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<dc:contributor.editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Ritter-Jasińska, Antje</dc:contributor.editor>
<dc:contributor.technical_editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Choromańska, Paulina</dc:contributor.technical_editor>
<dc:publisher xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Fundacja Nowoczesna Polska</dc:publisher>
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<dc:subject.genre xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Poemat prozą</dc:subject.genre>
<dc:description xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Publikacja  zrealizowana w ramach projektu Wolne Lektury (http://wolnelektury.pl). Wydano z finansowym wsparciem Fundacji Współpracy Polsko-Niemieckiej. Eine Publikation im Rahmen des Projektes Wolne Lektury. Herausgegeben mit finanzieller Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.</dc:description>
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</rdf:RDF><opowiadanie>

<autor_utworu>Stanisław Przybyszewski</autor_utworu>



<nazwa_utworu>Totenmesse</nazwa_utworu>


<motto>Motto: Fismoll Polonaise
Op. 44 Friedrich Chopin.</motto>


<dedykacja><strofa>Meinem Freunde/
dem Dichter/
der ,,Verwandlungen der Venus"/
Richard Dehmel/
gewidmet.</strofa></dedykacja>



<akap>Einen von den Unbekannten, von den im
Dunklen und in Vergessenheit lebenden ,,Certains"
führe ich hier vor.</akap>


<akap>Es ist Einer von denen, die auf dem Wege
hinknicken, wie kranke Blumen, --- Einer von
dem aristokratischen Geschlechte des neuen Geistes, die an übermäßiger Verfeinerung und allzu
üppiger Gehirnentwickelung zugrunde gehen.</akap>


<akap>Wie ich in der Serie ,,Zur Psychologie des
Individuums" durchaus keine Kritiken schreiben
wollte, sondern einzig und allein die jüngste
Evolutionsphase des menschlichen Gehirnes zu
untersuchen beabsichtigt, ihre feinen und feinsten
Wurzelfasern zu beschreiben, ihre Zusammensetzung zu analysieren, ein Totalitätsbild dessen
zu geben, was noch unklar und verschwommen,
nichtsdestoweniger immer energischer in den verschiedensten Äußerungen des modernen Lebens
sich kundgibt: so auch in dieser Erzählung.</akap>


<akap>Es sind zumeist nur feine Spuren, die sich
bis jetzt verfolgen lassen, zumeist nur Schattenstreifen, die eine Monomanie, eine Psychose in
die Zukunft wirft; aber das sind die geknickten
Zweige in der finsteren Wildnis, die zur vorläufigen Orientierung genügen.</akap>


<akap>Man erschrecke nicht vor den Neurosen, die
am Ende doch den Weg bezeichnen, den die
fortschreitende Entwicklung des menschlichen
Geistes einzuschlagen scheint. In der Medizin
hat man sich schon längst abgewöhnt, beispielshalber die Neurasthenie als eine Krankheit zu
betrachten; sie scheint vielmehr die neueste und
absolut notwendige Evolutionsphase zu sein, in der
das Gehirn leistungsfähiger und vermöge der weit
größeren Empfindlichkeit viel ausgiebiger wird.</akap>


<akap>Wenn auch die Neurose vorläufig noch tief
den Organismus schädigt, so ist das weiter nicht
schlimm. Gegen das Gehirn ist die sonstige
körperliche Entwicklung zurückgeblieben, aber
es dauert nicht lange: der Körper wird sich anpassen, das wunderbare Selbststeuerungsgesetz
wird in Funktion treten, und was heute neurasthenisch heißt, wird sich morgen die höchste
Gesundheit nennen.</akap>


<akap>Grade in den Neurosen und Psychosen liegen
die Samenkeime eines neuen, bis jetzt noch nicht
klassifizierten Empfindens; sie sind es, in denen
das Dunkle sich mit der Morgenröte des Bewusstseins rötet und die unterirdischen Riffe sich über
das Niveau der Meeresfläche heben.</akap>


<akap>Wenn auch manches ,,cent fois grandeur
naturelle" erscheint, so schadet auch das nichts!
Was groß ist, kann besser gesehen werden; für
den Psychologen kann solche Größe nur willkommen sein.</akap>


<akap>Einen Unbekannten, Einen ,,vom Wege" habe
ich aufgelesen. Die Menschen, die ich analysiere,
brauchen durchaus nicht literarische ,,Größen"
zu sein; aus dem Empfindungsleben eines fein
konstruierten Alkoholikers, eines Monomanen, der
an Schreckbildpsychose leidet, kann man tiefere
und feinere Rückschlüsse auf die Psychologie der
Zeit, auf die Natur einer wirklich individuellen
Veranlagung gewinnen, als aus den Werken
manches großen Literaten.</akap>


<akap>Zumeist sind es die großartigsten Offenbarungen des Intimsten und Innersten der
Menschenseele; zuckende Blitze sind es, die in
das große Unbekannte, in das fremde Land des
Unterbewussten ein grelles, wenn auch momentanes
Licht werfen.</akap>


<akap>Dass diese ,,Certains", diese geistigen Sachsengänger, die überall und nirgends ihre Heimat
haben, zugrunde gehen, ist weder befremdlich
noch traurig. Sie sind vielleicht der einzige
Luxus, den sich die Natur jetzt noch gestattet.
Die Seele ist ihr großes Meisterwerk, aber sie
schafft und experimentiert noch immer an ihm,
noch immer schafft sie neue Versuchsformen, bis
sie eines Tages doch vielleicht das große Übergehirn erschafft, nach dem es sie gelüstet.</akap>


