionysischer Raserei, der Sehnsucht und des
Schmerzes.</akap>


<akap>Und von den beiden Rauschkünstlern, Chopin
und Nietzsche, wird die neue Kunst ausgehen,
eine Kunst, die aufhört in verschiedene Zweige
getrennt zu werden, allerdings in einer Zeit, wo
unsere Darstellungsmittel sich so ausbilden werden,
daß wir jeden Ausdruck, ob den musikalischen,
ob sprachlichen, ob bildlichen mit derselben distinkten und differenzierten Schärfe verstehen
werden, mit der jetzt nur das sprachliche den meisten zugänglich ist, wo es eine ununterbrochene Skala
vom Tone bis zum Worte und zur Farbe ohne
die jetzt bestehenden Grenzen, eine klare Rückübersetzung des Tones in Wort und Farbe und
umgekehrt geben wird, wo unsere Sinne so fein
werden, daß sie jedes Wort in dem zugehörigen
Farben-- und Tonwerte auffassen, wo die Kunst
in ihrer Totalität als eine platonische Anamnese,
eine erinnerte Erinnerung, als Selbsterlebtes,
Selbstdurchfühltes und Durchdachtes in allen
Ausdrucksmitteln mit gleicher Intensität genossen
wird. ---</akap>


<akap>Berlin, Dezember 1890.</akap>





<naglowek_czesc>II.
Ola Hansson</naglowek_czesc>





<naglowek_rozdzial>I</naglowek_rozdzial>




<akap>Wo ist mein Ich?</akap>


<akap>Als das weiche Gehirn anfing, sich allmählich
zu härten und reif zu werden, ging ich auf die
Suche nach meinem Ich.</akap>


<akap>Das Ich, sagten mir die Einen, das ist das
große Übergehirn, das über dem anderen steht,
es kontrolliert und es in der Macht hat, das Ich
ist das Überbewusstsein, das Apperzipierende,
durch welches das Perzipierte existiert, das ist
der Überwille, der über die motorischen Energien verfügt, der Leitungen in Kontakt setzt und sie nach Belieben wieder ausschaltet.</akap>


<akap>Das Ich, sagten mir die Anderen, das ist das
Konstante und Absolute, das Einheitliche in dem
Mannigfaltigen, das Unveränderliche in allem
Wechsel; Ich als Ich bin der Anfang und das
Ende der Welt, Ich bin der große Herr des
Daseins, da Alles durch mich existiert, da alle
Dinge nur in mir sind.</akap>


<akap>Und ich sah, wie sich der frühere Gottesglauben in einen neuen Kultus verflüchtigte, in
eine neue Religion sublimierte, wie sich das Bedürfnis nach dem Absoluten, dem Allherrscher
neue Bahnen geschaffen hat in einem Vernunft-Knochenbruch, einem Vernunft-Superlative, einer
grande mésalliance vom höchsten Verstand und
fixer Idee --- dem Stirnerschen Ich. ---</akap>


<akap>Damals war es, wo ich eine kleine Novellensammlung von einem jungen Schweden, Ola
Hansson --- ,,Die Parias" --- kennenlernte. ---</akap>


<akap>Der erste Eindruck, den ich von dem Buche
empfangen habe, war von einer merkwürdig
visionären Art.</akap>


<akap>Ich sah hinter dem Buche ein tiefes lauerndes Auge mit langen feinen Tastorganen, die
sich in ein fremdes Gehirn hineinbohren und
das Tiefste und Geheimnisvollste aus ihm herausgreifen, ich sah den entblößten Mechanismus
eines neuen Geistes, in dem ein Gesichtseindruck
sich bis dahin hinabwühlt, wo Individuelles und
Persönliches ineinandergreifen, ineinander verschlungen sind, um von diesem Verknotungspunkte aus auf tausend Leitungen ins Bewusste
überzuströmen, ich fand zum ersten Male diesen
neuen Geist, der das wissenschaftliche und dichterische Denken in dem innigen Verschmelzen, der
Synthese beider Denkarten zur ungeahnten Potenz
erhoben hat.</akap>


<akap>Und so ist das Buch eine Psychophysiologie
der unterbewussten, diskretesten Vorgänge in der
menschlichen Psyche, das Buch von dem Gehirne des Idioten, dessen Zentren jede Verbindung
untereinander aufgegeben haben und jedes nun
auf eigene Faust seine Funktionen verrichtet,
das Buch von den Zuständen in einer überbildeten,
krankhaft potenzierten Seele, in der es allerhand
Eruptionen gibt, ohne dass für ihr Auftreten
irgend ein ursächlicher Grund vorhanden wäre,
wo eine Rede nur als eine Reihe von schwächer
und stärker klingenden Lauten wiedertönt, ein
Lichtpunkt zu einem unermesslichen Meere von
sengender Hitze anschwellen kann, das Buch
von den psychischen Geschwulstbildungen, einer
Art psychopathologischer Zeugung, analog derjenigen, die der geniale Arzt Schleich<pr> Infektion uud Geschwulstbildung.</pr> als Ursache für das Entstehen körperlicher Geschwülste
vermutet. ---</akap>


<akap>Mitten in dem festgefügten Ich-Zusammenhange hebt sich allmählich etwas, wie eine neugeborene Insel, wie eine Nebelmasse, die ins
Kreisen gerät und Wärme und Licht auszustrahlen beginnt, wie eine Granit--, Diorit-- und
Gabbroschicht, die tief im Inneren der Erde
verborgen, durch gewaltige Störungen im Erdinneren, durch Verschiebungen der Lithosphäre
oder durch die nivellierende Tätigkeit des Wassers
plötzlich zum Vorschein kommt.</akap>


<akap>Das, womit wir leben, womit wir im gewöhnlichen Leben auskommen, was wir die Identität
des Ich nennen, das sind nur die während des
Lebens erworbenen Eindrücke, die sich in der
Erinnerung in derselben Aufeinanderfolge präsentieren, in der sie erworben wurden, aber sie sind
auch nur der kristallinische Schiefermantel,
welcher den unbekannten Erdkern einhüllt.
Neben der Landschaft, durchfurcht von Eisenbahnschienen und umsponnen von Telegraphennetzen, ruht in der Tiefe des Gehirnes eine ausgestorbene silurische Landschaft mit erstarrten
Gletschermassen, mit klaffenden Schütterlinien,
mit einer riesigen fossilen Flora, Sigillarien,
Stigmarien und Farnkräuter.</akap>


<akap>Neben dem Ich, der kleinen Kette meiner
persönlichen Erfahrungen steckt da drin der
Mensch mit dem halbwachen Gehirne, das nur
wenige Eindrücke im Stande war aufzunehmen
und auf alle Außeneindrücke mit ungeheurer
motorischer Explosion antwortete --- der Höhlenmensch mit dem weichen Hirne, in dem der
sensitive und der motorische Strang eine einzige
Leitung darstellten, in deren Verlauf noch keine
Zwischenstationen eingetreten sind, welche einen
Eindruck an dessen sofortiger Auslösung hindern könnten.</akap>


<akap>Und wie dann ein einziger, vielleicht ganz
unbedeutender Eindruck in das Gehirn hineinkommt, wie er in Rotation gerät und den ganzen
Gehirninhalt in Schwingungen um seine Axe
bringt, wie sich dann das Alles um einen Kernpunkt verdichtet und sich zu Etwas konzentriert,
worin das Menschtier auflebt und die ursprünglichsten Assoziationen, die sich in dem Gehirne
des Urmenschen festsetzten, zu verderblichen
Kräfteherden werden, wie unter dem ganzen
Eindrucksfond immer einer vorhanden ist, der
dazu prädestiniert erscheint, die wichtigste Rolle
im menschlichen Leben zu spielen, --- das ist
der Inhalt des Buches.</akap>


<akap>So sind in dem Keimepithel, der Uranlage
des weiblichen Eierstockes einzelne Zellen vorhanden, die sich kaum von den übrigen unterscheiden und die zu Eichen werden, den Trägern
des künftigen Geschlechtes. So ist unter den
Millionen von Spermatozyten immer nur ein einziger da, der sich in das Eichen hineinbohrt,
den Entwicklungsakt einleitet und an die ganze
Daseins-Kette neues Glied anfügt.</akap>


<akap>Und wie sich dann das Eichen in Milliarden
von Zellen spaltet, wie es zu einer Zellblase
wird, wie sich diese in Organe differenziert, wie
es das Blut der Mutter an sich saugt, und das
mütterliche Leben in seinem eigenen gipfeln
lässt, so wird irgend ein Eindruck, den die
Urahnen empfangen haben und der sich als eine
physiologische ,,Spur" auf das kommende Geschlecht vererbt hatte, durch irgend eine Gefühlsirradiation von seinem tausendjährigen Schlaf
wachgerufen, die alten mitvererbten Leitungsbahnen werden betreten und, einmal in Gang
gebracht, wird die ganze Kette aller der Eindrücke, die zu dem ersteren in Beziehung standen, abgewickelt.</akap>


<akap>Von selbst werden die Muskeln in Stand
gesetzt, von selbst lösen sich die zu jenen vererbten Eindrücken zugehörigen Bewegungen aus,
mit derselben Notwendigkeit, mit der eine Erinnerung alle zugehörigen Gefühlszustände repräsentiert, mit der ein in die Erde geworfener Samen
wachsen und in der Lunge des neugeborenen
Kindes der Gasaustausch vor sich gehen muss. ---</akap>


<akap>Und das ist die enorme Fatalität des Lebens,
dass man gegen Eindrücke nicht mit seinen
eigenen Erfahrungen, sondern mit denjenigen,
die vor der Geburt, außerhalb meiner Ichzustände liegen, reagieren, dass das Leben sich in
von vornherein vorgezeichneten Grenzen entwickeln muss --- es ist die Fatalität der Prädestination, derzufolge schon damals, als das
erste Protoplasmaklümpchen sich aus den organischen Stoffen durch Urzeugung zusammenfügte,
das entwickelteste Leben vorgeformt war. Über
Allem waltet Mutter Heimarmene und der Vater
Kismet --- beide haben das Sein gezeugt.</akap>


<akap>Keine unter den Pariasgeschichten illustriert
diese Fatalität mit einer solchen Evidenz, wie
der ,,Muttermörder".</akap>


<akap>Der Sohn mordet die Mutter, weil ihn ihr
beim Schlucken auf-- und niedergleitender Kehlkopf reizt, er will ihn zum Stillstand bringen
und er erwürgt die Mutter. Aber er hat kein
Schuldbewusstsein, im Momente, wo er den Mord
vollbrachte, sah er nur ein paar Hände, die eine
weiche Masse zusammenschnürten.</akap>


<akap>In dieser Novelle ist Hansson aber noch zugleich dem tiefsten Problem nahegerückt, ich meine das Problem des Ichbewusstseins. ---</akap>


<akap>Ich als Ich bin nur das ,,tout de coalition"
und zwar coalition meiner persönlichen Erfahrungen von Außen und Innen.</akap>


<akap>Physiologisch ist es die stufenweise vor sich
gehende Koordination von niederen Zentren unter
die höheren, bis schließlich die ganze Kette dem
obersten Ganglion --- der Großhirnrinde ---
subsumiert wird.</akap>


<akap>Es gibt aber Fähigkeiten, es gibt Leitungen,
die abseits von dem großen Leitungsnetze stehen,
die niemals in irgend eine Beziehung zu ihm
getreten sind. Und gerade diese sind es, in
denen sich der ganze bas-fond unserer Seele
abspielt. Neben den bewussten Zuständen, in
die das Ich immer als ein konstituierendes Glied
eintritt, wickeln sich hier unterbewusste Vorgänge ab, die ich nicht als zu mir gehörig betrachte, die von etwas Fremdem ausgeführt zu
sein scheinen, einem Dämon, der über dem Ich
steht.</akap>


<akap>Dieses Fremde, dieses Abseits-- und Außerhalbstehende, das Hansson so sehr betont, gestattet uns auch einen tiefen Einblick in die
Natur des Unbewussten.</akap>


<akap>Die Fachpsychologie hält nur die hirnphysiologischen Vorgänge für geeignet, Bewusstseinsphänomene hervorzubringen. Hiernach müsste
jeder Bewusstseinszustand ein Ichelement enthalten, das in jedem bewussten Phänomen miteingeschlossen ist.</akap>


<akap>Wenn man aber sieht, wie Hände nach etwas
zugreifen, ohne dass man sie als seine eigenen
erkennt, wie ein Mensch sich das Messer in das
Herz stößt, in dem Glauben, dass er den Anderen
mordet, in den er sich gespalten wähnte, dann
genügt das Wunder von der neu hinzugetretenen,
subjektiven Kraft zu einem objektiven Molekularvorgange nicht mehr.</akap>


<akap>Jede Nervenzelle als solche ist autonom, ein
Gehirn für sich, mit dem Bewusstsein ihrer Zustände begabt.</akap>


<akap>Als Nervenzelle hat sie Bewusstsein nur von
ihren eigenen Zuständen, der Zustand in jeder
anderen ist für sie einfach ein molekularer Prozess, vollständig dasselbe, wie für das koordinierte
menschliche Bewusstsein der parabolische Wurf
nichts weiter ist als ein mechanischer Vorgang.</akap>


<akap>So irrt eine Seelenmonade von einem Planeten
zum anderen, sich seiner selbst bewusst, seine
Zustände belauschend, so muss jedes Atom, das
mit anderen in einen Verdichtungszustand übergeht, Schmerz empfinden, und so ringt die ganze
Erde in ihrem nach dem Mittelpunkte zustrebenden Konzentrationsstadium vergebens nach dem
Lustgefühl der Auflösung und des Zerfalls.</akap>


<akap>Und diese bewussten Zellen und Zellgruppen
haben sich zu Gunsten der Zentralisation koordiniert, mit Kommissuren unter einander verbunden,
aber nicht alle, auch die Koordination ist locker,
in einem Momente durch irgend eine Veranlassung zerfällt der koordinierte Staat, das <slowo_obce>tout
de coalition</slowo_obce> gleitet auseinander und nun ist der
gewaltige Augenblick da, wo der Mensch in
Menschen zerfällt, von denen einer dem anderen
fremd ist, wo der grausige Totentanz eines Ich
um das andere beginnt, eine schauerliche Orgie
von grausem Entsetzen, irrer, wollüstiger Mordsucht und satanischer Brunst.</akap>


<akap>So kann ein homonom gegliedertes Tier
zerstückelt werden und trotzdem leben die einzelnen Metameren ungestört weiter, jede kann
das Fehlende spontan ergänzen, und wiederum zu
einem ganzen Tier werden. So wird das Polareis
durch die Anstöße des Ozeans angeschwemmt,
zerbröckelt, es zerfällt in mächtige Schollen, die
sich zu Eisbergen stauen, oder sich als Eisfladen
vereinzelt, einsam auf der unermesslichen Weite
herumtreiben.</akap>


<akap>Und wo ist mein Ich?</akap>


<akap>Wo ist das Absolute, das Einheitliche, wo
ist das, worin das Sein zum Dasein wird, wo ist
der Gott, der Laplace’sche Weltgeist, der das
Weltall beherrscht, durch den und in dem Alles
da ist?</akap>


<akap>Staub! Staub!</akap>


<akap>Milliarden von bewussten Nervenmolekeln,
die gegen einander anprallen und sich abstoßen,
Milliarden von Nervenzellen, von denen jede nur
sich seiner selbst bewusst ist, Nervenganglien,
von denen jedes fähig ist, das Ich in einem Nu
zu zersprengen, auseinander zu reißen und die
Reise durch die Gedärme der Würmer einzuleiten.</akap>


<akap>Mein armes Ich!</akap>





<naglowek_rozdzial>II</naglowek_rozdzial>




<akap>Es ist etwas in diesen Novellen, was schon
völlig Jenseits steht, ein transzendentales Jenseits bedeutet.</akap>


<akap>Es bewegt sich alles auf der Grenze, wo der
Schmerz schon aufgehört hatte, Schmerz zu sein
und in Nirwana umgekippt ist, ein lang gedehntes, monotones, beschauliches Oum, halb
wollüstiges Schauern, halb grauende Vertiefung,
Hinabgleiten, Versinken, Auflösen, Auseinanderfallen.</akap>


<akap>Es ist etwas, das mit der hypothetischen
vierten Dimension in Berührung steht, ein Außen
und Draußen, eine platonische Anamnese von
den Zuständen, die die Seelenmonade in der jenseitigen Welt erlitten hatte, als sie noch mit dem
Urgeiste eins war und das reine Sein anschaute.</akap>


<akap>Es ist etwas, das man nur im Chopinschen
tempo rubato ausdrücken könnte, wo die Angst
auf den Muskeln spielt: ein krampfartiges Gespanntsein, ein zuckender, reflexiver Ausgleich,
da der Muskel nicht von einem Zentrum den
Nervenstrom empfängt, sondern von vielen
Stellen gleichzeitig innerviert und nun nach allen
Seiten hin und her gezerrt wird; --- aber nur
einen Moment, dann ein tiefes keuchendes Atmen,
schneidend, ächzend, um wiederum in etwas Auseinandergleitendem, Aufgelösten auszuklingen.</akap>