<akap>Der Psychologe hat selbstverständlich das
unumschränkte, unbegrenzte Recht, ein solches
Experimentierobjekt mit derselben Freiheit zu
behandeln, mit derselben Ruhe, mit demselben
Jenseits von Gut und Böse, wie es beispielshalber
dem Botaniker ohne Widerrede eingeräumt wird,
wenn er eine neue Spezies behandelt. Von diesem
Rechte habe ich Gebrauch gemacht.</akap>


<akap>Die Erzählung, in der dies individuelle Leben
speziell in Rücksicht auf den <wyroznienie>Geschlechtswillen</wyroznienie> untersucht wird, ist in der Ichform geschrieben, weil man in ihr den intimsten Puls am
besten erfassen, das leiseste Zittern des neuen, aus
den Plazentahüllen des Unbewussten sich sehnenden Geistes am deutlichsten vernehmen kann.</akap>


<nota><akap>Berlin, Pfingsten 1893.</akap></nota>


<sekcja_swiatlo/>

<akap>Am Anfang war das Geschlecht. Nichts
außer ihm --- alles in ihm.</akap>


<akap>Das Geschlecht war das ziel-- und uferlose
ἄπειρον des alten Anaximander, als er Mir den
Uranfang träumte, der Geist der Bibel, der über
den Gewässern schwebte, als noch nichts war
außer Mir.</akap>


<akap>Das Geschlecht ist die Grundsubstanz des
Lebens, der Inhalt der Entwicklung, das
Wesen der Individualität.</akap>


<akap>Das Geschlecht ist das ewig Schaffende, das
Umgestaltend-Zerstörende.</akap>


<akap>Es war die Kraft, mit der Ich die Atome
aufeinander warf, --- die blinde Brunst, die ihnen
eingab, sich zu kopulieren, die sie Elemente und
Welten schaffen ließ.</akap>


<akap>Es war die Kraft, die den Äther in namenlose Sehnsucht brachte, seine Teile Welle in
Welle zu kuppeln, sie in heiße Vibrationen stürzte
und zu Licht werden ließ.</akap>


<akap_dialog>Es war die Kraft, die den elektrischen Strom
in sich zurücklaufen, Dampfmoleküle aneinander
prallen ließ, --- und so ist das Geschlecht Leben,
Licht, Bewegung.</akap_dialog>


<akap>Und das Geschlecht wurde maßlos geil. Es
schuf sich Fangarme, Trichter, Röhren, Gefäße,
um die ganze Welt in sich hineinzuschlurfen;
es schuf sich einen Protoplasmaleib, um mit unendlicher Fläche zu genießen; es sog alle Lebensfunktionen in seinen gierigen Schlund hinein, um
sich zu befriedigen.</akap>


<akap>Und es wälzte sich dahin in endloser Evolution und konnte nicht ruhen; und es streckte
sich aus in zahllose Formen und konnte sich nicht
befriedigen. Es raste nach Glück im Trochiten,
es wieherte nach Genuss in der ersten Metazoë,
als es das Urwesen in zwei Teile zerriss und
sich selbst in zwei Geschlechter spaltete, grausam,
brutal, zur gegenseitigen Zerstörung, nur um ein
neues, raffinierteres Wesen zu schaffen, das eine
kompliziertere Befriedigungsorgie für die ewig
hungrigen Dämonen seiner Wollust erfinden
könnte.</akap>


<akap>Und so schuf sich das Geschlecht endlich
das Gehirn.</akap>


<akap>Das war das große Meisterwerk seiner
Wollust. Es fing an ihm zu kneten und zu winden
an, und drehte an ihm, und stülpte es aus in
Sinnesorgane, zerteilte das, was ganz war, in
tausend Modifikationen, differenzierte Gemeingefühle zu distinkten Sinneseindrücken, zerschnitt
ihre Verbindungen untereinander, dass einer und
derselbe Eindruck in verschiedenen Sensationen
kostbar würde, dass die einheitliche Welt als
fünf-- und zehnfache Welt erschiene, und wo früher
eine Kraft sich sättigte, wühlten nunmehr tausende.</akap>


<akap>Das war die Geburt der Seele.</akap>


<akap>Das Geschlecht liebte die Seele. An seiner
hermaphroditischen Brust ließ es die Gehirnseele
erstarken; es war für sie die Aorta, die von dem
Herzen des Allseins ihr das Lebensblut zuführten
es war für sie die Nabelschnur, die sie mit der Allgebärmutter verband; es war der Linsenfocus,
durch den die Seele sah, die Skala, in der sie die
Welt als Ton, der Umfang, in welchem sie die
höchste Lust, den höchsten Schmerz perzipierte.</akap>


<akap>O --- das arme, dumme Geschlecht! und die
undankbare Seele!</akap>


<akap>Das Geschlecht, das sich durch Mich ins
Allsein objektivierte, das zum Lichte wurde, das
sich die Seele schuf, ging an dieser Seele zugrunde.</akap>


<akap>Was Mittel sein, was dienen sollte, wurde
Selbstzweck, wurde Herrschaft. --- Die Sinneseindrücke, die eine neue Zuchtwahl einleiten,
neue Gattungen bilden sollten, fingen an, autonom
zu werden.</akap>


<akap>Die distinkten Sinne fingen sich zu mischen
an, das Oberste wurde zum Untersten, Ton zur
Farbe, Geruchserregung zur Muskelempfindung,
die Ordnung wurde zur Anarchie, und ein wütender Kampf zwischen Mutter und Kind begann.</akap>


<akap>Sie wollte es bemeistern, unterjochen; sie
spannte um ihr Kind die Mutterkrallen, sie riss
an ihm, band es an sich fest mit tausend Lüsten,
tausend geilen Fäden, sie warf es auf das Genital-- und Zeugungstier --- das Weib; sie überflutete seine Augen mit Blut und stumpfte sein
Gehör ab, und dämpfte seine Stimme zum heißen,
keuchenden Liebeszischen, und brachte seine
Muskeln in Krämpfe, und ließ Wollustschauer
wie bebende Schlangen über seinen Körper
kriechen, --- aber nichts, nichts konnte helfen.</akap>