<akap>Dann ist noch etwas da, ein ganz undefinierbar feines Etwas, eine unmögliche psychologische
Feinheit, die mir in allem, was Hansson geschrieben hat, und auch nur bei Hansson allein
entgegenkommt. Es ist als ob sich eine Schauerwelle vorwärts und rückwärts über das ganze
Gehirn fortpflanzte, ein leises Erzittern, den
pendelartigen Oszillationen vergleichbar, die eine
berührte Seite um ihre Abszissenachse ausführt, es
ist, als ob an den Muskeln etwas in unheimlich
tiefer Molltonart aufgespielt würde, und durch
das sich kreischende, brutal helle Tonwellen
hindurchwinden, wie wenn einer in wahnsinnigen
Schmerz ausbrechen möchte und dazu in Lachkrampf verfällt.</akap>


<akap>Es ist etwas da, das man durchaus ersticken
möchte, man kennt es nicht, man fühlt es vielleicht zum ersten Male, aber man fühlt es als
etwas furchtbar Unheimliches.</akap>


<akap>Hier ist es, wo man nur das Bewusstsein von
dem Gefühlszustande hat, aber es ist kein Gegenstand da, woran man es anknüpfen könnte. Es
sind wie fliegende Gedankenreihen, ohne Gedanken zu sein, weil sie keine Tonkorrelate
haben --- Bilder, die wie lichte Punkte in eigentümlicher Phosphoreszenz durch dicke Nebelmassen hindurchschimmern.</akap>


<akap>Wie kam es doch?</akap>


<akap>Ich stelle mir vor, ich liege auf dem Bett,
ich ringe mit dem Tode, schwarze lange, schmale
Schatten steigen vor meinen Augen, wie ein
dichter Zaun, der mich gegen das Jenseits noch
abgrenzt, das Herz schlägt immer langsamer,
immer schwächer bis auf einmal meine Seele im
lauten Aufschrei von dem Daseinstraume aufwacht,
der Schleier der Maja fällt von meinen Augen
herunter, und ich der Anfang und das Ende der
Welt, ich der große Herr des Daseins, bin in
das Nichtsein übergetreten.</akap>


<akap>Jetzt ist aber ein Inhalt nicht mehr möglich,
es bleibt nur ein Gefühl, das seine Phänomenalität erlangt hatte und sich allein tiefer hinabwühlt, mit langen körperlosen Händen vor sich
tastend bis zu jenem geheimnisvollen Dunkel
hinab, wo das lichtscheue, unterirdische Gewächs
wuchert, wo aller Daseinschmerz ruht und die
Angstgefühle aufgespeichert sind und die mystische Wollust des schauernden Entsetzens.</akap>


<akap>Und gerade hier, wo Ola Hansson die Nabelschnur gewonnen hatte und sich an ihr hinabgleiten lässt bis in die ersten Dämmerungszustände des menschlichen Hirnes, da alle
Ganglien noch unkoordiniert nebeneinander liegen,
wo jeder Eindruck sich selbst genießt, wo jede
Linie sich selbst wahrnimmt, jeder Ton um seine
eigenen Zustände weiß, stellt sich als Begleiterscheinung dieser enormen Vertiefung jenes
Gefühl ein.</akap>


<akap>Hier an der Grenze des Urwesens, an der
Grenze des Zusammenhanges meines Ich mit dem
All, an der Grenze, wo Irdisches und Transzendentales in einanderfließen, hier in der weiten
Ferne, wo das Meer in den Himmel übergeht,
wenn die Sonne schon untergegangen ist in der
Farbenorgie von verfließendem, blassgoldenem
Mollpurpur und tiefem nachdunkelndem Blau,
liegt jene unheimliche Stimmung, die die alten
Mystiker so gut kannten und die der Moderne
Lebensangst genannt hatte.</akap>


<akap>Im Grunde sind beide auf das innigste verwandt, nur während dies Gefühl im Mittelalter
zur visionären Ekstase wurde und im Gott und
der Dreieinigkeit Gefühlsorgien feiert, wird es bei
dem Modernen zu einem schleichenden Gespenst.</akap>


<akap>Dieses unbestimmte vage Gefühl, das an
nichts gebunden ist, keinen Inhalt repräsentiert,
das als Phänomen, losgelöst von jeglichem Zusammenhange mit den übrigen psychischen Zuständen, einem Irrlicht vergleichbar, in den
Sümpfen und Abgründen der Seele herumirrt
und auf das Verborgenste und Tiefste im Menschen
seinen trüben Schein wirft, dieses Gefühl erschließt uns weit besser die Psychologie des
Modernen, wie kaum eine, selbst die feinste
Analyse der bewussten Vorgänge.</akap>


<akap>Man kann denken, worüber man will, man
kann anfangen was man will, im Hass und in der
Liebe, im Wachen und Träumen, stellt es sich
ein, ganz unmotiviert, zu allen Gefühlszuständen
kann es sich hinzugesellen, einem Molekel vergleichbar, der mit einer enormen Affinität begabt
ist und der in jede Verbindung eingehen kann.</akap>


<akap>Und wie in dem Zellkerne die chromatische
Substanz sich in vielfach verschlungenen Schleifen
windet, und seinen eigensten, wichtigsten Bestandteil bildet, wie sie sich dann zu Spindeln
formt, wie diese durch Auseinanderrücken den
Kern zerreißen, wie sich nun das Plasma der
Zelle um diese Kerne sammelt, so wird auch
dieses Gefühl zu dem seelenformenden Keim, um
diese Lebensangst sammeln und gruppieren sich
alle psychischen Zustände, in diese Sammellinse
fällt alles Licht hinein, und was an zerstreutem
Lichte hineingelangt, wird in diese Linse zurückreflektiert.</akap>


<akap>Daher die Zerrissenheit und die Schreckbildpsychosen des fin de siecle, die krankhafte Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung, nach frischem
Luftzuge und kühlender Abendruhe. ---</akap>


<akap>Es kann Entwicklungsymptom und es kann
Ende sein.</akap>


<akap>Es ist das Fieber, das das Zahnen bei den
Kindern begleitet, die rheumatischen Zustände, die das Wachstum der Glieder bedingt, die
tiefen somatischen Störungen, die sich in der
Pubertätsperiode einstellen, es ist die Entwicklungspsychose, die das Flagellantentum auf
dem Durchbruch in die Renaissanceperiode gezeitigt hat, aber es kann zur schleichenden
Bleichsucht werden, zu einem irren maniakalischen Wahn, es kann in einen Gehirnsatanismus ausarten --- was weiß ich!</akap>


<akap>Diese Lebensangst oder richtiger das formale
Denkgefühl der Vertiefung, das sich als die
schauerliche Angst äußert überall dort, wo der
Geist an eine Schranke unserer Wissensmöglichkeit stößt, oder wo er mit einem Ignorabimus
in Berührung kommt, in dem das Rätsel und
das Geheimnis des Daseins ruht, dieses Gefühl, das Gegenteil von dem angenehmen formalen Denkgefühl, das sich leicht abwickelnde
Assoziationsreihen begleitet und zur Quelle unendlichen Wohlbehagens wird, ist die Unterströmung, und der in allen Farben schillernde
Untergrund Hanssonscher Produktion.</akap>


<akap>Es ist nicht ausgedrückt, aber es ist da als
arrière-fond, als ein tiefer Purpuruntergrund,
durch dessen Reflexe selbst die mattesten Farben
gesättigt werden, als eine weite Tonfläche, die
durch alle Melodien hindurchklingt und sie mit
etwas unendlich Traurigem färbt.</akap>


<akap>Einmal hat er es in seiner Novellensammlung
,,Sensitiva amorosa" mit unheimlicher Genialität
dargestellt.</akap>


<akap>Es wird ein junger Mann geschildert, den
diese Angst mitten in dem wildesten Liebestaumel
befällt:</akap>


<akap>,,Sie schlang seine Hände um ihn in dem
brünstigen Aufschwunge des ganzen Urwesens
eines Tierweibchens."</akap>


<akap>,,Doch in diesem Augenblicke fühlte er in
seinem Innern den ganzen, unaufgelösten, geheimnisvollen Schmerz des Daseins --- darauf
in der nächsten Sekunde sah er das Leben und
die Welt, wie in einem Riesenpanorama vor sich
liegen --- und in einem Nu wurde das Ganze
zu einem rauchenden Wasserwirbel in einer
steilen Tiefe, in die sie und er zusammen hinein
sollten und darauf plötzlich hatte er hinter sich
das schleichende Gespenst der Angst."</akap>





<naglowek_rozdzial>III</naglowek_rozdzial>




<akap>Hansson ist der Sohn des Schonenschen
Flachlandes, einer weiten Ebene, reizlos, primitiv, konturlos.</akap>


<akap>Wie weit das Auge reicht, fließen die Konturen des Landes mit denen des Himmels in
ein verschwommenes, trostlos Melancholisches
über, das die Seele weich stimmt und sie in
ein nachdenkliches Brüten versetzt.</akap>


<akap>Es liegt etwas endlos Ruhiges, Tiefes in der
ganzen Landschaft, es ist nichts da, das das Gehirn irgendwie affizieren und die ganz nach innen
konzentrierte Aufmerksamkeit ablenken könnte.
Es ist etwas Verschlossenes in dieser Landschaft,
Wortkarges, etwas, das man nur mit leiser
Stimme nachsprechen könnte, weil es so tief
und so fein ist. ---</akap>


<akap>Und wenn die kalte Luft die Dämpfe der
warmen Meeresoberfläche nicht auflösen kann,
wenn sich diese als Nebelmassen ausscheiden,
wenn sie mit dem Winde auf die Küste getrieben werden und sich hier über dem wärmeren
Lande in einen feinen Sprühregen auflösen, in
ein etwas, wofür Sprühregen schon zu viel gesagt ist, und das nur ein Zerschmelzen etwas
Verdichteten, das Auftauen etwas Brütenden,
Konzentrierten, Erstarrten bedeutet, dann fühlt
man, wie etwas Analoges sich in der Seele abspielt, wie sich etwas loslöst, Tropfen für Tropfen,
eine Verbindung nach der anderen, man fühlt,
wie sich diese Verbindungen als kleine Kristalle
niederschlagen, in denen sich die ganze Welt
als eine weite, schmerzliche Sehnsucht, ein in
lautloses Weinen aufgelöster Schmerz widerspiegelt.</akap>


<akap>Senken sich diese Nebelmassen auf das Land
und wird es von ihnen in ein weiches, graues,
feuchtes Gewand eingehüllt, dann bekommt die
Landschaft etwas unsagbar Trauriges, Düsteres;
mit dumpfer Schwere, ahnender Unruhe legt
sie sich auf die Seele, der Blick ist wie eingeengt, er will hinaus und muss sich nach innen
kehren. ---</akap>


<akap>Dringen Sonnenstrahlen hindurch, so ist es
nur wie das Lächeln eines Irren, der sich mit
Mordgedanken trägt, bekommt man ein Stück Himmel
zu sehen, so ist es, wie ein Fleck auf dem Gesichte des Schwindsüchtigen.</akap>


<akap>Für die Menschen, die diese Landschaft bewohnen, ist etwas bezeichnend, das ich öfters
beobachten konnte.</akap>


<akap>Ihr Blick ist wie verschleiert, er sieht, ohne
zu sehen, die Sehaxe ist in unendliche Weite
gerichtet.</akap>


<akap>Dann ist es ein eigentümliches, lautloses
Lächeln mit einem Mundwinkel, nur durch eine
kleine Querfalte angedeutet. Es ist das Lächeln
über etwas unaufgelöst Schmerzliches, dessen
sich der Mensch nicht bewusst ist und das
dennoch da ist --- das Lächeln, das durch ein
Missverhältnis zwischen dem, was ist und was
sein sollte, hervorgerufen wird.</akap>




<akap>Was für diese Landschaft ganz besonders
charakteristisch ist, das sind die merkwürdig
stillen, hellen Sommernächte. Es ist als ob der
ganze Weltmechanismus in einem tiefen Sinnen
sich verloren hätte, in einem tiefen Nachdenken
versunken wäre. --- Und wenn sich Stimmen
erheben, so verklingen sie nicht, sondern erstarren auf halbem Wege, als ob sie von einem
Apparat getäubt wären, der Pigmentschicht im
Auge vergleichbar, die alles durchfallende Licht
tötet. Man fühlt etwas über sich, das nach Auflösung trachtet, etwas Gespanntes, Lauerndes,
zum Sprunge Bereites, --- und hinter sich
spürt man etwas, das mit lautlosen Schritten
heranschleicht, das schon da ist, dicht hinter
dem Rücken; dreht man sich um, wird man dem
Gespenst in das hohle Auge sehen.</akap>


<akap>Angst! Angst! Doch nicht die brutale Angst,
wie sie Maupassant in seinem Horla schildert,
wo der Mensch ganz naiv, ganz Rückenmark
dem Gespenst gegenübersteht und sich nun mit
wahnsinniger Verzweiflung seiner erwehren will,
es ist wiederum Vertiefungsangst, man geht in
dem Weltall unter, man ist sein eigener Zuschauer, man versinkt, fällt hinab von einer
Welt zur anderen; Angst der schauerlichen
Resignation, weil man sich ohnmächtig und
wehrlos fühlt.</akap>


<akap>Und in dieser Tiefe, in der erst begreiflich
wird, wie der Mensch auf die Begriffe des
Ewigen und Unendlichen kommen konnte, in
dieser Ruhe, die den Menschen mit etwas Absolutem in Berührung bringt, in dieser endlosen
Ausdehnung, die man nicht mehr nach Außen
projiziert, sondern sie als die subjektive Form
seines eigenen Denkens empfindet, liegt so etwas Unheimliches, Überirdisches, Mystisches, ---
eine Zeit die vor der Zeit war, wie es in der
indischen Philosophie heißt, als noch Logos
allein da war, und das Hartmannsche Prinzip
des Unbewussten, bevor es sich in der Welt
und dem Seienden objektivierte.</akap>


<akap>Dann sind es die Herbstnächte, in denen
man das Brausen des Meeres hört, wie ein
Etwas, das von einer anderen Welt kommt, von
weiter Ferne, worauf man sich erst besinnen
muss, was es ist, woher es kommt. Mitten in
dem undurchdringlichen Nebel hört man dieses
unentwirrbare monotone, langgezogene dumpfe
Brausen wie eine Gehörshalluzination, die nur
aus einem Tone vom geringen Umfang besteht,
aber dieser Umfang ist es, der die Grenzen absteckt, innerhalb deren sich alle Gefühle bewegen, alle geistigen Vorgänge abwickeln ---
wellenartig, auf und ab, hin und zurück, es ist
ein Wiegen und Sinnen und Brüten, eine Erinnerung ohne Inhalt, eine Sehnsucht ohne Gegenstand. ---</akap>


<akap>Und Ola Hansson ist der echte Sohn dieser
freien, unbegrenzten Landschaft, dieser weiten
Flächen, dieser Tiefe und Sammlung, dieser Verschlossenheit und Konzentrierung. Er ist ganz
das Weite und die Tiefe und das Innen.</akap>


<akap>Stück für Stück finden wir Schonen in ihm
wieder, es ist als ob jede Linie, jede Fläche
die Nacht dieser Landschaft und ihr nebliger
Tag sich in seine Seele eingeätzt und eingeritzt
hätte, sich in ihr zu etwas Subjektivem und
Bewusstem transformierte, und sein Geist nichts
weiter, als der Geist dieser Landschaft wäre. ---</akap>


<akap>Kraft der Einrichtung des geistigen Mechanismus, dass ich die Vorgänge im Außen nur
an meiner inneren Eindrucksreihe wahrnehme,
dass ich nichts empfinde als nur Vorgänge in
meinem Inneren, als die Schwingungen meiner
Nerven und das Verhältnis vom Nerven zum
Muskel, kraft der Einrichtung meiner Wahrnehmungsapparate, in denen sich die äußere
Kausalität in eine innere übersetzt, die nichts
mit der ersteren zu tun hat, kraft der großen
Tatsache, dass ich jeden Vorgang im Außen
mit inneren Zuständen begleiten muss, und wenn
einer fällt, muss ich innerlich mitfallen, und
wenn ich Jemanden sprechen höre, so spreche,
ich innerlich das Gehörte nach, kraft nun dieses
psychologischen Grundgesetzes stellen sich bei
allen Vorgängen in der Natur entsprechende
Begleitzustände in meinem Gehirn ein, wiederholen sich die ersteren, so werden sich auch
die letzteren wiederholen, bis schließlich die
Nerven auf eine bestimmte Gefühlsrichtung eingeübt sind, bis sie nur in den Grenzen, die durch
das Brausen des Meeres, durch die Ausdehnung
des Landes, durch den mystischen Zauber der
Sommernacht vorgezeichnet sind, in Vibration
geraten, bis sich, kurz gesagt, eine bestimmte
Fähigkeit zu empfinden, konsolidiert haben wird.</akap>


<akap>Das ist das Gesetz der sympathischen Färbung,
wonach die Seewassertiere kristallartig, durchsichtig gefärbt sind, Wüstentiere die Farbe der
Wüste annehmen, und Vögel der Schneeregionen
weiß gefärbt sind.</akap>


<akap>Das ist das Gesetz der Mimikry, wonach sich
die Nachahmung nicht nur auf Farbe, sondern
auch auf Gestalt und Formen ausdehnt, wonach
ein Schmetterling die Blattform annehmen und
in seiner Zeichnung mit der Blattnervatur übereinstimmen kann.</akap>


<akap>Sympathische Färbung und Mimikry auf den
Geist übertragen.</akap>


<akap>So wird der Irismuskel des Schonen für das
Weite angepasst und das Auge wird für das
Weite eingestellt, daher schon äußerlich dieser
tiefe, gleichsam verschleierte Blick.</akap>