<akap>Die kleine Bakterie fraß den Leukozyten auf.</akap>


<akap>Vergebens ließ er alle seine Lebenssäfte
auf den Punkt zusammenströmen, wo die Bakterie
saß und um sich fraß, vergebens warf er seinen
Kern in seine satanische Braut, sie mit seiner
Lebensachse zu zerstören; der Kern zerbirst, reißt
auseinander, er zerfällt in seine Granula, und die
höchste Lebensfunktion, die Allmutter Alles
Seienden, die Erschafferin der Lebewesen, der
Vatersame jeglicher Entwicklung, ist tot.</akap>


<akap>Der Leukozyt stirbt.</akap>


<akap>Huh! Das war die Brautnacht, die blutschänderische Brautnacht --- des Geschlechtes mit
der Seele, das Hohe Lied von der siegenden
Bakterie.</akap>


<akap>Und die Seele wurde krank und welk und
siech.</akap>


<akap>Eigenhändig hat sie sich von der Gebärmutter losgerissen, die Aorta unterbunden, die
Kraftquelle versiegen lassen.</akap>


<akap>Sie lebt, --- ja, sie lebt noch, weil sie sich
sattgefressen hat am Geschlechte; sie zehrt noch
an dem Inhalt, den das Geschlecht ihr gab. Sie
produziert Formen und Töne, die sonst nur der
Fortpflanzung dienten; sie kann sich noch Halluzinationen schaffen, die sonst nur die Sexualsphäre reizten; sie kann sich in eine Ekstase
versteifen, die dem Größenwahnsinn des Geschlechtes gleicht, wenn es wähnt ein fremdes
Wesen in sich aufgehen lassen zu können. Aber
alles, was sie so auf eigene Faust erzeugt, ist
nur Luxusfunktion, wie die Kunst nur Luxusfunktion des Geschlechtes ist, und ist steril, was
die Kunst nicht ist, weil in ihr der mächtige
Pulsstrom des lebendigen Geschlechtes, der fieberheiße Samengolf des Lichtes, des Willens nach
persönlicher Unsterblichkeit erzittert.</akap>


<akap>Und so muss die Seele untergehen; so muss
die siegende Bakterie an dem resorbierten Leukozyten sterben.</akap>


<akap>Aber ich liebe die heilige, große Funktion,
in die sich mein Geschlecht verflüchtigte und
sublimierte: meine große, sterbende Seele, die
mir mein Geschlecht geraubt hat und es auffraß, um daran zu sterben.</akap>


<akap>Und so muss ich untergehen an meinem
zerfallenden, in tausend übergeschlechtliche Sensationen zerbröckelten Geschlecht.</akap>


<akap>Ich muss untergehen, weil die Lichtquelle
in mir ausgetrocknet ist, weil ich das Schlussglied bin in der endlosen Kette der Entwicklungstransformationen meines Geschlechtes, weil
die Wogen dieser Geschlechtsevolution nicht
über mich hinauskönnen, weil ich der weiße,
sturmgepeitschte Schaum bin auf dem Kamme
ihrer letzten, brandenden Woge, die sich bald
am Strande zerschlagen wird.</akap>


<akap>Ich muss untergeben, weil meine Seele zu
groß wurde und zu schwanger mit meinem Geschlechte, als dass sie einen neuen, leuchtenden,
morgenbrünstigen, zukunftsfrohen Tag gebären
könnte.</akap>


<akap>Und so muss ich an der sterilen Schwangerschaft meiner Seele zugrunde gehen.</akap>


<akap>Aber ich liebe auch mein totes Geschlecht,
dessen Reste meine Seele aufzehrt; ich liebe
diese letzten Blutstropfen meiner Individualität,
in denen sich das Ursein widerspiegelt in seiner
ganzen Majestät, in seiner Untiefe und Abgründigkeit, blass und schwach; ich liebe das
Geschlecht, das meine Gehörseindrücke mit den
wunderbarsten Farben färbt, Geschmackshalluzinationen auf die Sehnerven leitet, epidermale
Eindrücke zu visionären Ekstasen werden lässt,
--- und ich liebe meine Krankheit, meinen Wahnsinn, in dem so viel von doktrinärem, raffiniertem,
höhnendem, mit ernster, heiliger Miene höhnendem
System sich offenbart.</akap>


<sekcja_asterysk/>


<akap>Ich bin ganz ruhig --- und sehr, sehr müde.</akap>


<akap>Nur tief, ganz tief, schmerzt mich etwas. Es
ringt etwas nach Gleichgewicht; oder vielleicht,
ja, vielleicht ringt es in der letzten Agonie.</akap>


<akap>Etwas ist verloren gegangen; der mystische
Oszillationspunkt, auf den sich alle meine Kräfte
beziehen. Er wurde aufgehoben durch tausend
andere Kraftzentra, und das Einheitliche zerfiel
in tausend Scherben.</akap>


<akap>Meine Gedanken nehmen etwas Eigenwilliges
an, sie gehen und kommen spontan, willkürlich,
zügellos.</akap>


<akap>Manche erscheinen mir wie rötliche Phosphoreszenzen um einen tiefvioletten Heiligenkranz,
wie man die Interferenzen der Gaslichtlaternen
im Regenwetter durch die trüben Scheiben sieht,
ganz weich und flüchtig. Manche kommen mir
vor wie ein langer Lichtstrahl, der auf eine
wellengekräuselte Wasserfläche geworfen wird;
irgendwo in der Tiefe spiegelt er sich wieder,
in Millionen Lichtflecke zerbrochen, die sich
auf den Wellen wiegen, umarmen und küssen
in einer überirdischen Reinheit, Keuschheit und
Ewigkeit.</akap>


<akap>Andere wachsen ins Riesenhafte, Ungeheure,
Exotische aus. Mein Gehirn, das bisher nur in
europäischen Dimensionen zu denken gewohnt
war, entspannt jetzt die gewaltigen Formen der
Tempel von Lahore, kombiniert die ägyptische
Sphinx mit dem chinesischen Drachen; es schreibt
mit den furchtbaren Massen, aus denen die Pyramiden entstanden sind, es denkt in dem vollen,
majestätischen Sanskrit, wo jedes Wort ein
lebender Organismus ist, der durch einen mystischen, pangenetischen Vorgang zu einem Wesen
wurde, ein an riesigen Geschlechtsorgan mit unermesslicher Zeugungskraft, das alle Sprachen,
alle Gedanken gezeugt hat: eine Synthese von
Logos und Kâma --- das Wort des Johannes,
das zum Fleische wurde.</akap>


<akap>Und ich schwelge dann in wüsten Raumphantasien. Ich bin ein assyrischer König, mit
himmelstürmender Tiara und grellen, lichtgewobenen Brokatkleidern; auf dem Sensenwagen
schwebe ich dahin über der europäischen Misere
mit einer Macht und grandiosen Herrlichkeit,
die einst die Sklaven auf ihr Angesicht in Staub
und Kot geworfen hat.</akap>


<akap>Ja: ich liebe die babylonische, schweigsame
Majestät, wo die Worte teuer und kostbar waren,
weil sie einen schauerlichen Geburtsakt kosteten.</akap>


<akap>Ja: ich liebe die titanische, naive Gewalt
des Machtbewusstseins, die die Götter verhöhnt,
die über Menschen herrscht und all Getier, die
das Meer peitschen ließ und in unbekannte
Länder Fesseln mit sich führte.</akap>


<akap>Ja: ich liebe den Wahnsinnstrotz, den granitharten, drachenzahngeborenen Stolz des biblischen Menschen, der dem grausamen Gotte höhnend mit dröhnendem Lachen sein erstes Satan-Jehovah zuruft und einen Felsen aus der Erde
reißt, um ihn gegen den Himmel zu werfen,
gegen die eherne Stirn des furchtbaren Mörders,
der seine selbsterschaffene Brut geißelt für die
Sünden, die er selbst ihr eingeimpft hat.</akap>


<akap>Und ich fühle, wie mir die Pupille das Auge
überflutet, wie mein Körper sich reckt, wie die
Brust mit doppelter Lungenkapazität sich dehnt
und die furchtbare, heilige Mitrasstille sich auf
mein Antlitz legt.</akap>


<akap>Und dann kommt der gigantische Augenblick,
wo ich Sensationen empfinde mit einer Fläche
von tausend Quadratmetern, wogegen diese paar
Kubikzentimeter Blut, mit denen ich Sauerstoff
absorbiere, eine lächerliche Kleinigkeit sind, ---
wo ich die Wiedergeburt aller Völker und Kulturen in mir seine, --- wo ich mit unaussprechlicher Liebe das kindliche Konglomerat von
grellsten Farben auf einem ägyptischen Friese
und die höchste technische Farbenvollkommenheit
irgendeines Franzosen genieße, --- wo mir das
lächerliche Tam-tam eines Negerliedes neben der
kompliziertesten Chopinschen Sonate als gleicher
Genuss gilt, --- wo sich alle meine Sinne durchdringen wie in einer Xenophanischen Gottheit
oder wie in einer Molluske, die nur mit einem
Organe alle Sinneseindrücke aufnimmt.</akap>


<akap>Und wenn der Raum entweicht, --- wenn
alles um mich einstürzt, wie Wellen in ein Loch,
das ein Kind mit einem Steine in die Wasseroberfläche einschlägt, --- --- wenn die Herrschaft
über meine Muskeln aufhört und ich Haut-- und
Muskelsinn verliere und nicht mehr weiß, ob
ich da bin, --- wenn tausend Jahre in mir rückwärtsfluten und ich auf Augenblicke meine nackte
Individualität, mein sterbendes Geschlecht zurückgewinne, dass ich in das Ursein sinke, mich als
Uratom begreife, der sich selber begatten will,
und den Puls des Allseins sich in meine Adern
gießen fühle: dann empfinde ich ein namenloses,
tiefes, unendliches Glück, weit und tief wie die
Atmosphäre, die sich über die Welt gelagert hat
Ich begreife sehr gut, dass es das Ende ist.</akap>


<akap>Ich weiß, dass es Desintegrationen der Empfindungen, schwere Muskel-- und Innervationsstörungen sind. Aber was geht das alles Mich an!</akap>


<akap>Ich <wyroznienie>will</wyroznienie> untergehen.</akap>


<akap>Und wenn auch meine Empfindungssphäre
sich völlig von meinem Willen emanzipierte, wenn
meine Seelenzustände nur zur Hälfte gedeihen, ---
eine wirre Menge von Gedanken, ein zerfasertes
Netz von Gefühlen, jeder motorischen Energie
von Grund aus bar: so genieße ich dafür in Mir
das wunderbare, mikrokosmische Bild einer
titanischen Weltanschauung! ---</akap>


<akap>Ich, das Subjekt, bin nur in der Empfindung;
ich kenne mich nur in der Empfindung; ob die
zum Willen wird, ist furchtbar Nebensache.</akap>


<akap>Ich kenne nichts außer meiner Empfindung,
und ich kenne vor allen Dingen keine Kausalität,
nur Aufeinanderfolge meiner Empfindungen; ob
sie logisch sich abwickeln oder nicht, das ist
nicht meine Sache.</akap>