<akap>So wird das Atmen bei dem ewigen Nebel
dem Schonen erschwert, die Stimme wird eingeklemmt, die motorische Energie der Eindrücke
wird bei der schweren, lastenden Atmosphäre
auf das Minimum reduziert, die Reizlosigkeit der
Gegend bietet keine Veranlassung zu raschen
wechselnden Reflexen und zur gelenken Beweglichkeit, daher die Wortkargheit und die Verschlossenheit und der engbrüstige, feine Ton
seiner Sprache.</akap>


<akap>Und dieses fortwährende Akkomodationsgefühl
der Augen und des Gehörorgans auf das Weite,
die Anpassung des ganzen Organismus an das
Klima, die ihren Ausdruck in der totalen Einkehr in sich findet, hat sich in dem Gehirne
des tiefsten und verfeinertesten Schonen, dem
höchsten und letzten Ausdruck des Schonenlandes, --- Ola Hansson in eine ähnliche Gehirnarbeit umgesetzt, das Suchen nach einem weiten,
umfassenden Standpunkt, nach etwas Tiefem,
das hinter jedem Problem steckt, nach dem
Feinsten und Sprödesten im Menschen.</akap>


<akap>So ungefähr denke ich mir die Umsetzung
der peripheren Eindrücke in eine ähnliche zentrale Arbeit. ---</akap>


<akap>Übrigens, was wissen wir, wie bei der
Lösung eines Problems unsere Augenmuskeln
betätigt sind, wie ihr Spiel ein Problem hervorrufen kann, wie eine zufällige, irradierte Geruchshalluzination, ein Ton, eine Farbe unser Denken anregt, ja, dasselbe direkt bedingt?</akap>


<akap>Was wissen wir, womit sich der Geruch der
frischen Saaten, der Geruch der Rapsfelder, wenn
sie im Frühlinge mit den feinen, gelben Blüten
aufblühen, wenn in der Luft über denselben
ganze Bienenschwärme schwirren, womit das
Konzert der Froschstimmen in der Stille der
Sommernacht sich assoziert, welche Gedankenverbindungen und unlösbare Verkettungen durch
die riesigen Schatten, die ein Mensch in den
hellen Nächten wirft, in seiner Seele zustande
kommen?</akap>


<akap>Was wissen wir von allen diesen Vorgängen,
die der nervösen Veranlagung gemäß verarbeitet werden und unsere Individualität bilden,
sie abgrenzen, den Reizumfang abstecken, innerhalb dessen man zu empfinden vermag?</akap>


<akap>Aber gerade hier auf diesem Gebiete bewegt
sich die ganze Hanssonsche Dichtung, er ist der
Pfadfinder in der Wildnis, die Feuersaule in der
Nacht der Wüste, an Hansson wird die Rassenpsychologie anknüpfen, um das Geheimnis der
Rassenverschiedenheiten zu studieren, von seinen
Werken wird die künftige Psychologie der Gemütsstimmungen Nahrung schöpfen, um die
eigentümliche Färbung und den eigenen Klang
des Temperamentes, der Leidenschaft und Alles
dessen, worin sich der Mensch äußert, zu erklären, und ganz besonders die Geschlechtspsychologie, die er, als der Erste und Einzige,
geschaffen, tatsächlich geschaffen hat. ---</akap>





<naglowek_rozdzial>IV</naglowek_rozdzial>




<akap>Die Landschaft, nichts als Landschaft ist
Hanssons psychisches Leben und dieser subjektiven Umprägung muss naturgemäß physiologisch ein Nervensystem entsprechen, so fein,
so unglaublich differenziert, so anspruchs-- und
aufnahmefähig, dass jeder Eindruck, auf den eine
gewöhnliche nervöse Organisierung nicht reagiert,
sich hier in Schwingungen transformiert, anfangs
leise, kaum wahrnehmbar, dann stärker und nachhaltiger, bis das ganze Gehirn in Vibration gerät.</akap>


<akap>Und hier beschäftigt den Psychologen nicht
mehr die Persönlichkeit Hanssons, auch nicht
seine schriftstellerische Tätigkeit, sondern
Hansson als ein Phänomen, als ein biologisches
Problem, als das Produkt einer Differenzierung,
die ihre Schatten weit in die Zukunft wirft,
als der ,,nouveau ésprit", der in Poe angedeutet
und in Hansson mit distinkter Schärfe ausgeprägt erscheint.</akap>


<akap>Hier zum ersten Male, das Gehirn, in dem
das Animale und Intellektuelle ineinandergreifen, innig verschmolzen sind, in welches jeder
Eindruck nicht nackt hineingelangt, sondern wie
eine riesige Zölenterate, die sich mit tausend
Fangarmen an dem Gehirninhalte festsaugt, wie
ein Ton, bei dem außer dem Grundtone unzählige, harmonische Obertöne mitschwingen.</akap>


<akap>Und diese Betätigung des ganzen Gehirninhaltes an einem Eindrucke, dieses Mitschwingen
von Obertönen bilden das Eigentümliche, das
man beim Tone Klangfarbe nennt und das dem
Worte Hanssons Herzenswärme und affektive
Ausstrahlung verleiht.</akap>


<akap>Jedes seiner Worte ist wie ein pulsierender,
atmender Organismus, umspült vom warmen Blut,
eingebettet in den warmen Hüllen des Tiefsten
und Innerlichsten, was der Mensch besitzt, jedes
seiner Worte ist wie ein herausgeschnittenes,
lebendes Herz, das man auf der Hand hält, das
zittert und bebt und zuckt, oder wie eine unendlich weiche Atmosphäre, in die man sich einhüllen kann, und die man wie das nackte, duftende
Frühlingsfleisch eines halbwachen Mädchens auf
seine Nerven wirken fühlt. --- Es wird aber auch
zu einem scharfen Meißel, der unvergängliche
Zeichen in die Seele einritzt, zu einer zersetzenden Säure, die ätzt und beizt, zu einem körper-- und wesenlosen Gespenst, das sich langsam an
dem Rückenmarke hinabwühlt und über das
Bewusste tiefe schwarze Schatten wirft, bis die
Nacht heraufsteigt und die Sterne winzig klein
und glanzlos, wie mattes Gold, werden, bis die
Welt um einen so fürchterlich eng wird, dass
der Atem sich über die Brust legt, wie eine
schwüle Luftmasse, wie ein schweres Gewicht.</akap>


<akap>Diese enorme Suggestionsfähigkeit des Hanssonschen Wortes, die Fähigkeit, eine Stimmung
hervorzurufen, wie kein Schriftsteller es vor ihm
im Stande war, diese Verschmelzung von Intellekt und Organismus ist eine antizipierte Entwicklungsstufe, die die Menschheit erst später
betreten wird.</akap>


<akap>Ich denke mir die ganze Entwicklung und
den historischen Zusammenhang folgendermaßen.</akap>


<akap>Der Urmensch, dessen Gehirn noch unentwickelt war und unfähig, aufgenommene Eindrücke aufzubewahren, was eben die ganze
Funktion des Bewusstseins ausmacht, reagierte
auf alle Eindrücke ganz reflexiv und automatisch.
Auf jeden sensiblen Eindruck antwortete sofort
ein motorischer Ausschlag, er war nichts mehr
als reine <slowo_obce>Individualität</slowo_obce>, reines Rückenmark,
Reflex und Instinkt.</akap>


<akap>Allmählich fingen die Eindrücke an bewusst zu
werden, sich nach und nach zu konsolidieren,
zwischen die Aufnahme und die Auslösung eines
Eindruckes schob sich eine beträchtliche physiologische Zeit hinein, Stück für Stück bildete sich
die Bewusstseinskette, der Mensch lernte kombinieren und vergleichen, ein Eindruck fügte sich
an den anderen, es bildeten sich Assoziationsreihen und der Mensch fing an <wyroznienie>Persönlichkeit</wyroznienie> zu werden.</akap>


<akap>Was jedoch dieser Entwicklung eigentümlich
ist, das ist die unabhängige Parallelität, völliges
Getrenntsein von Individualität und Persönlichkeit.</akap>


<akap>Jeder Eindruck, der von den objektiven
Sinnen, dem Auge, dem Gehör empfangen wurde,
blieb einfach ein Gesichtseindruck, ein Ton, eine
Tastempfindung und nichts weiter.</akap>


<akap>Freilich war diese Trennung im Sinne der
fortschreitenden Entwicklung notwendig, das
menschliche Gehirn war noch nicht fähig, affektiv auf jeden Eindruck zu antworten, diesem
intensen Leben war der Organismus noch nicht
angepasst, er würde zugrunde gehen.</akap>


<akap>Und diese Trennung in seiner reinen Form
kann man noch beim Weibe studieren. Bekanntlich hat das Weib kein Gehirn nötig, und wo
es dasselbe gebraucht, so steht es mit seiner
Individualität im schroffsten Gegensatze zu seiner
Hirnarbeit. Gewöhnlich ist es dann auch so, dass
die Individualität beim Weibe herrlich ist, dagegen die Persönlichkeit nichts taugt oder auch
umgekehrt. Äußerst selten ist eine Übereinstimmung da, freilich völlig unabhängig und getrennt, jedes auf eigene Faust, die Übereinstimmung nur ein Zufall.</akap>


<akap>Im Laufe der Entwicklung fing die Individualität an, in die Persönlichkeit einzugreifen und
zwar überall da, wo es im Sinne der weiteren
Differenzierung geboten war. So wurde die Liebe,
die ursprünglich nur ein instinktiver Trieb war,
der nach Befriedigung lechzte, einfach nur das
autonome Geschlecht mit den wachsenden und
reifenden Spermatozyten und den nervösen Begleitzuständen dieser Wachstumsvorgänge, zu
einem Etwas, woran sich die im Gehirne aufgespeicherten Eindrücke zu beteiligen anfingen,
dann war es das Vaterland, die Familie, die Religion und die Natur, also nur die Fortpflanzungs-- und Selbsterhaltungsgefühle. Ohne diese psychische Umwertung und Mitarbeiterschaft des
Gehirnes wäre eine fortschreitende Differenzierung
nicht möglich.</akap>


<akap>Darüber hinaus ist der Mensch bis in unser
Jahrhundert hinein nicht gekommen.</akap>


<akap>Was für die klassische Dichtung ganz eigentümlich ist, das ist das Verstandesmäßige ihrer
Produktion, es wurden nur geordnete Assoziationsreihen in rhytmischer Form repräsentiert, das
Poetische beschränkt sich nur auf die rein formalen Denkgefühle, den Rhythmus, die Proportion und Harmonie. Ola Hansson selbst hat das
Verhältnis der modernen Dichtung zur klassischen in seinen zwei kritischen Aufsätzen<pa>,,Materialismus in der Literatur" und Beitrag in
der Psychologie der Suggestion von Schmidkunz.</pa> ganz
trefflich ausgeführt.</akap>


<akap>Das ist auch das Gehirn des wissenschaftlichen,
politischen und industriellen Mannes, freilich nur
noch um ein Grad ärmer, weil es nicht einmal
diese positiven Gefühlstöne zu produzieren vermag.</akap>


<akap>Alles nur viertel und halbe Gehirne, denen
wir allerdings unsere Kultur verdanken. Freilich
ist das nicht viel.</akap>


<akap>Deshalb wird diese Kultur, diese alte, zopfige,
klassische Kultur überwunden, wie die letzten
Ausläufer des halben Gehirnes: der Spencersche
Positivismus und der höhere photographische
Apparat, der objektive Naturalist, überwunden
werden.</akap>


<akap>Und nun ist der neue Geist da und Hansson
ist sein Träger, er ist der ausgeprägteste und
differenzierteste Typus eines Untrennbaren, Einzigen, Unteilbaren, eines wahren <wyroznienie>Individuums</wyroznienie>.</akap>


<akap>Persönlichkeit und Individualität sind eins
geworden, was an Eindrücken ins Gehirn hineingelangt, wird organisch, individuell, affektiv und
lebenswarm. Der Umfang des Bewusstseins ist
so enorm geworden, dass die flüchtigsten Vorgänge festgehalten werden kraft ihrer kolossalen
Beziehungen zu anderen in der Sprache übersetzbaren Eindrücken; ein ganz schwach leuchtender Punkt bricht sich in tausend spiegelnden
Ebenen, irgend ein schwacher harmonischer Oberton lässt alle zugehörigen Grundtöne erklingen
und ein zerstreuter, irrender Lichtstrahl lässt
sich bis zur Lichtquelle verfolgen.</akap>


<akap>Der frühere Mensch lebte mit zwei Herzen,
die Verwachsung beider Herzbeuteln hatte nur
morphologische Bedeutung, psychisch waren sie
beide getrennt.</akap>


<akap>Das moderne Individuum fängt an nur mit
einem Herzen zu leben, der Verstand bekommt
Klangfarbe und organische Resonanz, und irgend
ein affektiver Eindruck wird zu einer Vision.</akap>


<akap>Der frühere Mensch arbeitete mit Ideenassoziationen, wie sie sich nackt und klar aneinander reihten, er arbeitete mit ,,Dingen", die
er als etwas Objektives ansah, unter der falschen
Voraussetzung, dass das Außen und Innen sich
vollständig decken, dass das zentrale Bild von
der Natur eins sei mit der Natur selbst.</akap>


<akap>Der neue Mensch arbeitet nur mit zentralen
Gefühlseindrücken und mit Ideen, wie sie sich
mit ihren Gefühlswerten assoziiert haben.</akap>


<akap>Der alte Mensch produzierte <wyroznienie>Dinge</wyroznienie>, der neue
produziert seinen jeweiligen Gehirnzustand, jener
brachte die Dinge, wie sie nach und nach, reihenweise eins nach dem anderen geordnet ins Gehirn kamen, dieser bringt <wyroznienie>Gefühle</wyroznienie>, mit denen
sich diese Dinge verknüpft haben und die Assoziationen dieser Gefühle.</akap>


<akap>Daher das Klare, Verstandesmäßige, Konstruierte, ,,Klassische" der alten Dichtung, und
daher das Ungeordnete, Traum-- und Sprunghafte
(--- ,,Pathologische" nennt es das halbe Gehirn ---) der Hanssonschen Produktion.</akap>


<akap>In dem alten Gehirne assozierte sich der Ton
nur immer mit dem Tone, in dem neuen Geiste
ruft der Ton Farben hervor, ein Ton kann das
ganze Leben in unermesslicher Perspektive hervorzaubern, eine Farbe kann zu einem Konzerte
werden und ein Gesichtseindruck kann schauerliche Orgien auf dem Grunde der Seele hervorrufen.</akap>


<akap>Und wie die Sonnenstrahlen sich durch die
Atmosphäre fortpflanzen, ohne sie zu erwärmen
und erst die Erde erreichen müssen, damit Licht
in Wärme umgesetzt und von der Erde aus die
Luft erwärmt werde, so pflanzt sich ein Eindruck bis zu dem Mutterboden des neuen
Menschen, bis zu den Tiefen, in welchen seine
Individualität ruht, fort, um in Schwingungen
übersetzt, in die Persönlichkeit zurückzugreifen
und hier Verbindungen mit bewussten Eindrücken einzugehen.</akap>


<akap>Und während früher alle diese feinen Eindrücke von der Individualität festgehalten wurden
und nur höchstens in pathologischen Fällen zum
Vorschein kamen, werden sie in dem neuen
Geiste ausgedünstet, dem Dampfe vergleichbar,
der als weiter Dunstkreis sich in der Luft über
der Erde ausbreitet um hier von der Atmosphäre aufgesogen zu werden.</akap>


<akap>So wird Alles bewusst, alle die feinen und
feinsten Schwingungen, von denen man bis jetzt
nur durch die Psychiatrie Aufschluss bekam,
pflanzen sich bis zur Großhirnrinde zurück, wo
sie durch analoge, bewusste Vorgänge übersetzt
werden, sie werden von dem Mutterboden des
Menschen reflektiert und von ihm bekommen sie
den eigentümlichen Geruch, die eigentümliche
Wärme und Farbe, die ein reflektierter Sonnenstrahl von dem Boden der Erde empfängt.</akap>


<akap>Es ist etwas in dem neuen Gehirne, das mir
von höchster Wichtigkeit erscheint und das ich
schon wiederholt angedeutet habe.</akap>


<akap>Die Eindrücke assoziieren sich miteinander
nicht nach ihrem inhaltlichen und gegenständlichen Werte, sondern nach dem Gefühlswerte,
den sie repräsentieren.</akap>


<akap>Zwei inhaltlich verschiedene Eindrücke können
denselben Gefühlswert haben, können auf dem
Boden der Individualität gleiche Resonanz finden,
und dann kann es kommen, dass die Stirn eines
Mädchens sich mit einer Landschaft assoziiert,
die am tiefsten auf die Seele einwirkte, dass der
Blick der Geliebten eine ,,taumelnde Orgie" hervorruft, ,,einen grässlichen Totentanz von schlottrigen männlichen Totengerippen und nackten
Jordaenschen Frauenkörpern"<pa>Sensitiva amorosa.</pa>.</akap>


<akap>Hierin ruht das Geheimnis des weitaus tiefsten und am schlechtesten verstandenen Buches
von Nietzsche: ,,Also sprach Zarathustra" und
hierin liegt das große Geheimnis der Hanssonschen Produktionsweise.</akap>


<akap>Aus der synthetischen Verschmelzung zweier
Assoziationsweisen, der wissenschaftlichen, die
Inhalte aneinander fügt, und der modernen die
Dinge nach ihren Gefühlswerten assoziiert, erklärt sich die Forderung, die Hansson an die
Dichtung stellt<pa>Kritik. Freie Bühne, Heft I, 3 Jahrg.</pa>, sie solle psychophysiologisch
werden, sie solle die Persönlichkeit, wie sie sich
in der Individualität widerspiegelt, das Persönliche durchsättigt vom Individuellen, zur Darstellung bringen, einen Gesichtseindruck durch
seine organische Resonanz, ein Ding durch die
Stimmung, welche es erzeugt, einen Außenvorgang durch den Gehirnvorgang übersetzen. ---</akap>