<akap>Mein Subjekt sitzt einfach auf dem Isolierschemel. Es ist das Gravitationszentrum, um
das das illusorisch Seiende oszilliert; es guckt
durchs Mikroskop oder, je nachdem, durchs Fernrohr; und in der Souveränität Meines Subjektes
erlaube Ich Mir zu denken, dass alles nur ein
Traum ist und das ,,Wirkliche" nur eine besondere Form des Traumes und Ich mir selbst
so fremd wie Euch.</akap>


<akap>Und Euretwegen, die ihr gar vielleicht nicht
existiert, ihr Hirngespinste meiner geschlechtsschwangeren Seele: Menschenkinder, euretwegen
sollte ich leben?</akap>


<akap>Etwa weil ich der Menschheit etwas schuldig
bin, weil ich ,,doch nun einmal da bin"?</akap>


<akap>Ha, ha, ha! Mais rassurez vous: Ich liebe
euch alle --- </akap>


<akap>euch, die ihr nichts zu sein vermögt, als die
autonomen Geschlechtsorgane der Argonauten,
die sich in der Brunstperiode vom Mutterleib
ablösen und auf eigene Faust das Weibchen suchen;</akap>


<akap>und euch, die ihr euch in ständiger geschlechtlicher Innervation befindet, euch Künstler
nennt und eure Wollustideale produziert;</akap>


<akap>und euch, die ihr ewig lauert auf Erwerb
für eure fortgepflanzten Spermatozyten, was ihr
Liebe zur persönlichen Unsterblichkeit benamst;</akap>


<akap>und euch, die ihr maßlos verschwenderisch
seid; denn in eurer Narrheit waltet die dumme
Grandiosität der Geschlechtsnatur, die fünfzehn
Millionen Spermatozyten braucht, um ein lächerliches Eichen zu befruchten,</akap>


<akap>oh! ich liebe euch alle, und ich bedauere
euch, weil ihr leben müsst und der Misthaufen
seid, dem neue Zukunft entsprießen soll, weil
ihr Mittel seid und Genitalorgane des Geschlechtes
und euch verpflichtet fühlt, für andere zu leben.</akap>


<akap>Ich bin für mich allein!</akap>


<akap>Ich bin Anfang, weil ich die ganze Entwickelungsreihe in mir trage, und bin Ende,
weil ich ihr Schlussglied bin.</akap>


<akap>Allein mit meinen Empfindungen.</akap>


<akap>Ihr habt noch eine Außenwelt; ich habe
keine, ich habe nur Mich.</akap>


<akap>Ich bin Ich.</akap>


<akap>Ich, die große Synthese von Christus und
Satan, der ich mich selber auf den Berg führe
und in Versuchung bringe und mich übertölpeln will.</akap>


<akap>Ich, die Synthese von trunkenster Begeiferung und kalt berechnetem Raffinement, die
Synthese vom gläubigsten Urchristen und höhnisch grinsenden Unglauben, ein mystischer
Ekstatiker und satanischer Priester, der mit
gebenedeitem Munde die heiligsten Worte und
obszönsten Blasphemien im selben Augenblick
verkündet.</akap>


<akap>Und in diesem Augenblicke habe ich eine
Lichtempfindung, wie wenn ein ganzes Meer von
Purpurrot aus halbgeronnenem Venenblut über
den Himmel ausgegossen wäre, und in den Ohren
einen schneidenden, sauren Ton in der Applikatur,
wie wenn ein Folterknecht mit einer Säge durch
eine Glasplatte schnitte ---</akap>


<akap>O qualis artifex pereo!</akap>


<sekcja_asterysk/>


<akap>Du bist wie ein schwacher, matter, silberner
Lichtstrahl, den ein Hüttenfenster in einer lauen
Herbstnacht auf die Wiese ausgespien hat über
das nasse, weiche Nebeltuch, das mit brünstiger,
lustsatter Müdigkeit auf dem Grasteppich lagert.
Über die Nebelfläche wiegt er sich wie eine
zögernde Welle Licht; wie Glockentöne zum
Ave-Maria fließt er rein, golden, allmählich verklingend, und lange hallt er nach und gießt
sich in den Körper mit matter, kranker Ruhe.</akap>


<akap>Du bist wie die blaue Morgenstunde, wenn
der Osten sich zu röten und Licht auszuatmen
beginnt. Die ganze Welt sättigt sich mit den
dunklen Osternachtmysterien der Auferstehung,
sie taucht unter in der blauen Seligkeit des
Himmels, sie zerfließt in dieser Atmosphäre
kalten, flüssigen Damaszenerstahls, und plötzlich
brennt sie auf, in weitem, tiefem violetten Farbenmeer, das die ersten, melancholischen, traummüden Lichtkolumnen entfachen.</akap>


<akap>Und alles ist tief und blau und heilig.</akap>


<akap>Um deine Augen war es wie Protuberanzenschein bei Sonnenfinsternissen, wie eine Phosphoreszenz der Fäulnis, und sie glühten wie
zwei tiefe Sterne einer schwarzen Herbstnacht
in den Abgrund meiner Seele hinein.</akap>


<akap>Um deine Mundwinkel feine, weiche Interferenzlinien, die mich an meinen heimatlichen
See erinnerten, an die klare, stille Wasserflut,
wenn ich sie mit dem Ruder bewegte.</akap>


<akap>Deine Stimme kam zu mir, wie wenn sie
über das grüne Meer mit dem Frühlingswinde
hergeweht wäre, und ich höre sie fortwährend
als ein aufgelöstes, in Schallatmosphäre transformiertes Lichtmeer, das mich beständig umfließt mit
unendlich feinen, distinkten Wellenschwingungen.</akap>


<akap>Ich gehe wie eingehüllt in sie, und meine
Gedanken fließen auf und nieder auf der wogenden Rhythmik dieser Stimme mit der weichen
--- frauenhändeweichen Dominante in cis-Moll.</akap>


<akap>Als ich dich das erste Mal erblickte, war
es mir, als ob ich meine Individualität in ihrer
mystischen Nacktheit gesehen hätte.</akap>


<akap>Du warst für mich die Offenbarung meines
höchsten Schauens; in dir war das Rätsel meiner
höchsten ästhetischen Sehnsucht gelöst.
Du warst die Geschichte meiner Entwicklung, meine sexuelle Vergangenheit. Ein Stück
Palingenesis warst du von mir; in uns beiden
hat sich die gemeinsame Uridee, die gleiche Woge
der Geschlechtsevolution objektiviert.</akap>


<akap>Und so musste ich deine Formen, deine Bewegungen lieben, so musste mich die Stimmung,
die du strömtest, berauschen, weil mein Geschlecht
mir meine Seele auf dich eingerichtet hatte, dass
sie dich zum Fraße ihm zuführe, zum Molochopfer überliefere.</akap>


<akap>Du warst wohl ursprünglich mein höchstes
sexuelles Ideal; doch seitdem sich meine Seele
autonom erklärte und mein Geschlecht erwürgte,
konnte ich dich nur noch mit den Sinnen meiner
Seele lieben, ihre Werkzeuge auf dich richten,
dich mit meinen Augen trinken, den Tonfall
deiner Sprache streicheln, meine Muskeln innervieren lassen durch die verschwimmenden Linien
deines Körpers in eine unendliche Weichheit.</akap>


<akap>Und ich habe dich genossen in ewiger Qual
und namenloser Sehnsucht. Es war, wie wenn
ich eine Art physiologischen Amöbenbewusstseins
empfangen hätte und den Augenblick in mir verspürte, als die Amöbe sich teilte, die Hälfte ihres
Kernes zum neuen Wesen werden ließ, dieses
verloren hatte und sich nun in brütender, qualvoller Sehnsucht nach ihm sehnte.</akap>


<akap>Es war, wie wenn ich mich als Hermaphroditen fühlte, mich selbst parthenogenetisch befruchtet hätte, ein Weibchen nach meinem Urbilde schuf, das aber fremd und Nicht-Ich wurde.</akap>


<akap>Und ich sehnte mich nach dir immer und
ewig, ich sehnte mich nach jenem Augenblicke,
als du Eines mit mir warst, bevor ich mich in
deinem Körper objektivierte.</akap>


<akap>Ich sehnte mich in heißem Fieber nach dem
Werdeprozess, wie die Formen Meines Geistes
sich in deinen Körper kleideten, die Zuckungen
meiner Muskeln dich ins Leben leiteten, wie du
nach dem Muster meines Geistes wurdest und
ein neues Wesen begann.</akap>


<akap>Ich liebe dich, wie die untergehende Sonne
das Roggenfeld an Sommerabenden mit den
letzten, blutroten Strahlen liebt; ich scheide ungern von dir, wie die Sonne von der Erde scheidet
mit Weh und Sehnsucht, weil sie das heilige
Mysterium der Nacht nicht sehen kann.</akap>


<akap>Das Mysterium der Nacht und des Abgrunds
--- in Dir wollte ich es sehen. Ich griff nach
ihm mit fiebernden, qualstöhnenden Fingern; wie
feine Lanzettenspitzen grub ich sie in deine
Tiefe, und immer entschlüpfte es mir, glitt tiefer,
verschwand.</akap>


<akap>Das Grundelement verflüchtigte sich in tausend Sublimationen, und mein Geist rang und
krümmte sich in wilder Qual, dich wieder in
sich aufzusaugen, dich aufzulösen in deiner
brünstigen Hitze wie ein Stück Metall --- Dich,
seine verlorene Kernhälfte.</akap>


<akap>Und so bliebst du mir fremd, weil nur mein
Geschlecht dich wiedererkennen könnte; das
lebendige, nackte Geschlecht, das in mir tot ist.</akap>


<akap>Tot ist Das, was war, bevor ich wurde, was
deinen Entstehungsprozess sah, was ihn vielleicht
veranlasst hat, was durch endlose Formen sich
bis zu mir hindurchgerungen hatte, was einst
keine katoptrischen Instrumente brauchte, tun zu
sehen, kein Cortisches Organ, um zu hören.</akap>


<akap>Ich liebte dich nur mit meiner Seele, mit
der skeptischen, kranken Seele, die dich als klein,
mir unterlegen, meine Magd und Sklavin empfand.</akap>


<akap>Ich liebte deine Lüge, weil ich selbst verlogen bin.</akap>


<akap>Aber während deine Lüge ein paar lächerliche Liebhaber an der Nase führen konnte,
schuf meine Lüge die wunderbarsten wissenschaftlichen Hypothesen, schuf neue Welten,
schuf Poesie, zwang den Menschen neue Gedanken, neue Gesittung auf, vollbrachte die ganze
Kulturarbeit.</akap>


<akap>Ich liebe dein Verbrechertum, weil ich selbst
Verbrecher bin.</akap>


<akap>Aber während Du als Verbrecher höchstens
Prostituierte, Diebin und Kindesmörderin werden
konntest, habe Ich als Verbrecher neue Gesetzestafeln geschrieben, alte Religionen vernichtet
und neue entsponnen, Völker von der Erdkarte
weggestrichen, der Erde die Eingeweide herausgerissen: Ich, der nimmersatte, ewige Verbrecher, der Erreger des Stoffwechsels in der
Geschichte, der Geist der Evolutionen und Zerstörungen.</akap>


<akap>Ich liebe dein Geschlecht, das dich brünstig
und empfänglich machte; du warst der Maßstab
für die Stärke meiner Muskelkraft, mit deinem
Gebärmuttergehirn hast du mein Geschlecht begriffen, mich in meiner Nacktheit gesehen, mich
vor mir selbst entkleidet und das Rätsel meines
Seins entwirrt.</akap>