<akap>Daher ist die Kunst Hanssons eine symbolische, die einzige, die diesen Namen voll und
ganz verdient.</akap>


<akap>Symbolismus, das ist ein Stück Natur, transformiert in Nervenschwingungen, ein Stück Natur
das sich nicht auf einen Gesichts--, einen Gehörseindruck, eine taktile Sensation beschränkt, sondern ein Eindruck, der bis in den Knotenpunkt
aller Sinne herabfließt, um von hier aus das
ganze Gehirn in Vibration zu versetzen.</akap>


<akap>Symbolismus das ist eine affektive Schwingung,
die sich in Farben kleidet, in Töne einhüllt,
Geschmackshalluzinationen in Szene setzt, auf
die sexuelle Sphäre herüberströmt oder als nervöses Schütteln, ein Erbeben und Erzittern des
ganzen Seins sich äußert und sich motorisch
in Tonkorrelate umsetzt.</akap>


<akap>Symbolismus das ist das Weib, das zu einer
geschwungenen Linie wird<pa>Heimlos --- Parias.</pa>, das Weib das sich
in die Formen der Landschaft kleidet, und zum
Geiste dieser Landschaft wird, zum Geiste, in
welchem sich diese letztere objektiviert<pa>Sensitiva amorosa.</pa>.</akap>


<akap>Und diese große, makrokosmische, symbolische Dichtung ist die Novellensammlung: ,,Sensitiva amorosa."</akap>


<akap>Sie ist der feinste, tiefste, intimste Ausdruck
des neuen Geistes, der großen Synthese, der
känogenetischen Entwicklungsstufe: Ola Hansson.</akap>


<akap>In ihr gipfelt die große Kunst Hanssons, sie
ist der Objektpunkt, in welchem die homozentrischen Strahlenbündel, die sein Wesen ausstrahlt, sich sämtlich treffen, und nur aus diesem
eigentümlichen Geiste heraus kann sie gewürdigt
und verstanden werden. ---</akap>






<naglowek_rozdzial>V</naglowek_rozdzial>




<akap>Wo ich in dem ersten Abschnitte, als ich über
Parias sprach aufhörte, setze ich hier wiederum
ein.</akap>


<akap>Es ist derselbe Boden, auf dem sich auch die
,,Sensitiva" abspielt, dieselbe Tiefe und Unterbewusstsein.</akap>


<akap>Und während Ola Hansson in den ,,Parias"
das Ich-Bewusstsein schilderte und sich alles
Leben im Unbewussten abwickeln ließ, zeigt er
in der Sensitiva das Geschlechtsleben, das nur
im Unbewussten aufwachsen und gedeihen kann.</akap>


<akap>Und wie er in den Parias zeigte, dass das
Ich im Leben nur etwas Akzidentelles sei, das
jeden Augenblick verloren gehen kann, zeigt er
hier, wie das Ich in dem Geschlechtsleben absolut
keine Rolle spiele, wie Alles unter dem Ich,
nichts im Ich geschehe.</akap>


<akap>Und warum liebe ich das Weib?</akap>


<akap>Jede Linie, in die sich sein Körper ewig
neu kleidet, der Teint seines Gesichtes, das Timbre seiner Stimme, der Geruch, den sein Körper
ausströmt, das sind Linien, Farben und Gerüche,
die mit meinem innersten organischen Sein auf
das innigste verwachsen sind, und in denen mein
Wesen seinen höchsten potenziertesten Ausdruck
gefunden hat. Das Weib, das diese feinsten und
tiefsten Saiten meines Seins anschlägt, schleicht
sich ohne Widerrede in mein Gehirn hinein, und
ich liebe es mit dem tiefen unbedingten Zustimmungsgefühl, mit dem ich das Land, das
meine Seele geformt, liebe.</akap>


<akap>Ich liebe in dem Weibe mich, mein auf das
Höchste gesteigertes Ich; meine zerbröckelten
in allen Ecken des Gehirnes schlummernden Zustände, in denen das innerste Geheimnis meines
Wesens ruht, haben sich um dieses Weib geordnet und konzentriert wie Eisenspäne um
einen Magneten, alle diese Dinge, von denen in
meinen sonstigen Bewusstseinszuständen höchsten
nur das eine oder das andere als ein konstituierendes Element eintrat, sind nun gleichzeitig
versammelt, wie in einem Brennspiegel konzentriert, alle die Eindrücke, die das gleiche Maß
höchsten Lustgefühles repräsentieren, werden aneinandergefügt, gleichwie durch die Isothermen
und Isobaren, alle Punkte gleicher Wärme und
gleichen Atmosphärendruckes verbunden werden:
und ich liebe das Weib, das diese Konzentration
in mir hervorgebracht hatte, ich liebe die Isobare und Isotherme meiner höchsten und tiefsten
Lustgefühle.</akap>


<akap>Dass ich gerade dieses Weib liebe, das ist
nur die Frage meiner organischen Konstitution,
es ist die Frage, bis zu welchem Grade ich
Formen genießen kann, ohne dass sich in die
Bewegung meiner Augmuskeln auch nur das
leiseste Unlustgefühl einschleicht, bis zu welchem
Grade ich die Bewegungen des geliebten Weibes
innerlich nachmachen kann, ohne dass diese
Innervationsgefühle das höchst zulässige Lustmaß überschreiten, es ist die große Frage bis zu
welchem Grade ich fähig bin, seelische Zustände
noch als Lustgefühle zu perzipieren --- und dieses
,,noch" ist die höchste, intenseste Spitze derselben.</akap>


<akap>Das Tiefste und Innerste meines Wesens ist
die eine Seite des Bildes, das das Weib in mir
entwirft, die unbewussten Gefühle der höchsten
Zweckmäßigkeit, des höchsten Maßes des mir
Zukommenden ist die andere Seite.</akap>


<akap>Und das Weib, das ich liebe, das bin Ich,
mein intimstes, innerstes Ich, mein Ich als
arriére-fond, als entlegenster Hintergrund, Ich
aus der Vogelperspektive, Ich, der Objektpunkt
einer spiegelnden Ebene.</akap>


<akap>Innerhalb des ganzen Reizumfanges, innerhalb
dessen ich Gefühle als Lustgefühle empfinde, ist
ein engerer Umfang enthalten, in dem sich Alles
als das höchste Lustgefühl präsentiert. Und dass
das Weib in diesen engeren Umfang mit allem,
was es konstituiert, hineinpasst, dass es sich
mit diesen intensesten Lustgefühlen deckt, deshalb liebe ich es als das Totalitätsbild alles
dessen, das mir das höchste Glück bereitet, als
ein inniges Ineinandersein, was vom Tiefsten
und Glückseligsten in mir enthalten ist.</akap>


<akap>Und so ist das Weib mein Kraftmaß, der
Wertmaßstab meiner Glückseligkeitsempfindungen.</akap>


<akap>Hinter diesem engeren Reizumfange ruht das
Männchen, meine ganze Sexualsphäre mit der
alle diese Zustände, welche am innigsten meinen
Organismus repräsentieren und den innersten
Ausfluss meiner organischen Veranlagung bedeuten, unlösbar und untrennbar verschmolzen
sind.</akap>


<akap>Hier in diesem Reizumfange ruhen die vererbten Formenschätze, Gerüche und Töne, die in
meinen frühesten Lebensjahren erworben wurden
und deren Beziehungen zu meinem Geschlechte
von vornherein in meinem Gehirne präformiert
waren, so dass bei einem peripheren Reize ohne
Weiteres das zentrale korrelative Bild hervorgerufen wird und umgekehrt, und hier wächst
das eigentümliche Kraut, das Hansson ,,Sensitiva
amorosa" genannt hat.</akap>


<akap>Hier in diesem Umfange liegt auch das Fatale
an der Liebe, dass sich nämlich Alles auf der
Grenze bewegt, wo das intenseste Lustgefühl
aufhört und Missbehagen ansetzt; Alles auf der
Messerschneide, wo Glück und Unglück unmittelbar angrenzen. Hier noch Glück und
Freude und Leidenschaft, draußen Ekel, nichts
als Ekel, Verzweiflung und Schmerz.</akap>


<akap>Dieser Umfang ist wie ein Gefäß übervoll
von Flüssigkeit, die das leiseste Erzittern überfließen lässt, wie ein Dampfkessel bei übermäßigem Drucke, den ein paar molekulare Anstöße
mehr zersprengen werden, wie eine mit Elektrizität überladene Messingkugel, die sich bei Zusatz von vielleicht nur einer Elektrizitätseinheit entladen wird.</akap>