<akap>Und das ist deine Stärke.</akap>


<akap>Das, was ich nicht konnte.</akap>


<akap>Deshalb liebe ich deine Lüge und dein Verbrechertum, weil sie deine Geschlechtsfunktionen
sind, mit denen du den Weltgeist in mir fasstest
und dich an ihm festsaugtest und ihn auf dich
wirken ließest, um ihn doch vielleicht der neuen
Zukunft, die deinem Schoß entsprießen sollte,
dienstbar zu machen.</akap>


<akap>Vor meinen Augen steigen Bilder namenloser
Qual auf, die ich mit dir verlebte.</akap>


<akap>Erinnerst du dich wohl, wie du im ekstatischen
Aufschwung deines starken Geschlechtes mich
tief, schmerzlich tief, in dich hineinpresstest?</akap>


<akap>Von unten empor drangen Tonwellen irgendwelcher Musik in mein Zimmer herauf; durch
grünen, dichten Abat-jour ergoss die Lampe
mattes Krankenbettlicht, und ich fühlte, wie
durch irgendeinen Vorgang die Zuckungen
deines Körpers sich mir mitteilten, wie sie auf
meine Blutbahnen wirkten und das Herz in
kleineren Zwischenräumen das Blut in die Gefäße speien ließen und in meinem Gehirne lange,
lange nicht betretene Pfade in Erzitterung gerieten.</akap>


<akap>In diesem Augenblicke fühlte ich Glück.</akap>
<akap>Ich horchte gespannt, wie die geschlechtlichen Elemente sich summierten, wie eine schwache
Welle sich in meinem Körper fortpflanzte, die
immer stärker wurde, immer weitere Interferenzkreise um sich zog; ich fühlte, wie mein Kehlkopf sich zusammenschnürte und banale Liebesworte stammeln wollte, wie mein Bewusstsein
immer schwächer wurde, immer geringeres Verständnis für die inneren Vorgänge hatte, --- aber
da plötzlich hat dein Körper sich in eine schiefe,
gebrochene, unanständige Linie gekleidet, und
im Momente stürzte das mühevolle Werk intensesten Wollustschmerzes zusammen, das Gehirn
packte mit eisernen Raubtierkrallen das Geschlecht und erwürgte es.</akap>


<akap>Und du lagst da, und betteltest mit deiner
Brunst, schweigsam mit geschlossenen Augen.</akap>


<akap>Und ich lachte; roh, zynisch, gemein; ---
lachte, dass ich glaubte, mir würden alle die feinen
Blutgefäße in meinen Lungenbläschen platzen.</akap>


<akap>Du armes Kind! --- Deine Gebärmutter hat
dich übertölpelt. Aber beruhige dich: du hast
mit ihr das Saїsrätsel meines Lebens geschaut.</akap>

<sekcja_asterysk/>


<akap>Ich entstamme einer Mischehe zwischen einem
protestantischen Bauern und einem katholischen
Weibe, das einer alten, verarmten, aristokratischen
Familie angehörte.</akap>


<akap>In meinen Erinnerungen dominiert noch immer
die schlanke, schmächtige Frau mit dem Carlo-Dolci-Gesicht, in deren Züge Jahrhunderte von
Verfeinerung und auserlesenster Zuchtwahl ein
unauslöschliches Stigma geprägt hatten.</akap>


<akap>Sie liebte niemals den Vater; sie heiratete
ihn nur deshalb, um bei ihren Standesgenossen
nicht dienen zu müssen. Unter endloser Qual
hatte sie gelernt, sich seiner Lust hinzugeben;
unter tiefstem sinnlichem Ekel, unter der mächtigsten Empörung ihrer blutenden Seele, der
nach Rache schreienden Physis wurde Ich geschaffen.</akap>


<akap>Von Anfang an Schmutz --- und Schmutz ---
und Schmutz.</akap>


<akap>So weit sich meine Erinnerungen strecken,
empfand ich mich immer als etwas Unkoordiniertes,
Widerspruchvolles, Zusammengewürfeltes, das
mein Wollen paralysierte und mein Denken durch
impotente, aber immerwährende Impulse in steter
Reizbarkeit erhielt.</akap>


<akap>Immer hatte ich etwas an mir, das nicht die
geringste Affinität zu anderem in mir besaß.
Die heterogensten Elemente lagen als Gemenge
nebeneinander, ohne Verbindungen stiften zu
können; kleine feindliche Teufel standen sich
gegenüber, um sich bei jeder Gelegenheit mit
blutigem Hohn zu beschimpfen.</akap>


<akap>Die Mutter war das große geologische Agens,
das die entstehenden Formationen meiner Seele
verschob, kantete, auflöste, abnorme Verbindungen
bildete und mit ihrem Geiste den ersten giftigen
Bildungskeim in die frische Krume legte.</akap>


<akap>Und dieser Bildungskeim, der zu einem
Seuchenherde wurde, aus dem die kranken Sumpfblumen meiner Lebensäußerungen sprossen, das
war ja jene unbefriedigte geschlechtliche Sehnsucht; das war ihr eigener abgründiger Zwiespalt zwischen der Gebärmutter und der Seele; ---
das war, dass ihr Geschlecht von der Seele als
etwas Schmutziges weggestoßen werden musste,
weil es einem ungeliebten Manne zum Werkzeug
diente.</akap>


<akap>Ihre Seele sah sich in den Kot getreten, mit
brutaler Kraft vergewaltigt, und sie schwang
sich empor mit wildem Elan nach etwas grenzenlos Innigem, Reinem, Verklärtem, Geschlechtslosem.</akap>