<akap>Und wie das Gefäß überfließt, wie der Dampfkessel berstet, wie in die festgeschlossene
Konzentration der Glücks-- und Liebesempfindungen zufällig ein Eindruck gelangt, der das
Geschlossene zerreißt, die Isobaren nach anderen
Punkten wegrückt, all das, was das geliebte
Weib am Angenehmen ausstrahlt, schief fallen,
vorbeifallen oder Ekel hervorrufen lässt, wie die
aufgetürmte Bergkette vom Glück einsinkt, in
unermessliche Gründe einstürzt, und alle die
Steine ins Rollen kommen, die früher den Gipfel
bezeichneten, das schildert Ola Hansson in
seiner Sensitiva.</akap>


<akap>Und wie das Weib sich vor seinem Geliebten
zu ekeln anfängt, weil es in seinem Gesichte
plötzlich eine fatale Ähnlichkeit mit dem aufgedunsenen, widrigen Antlitz seines Vaters
entdeckt, wie ein Mann sein geliebtes Mädchen
verabscheut, weil er in ihm das lose und widerwärtig Hängende, das er an einer Kindesmörderin sah, wiederfindet, wie ein Mann sich
wahnsinnig in ein Weib verliebt, weil ihr
tränender Blick ,,seine Wollust so unendlich
fein und so ängstlich spröde machte, dass sie
zum Schmerze wurde", wie er sich qualvoll nach
diesem Blicke sehnt, das ist der Inhalt dieses
Buches. ---</akap>


<akap>Nichts von dem, was Hansson geschrieben
hat, illustriert so evident den neuen Geist, wie
Sensitiva. In keinem seiner Werke hat er die
Sonde tiefer in seine Psyche hineingesteckt.
Was er schildert ist nur immer er selbst, in
allen diesen Novellen ist nur immer ein und
derselbe Typus, dieser so ungeheuer komplizierte
und daher so fatal leicht zersetzbare Geist. Es
ist nicht ein Augenblick vom statischen Gleichgewichte da, es ist die personifizierte Instabilität, ein ewiges Wogen und Bollen, ein
ewiges Kanten und Verschieben, ein ewiges
An-- und Abschwellen, ewiges Hin und Zurück,
wie das Meer, das seinen Heizumfang gebildet
und geformt hat.</akap>


<akap>Und so ist dieser Geist auch in der Liebe.
--- Kaum ist die Konzentration von alledem, was
an Glücksgefühlen im latenten Zustande in ihm
ruhte, zu Stande gekommen, so ist auch schon
diese Potenzierung des Ich über das höchst zulässige Lustmaß hinausgediehen, der Mensch
hört auf, sein eigen zu sein, er verliert das
Gleichgewicht und geht zugrunde.</akap>


<akap>Und jedes Wort durchsättigt von einem so
intensen Schmerze, dass dieser aufhört, Schmerz
zu sein; es ist die resignierte, hohläugige, gespenstische Verzweiflung, es ist der brutalphysische Schmerz, denn dahinter leidet, zuckt
und windet sich das auflösende Männchen: Das
ist der Schmerz der zersprengten und zersplitterten Geschlechtsgefühle, die nur in engster
Konzentration, in stetiger Potenzierung, in ewiger
Summierung bis zu den höchsten Grenzen hinauf
Lust bereiten.</akap>


<akap>Und hinter Allem, hinter dem Männchen und
der potenzierten Psyche das sehnsüchtige, irre
Sinnen der öden, weiten Landstrecken, die
brütende Starre der Sommernächte, die schwüle
Spannung der über der Erde gelagerten Nebelmassen, das dumpfe Brausen des Meeres und sein
ewiges Wogen.</akap>


<akap>Daher die spröde Empfindlichkeit, die enorme
Reinheit mitten in der Verderbnis und die
kranke Keuschheit, mit der Alles, was nur einen
Schein vom Unreinen an sich hat, als etwas ungeheuer Widriges und Ekelhaftes zurückgestoßen
wird.</akap>


<akap>Was an dem Werke von einer unermesslichen
Bedeutuug ist, das ist die Psychologie des neuen
Geistes in seiner feinsten und intimsten Struktur.</akap>


<akap>Der neue Geist auf dem Grunde des idealistischen Kritizismus und seiner Lehren, dass
Alles, was da ist, nur zentral in meinem Kopfe
vorhanden ist, dass ich selbst nur meine Vorstellung bin, dass ich eine Welt völlig abgeschlossen, völlig einsame Welt bin, zu der es keine
Brücken, keine Zugänge gibt, dass ich nichts empfinde außer meinen seelischen Zuständen, nichts
sehe als nur meine zentralen Bilder, nichts höre als
zentrale Tonkomplexe, dass meine ganze Kausalität sich nur aus meinen seelischen Verhältnissen und Empfindungen zusammensetzt.</akap>


<akap>Und gerade diese innere Kausalität ist in
Hansson bis zu den unmöglichsten Grenzen entwickelt.</akap>


<akap>In ihm bildet sich die Welt als ein <wyroznienie>Kontinuum</wyroznienie> ab. Aus dem Fluss der Erscheinungen
werden nicht einzelne Punkte herausgegriffen
und festgenagelt, wie es der Mensch noch
heutzutage tut, die alsdann als ,,Dinge", ,,Grenzen", ,,Gegensätze", ,,Widersprüche" beschrieben
werden, sondern der Fluss wickelt sich ohne
Unterbrechung ab.</akap>


<akap>Für den neuen Geist gibt es keine Gegensätze, keine Widersprüche, weil sich Alles als
eine ununterbrochene Kette von fortwährend
wechselnden, in allen Farben und Lichtern
schillernden und auf das innigste zusammenhängenden Gefühlszuständen seinem Geiste präsentiert, weil es keine Schwingung gibt, die sich
nicht in Nervenschwingung und bewusste Gehirnvibration übersetzte.</akap>


<akap>Daher das Grenzen-- und Uferlose im Hansson.</akap>


<akap>Er macht zwischen Normalem und Pathologischem keinen Unterschied, weil er alle die
feinen und feinsten Zwischenstufen zwischen
beiden durchlaufen kann und beide, für das halbe
Gehirn gegensätzlichen Punkte, für ihn auf einer
einzigen Entwicklungslinie gelagert sind, auf einer
Linie, die er von Anfang bis zu Ende verfolgen,
auf ihr kontinuierlich das Auge abgleiten lassen
kann.</akap>


<akap>Und diese Kontinuität der Erscheinungen,
die durch den enormen Umfang des Bewusstseins
sich in eine Kontinuität der inneren Kausalität
übersetzt, ist der wesentlichste Gegensatz zu dem
herrschenden Herdentiergehirn.</akap>


<akap>Daher auch die Unmöglichkeit für Hansson,
eine Resonanz zu finden. Er ist Luxusproduzent in
dem Sinne, wie die Tätigkeit der Geschlechtsdrüse, die die wichtigste und edelste Funktion
verrichtet, im tierischen Haushalte eigentlich
nur eine Luxusproduktion darstellt, die sobald
es nur geht, wieder eingestellt wird.</akap>


<akap>In einer Zeit, wo der Europäer noch nicht
so weit gekommen ist, um über die Widersprüche
seiner geistigen Einrichtung hinauszukommen,
um Außen und Innen, Dinge und seelische Zustände streng auseinander zu halten, und über
die letzteren die ersteren zu vergessen, wo Alles
nur in Hinsicht auf die Folgen gewertet wird,
und je nachdem es praktisch, die Erkenntnis
fördernd, und zweckmässig ist, ,,gut", ,,normal",
--- oder schädlich und unpraktisch und dann
,,schlecht" und ,,pathologisch" genannt wird,
kann eine so aristokratische und hoch differenzierte Persönlichkeit, wie die Hanssonsche, die
sich nicht um die Folgen kümmert, sondern
Phänomene in ihrer Kontinuität schildert, ohne
Rücksicht auf den praktischen und moralischen
Wertmaßstab, nicht verstanden werden.</akap>


<separator_linia/>

<akap>Und so bin ich mit meiner Untersuchung zu
Ende gekommen. ---</akap>


<akap>Ich habe den größten Teil der schriftstellerischen Tätigkeit Hanssons nicht berücksichtigt,
ich habe das für die Psychologie des Geschlechtes
so ungemein wichtige Werk ,,Alltagsfrauen",
seine außerordentlich feinen Kritiken nicht erwähnt, --- aber das Alles lag nicht im Rahmen
meiner Arbeit.</akap>


<akap>Die Psychologie des neuen Geistes wollte ich
geben, das Hüben und Drüben, das große jenseitige Ufer der menschlichen Entwicklung, die
einsame Insel, die auf dem Ozean aufgewachsen
ist und mit der sich einst unser Kontinent vereinigen wird. ---</akap>


<akap>Berlin, Mai 1892.</akap>



</opowiadanie></utwor>