<akap>Das Geschlechtslose in ihr erzeugte das Geschlechtslose außer ihr, ein Etwas, um das sich
alle ihre Gefühle wie um einen kosmischen Kernpunkt gruppierten, in Wärme gerieten, ewig
wechselten, in ewigem Fluss verharrten.</akap>


<akap>Und wenn wohl auch allmählich die Leidenschaft und Wärme ihrer Sehnsucht matter wurde
und das große Weh, das diese Sehnsucht belebte,
sich verlor, so blieb doch immer etwas, dessen
Herkunft sie nicht mehr sagen konnte, das den
Zusammenhang mit ihrem früheren Leben eingebüßt hatte, --- gleich einer abgeschliffenen,
kurrenten Metapher, deren rätselhafte Genesis
niemand mehr entwirren kann.</akap>


<akap>Und mit dieser metaphorischen Sehnsucht
imprägnierte sie meine Seele; sie goss sie in jede
Nervenfaser, sie schlug sie wie Grenzpflöcke in
den Umfang meines Empfindens, und sie machte
mich so krankhaft empfindlich, so mystisch verschämt und so maßlos zynisch.</akap>


<akap>Sie war es, die mich tränkte mit dem Ekel
vor dem Geschlechtlichen, die den ersten Zerstörungskeim in die Verbindung zwischen meiner
Seele und dem Geschlechte säete, die den Zwiespalt meiner physischen Hereditäten noch tiefer
spaltete.</akap>


<akap>Immer empfand ich mich als den Bauern
mit dem ausgesprochenen Rechtlichkeitssinn, der
naiven Verschlagenheit, der Neigung zur ruhigen,
freudelosen Beschaulichkeit, in der Jahrhunderte
starren Protestantentums und mühevoller Arbeit
lebten.
Aber neben dem Bauern, der Jahrhunderte
lang mit dem Ochsen zusammen am Pfluge zog,
der seinen Rücken vor dem Schlossherrn beugte,
dessen Füße platt und dessen Hände schwielig
wurden, lebt da in mir der Aristokrat, dessen
Ahnen von den Steppen des heiligen Irans in
die europäischen Ebenen zogen und die Autochthonen sich dienstbar machten, --- der Aristokrat
mit der maßlosen Frechheit und prahlenden Verlogenheit der herrschenden Klasse, der Aristokrat
mit der Treibhaushitze des Raffinements, das
Jahrhunderte von Züchtung, Herrschaft, Üppigkeit und Nichtstun erzeugen.</akap>


<akap>Und so musste das Heterogene aneinanderprallen, so musste es Krieg geben. So mussten
alle Willenshandlungen in mir sich paralysieren.</akap>


<akap>Niemals gab es in mir Liebe und Synthese.</akap>


<akap>Ich bin das Urbild aller Zentrifugalen, das
Urbild der Auflösung und Zerstörung.</akap>


<akap>Ich bin die Walpurgisnacht am Hexensabbath
der Entwickelung, das Mene Tekel, in dem sich
meine Zeit in den letzten spasmatischen Zuckungen
austobt.</akap>


<akap>In jede Nervenfaser drang dieser Zwiespalt
hinein, in zwei parallele Nervenströme teilt er
jede meiner Sensationen: jede immer Lust und
Schmerz zugleich. Sie überfluten einander, sie
wollen einander aufreiben, und immer ist die
Schmerzempfindung die siegreiche.</akap>


<akap>Kaum empfinde ich das leise Prickeln eines
Lustgefühls, schon höre ich das Klopfen und
Hämmern des Schmerzes, und dann tut sich
eine wahre Orgie auf, wo die Lust zum Wahnsinn wird unter den giftigen Bissen der Schmerzschlange, eine Orgie von wildem brünstigem
Hengstgewieher und stillem, verbissenem, höhnisch grinsendem Lachen eines Janushauptes
mit Lucifer-- und Erzengel-Michael-Gesicht.</akap>


<akap>Und diese meine Degenerationserscheinungen
werde ich jetzt zu Hilfe nehmen.</akap>


<akap>Jetzt werde ich die faule Bestie von Geschlecht aus ihrer Höhle an den Ohren zerren,
und ihr mit der weißen Eisenbitze meiner Lust
den Rücken sengen, und in ihre Sohlen den spitzen
Stachel meines Schmerzes keilen, dass sie schreit
und tanzen, Herrgott, tanzen lernt.</akap>


<akap>Mit den Bildern, die meine kalte, raffinierte
Unzucht gebar, werde ich sie stacheln, bis ich
mich wieder Mann fühle, ich armer Märtyrer
deiner Üppigkeit, du junges Gehirn.</akap>

<sekcja_asterysk/>



<akap>Mein Gehirn habe ich auf die grüne Weide
geschickt, auf das sterile Moor meiner Heimat;
jetzt bin ich ganz Synthese, ganz Konzentration,
ganz Geschlecht.</akap>


<akap>In meinen Armen ruhst du, und es ist Nacht.</akap>


<akap>Wir küssen uns, dass uns der Atem ausgeht,
dass wir ineinander aufgehen, wesensgleich werden.</akap>


<akap>Ich presse meine Lippen in deinen fiebernden
Busen, dass meine Brust sich weitet von dem langersehnten, heißbegehrten Glück; ich schmiege
deinen Pantherleib so innig an mich an, dass ich
dein Herz an meine Mannbrust klopfen höre
und seine Schläge zählen kann, dass ich den
Blutstrom, der durch deinen Körper rast, an
meinem eigenen sich entlang gießen fühle und
die Wollustschauer, die deinen Körper durchzucken, meine eigenen werden.</akap>


<akap>Ich wühle mich in dich hinein; ich fühle,
wie sich deine Glieder bäumen in der dionysischen
Ekstase eines Wollustkrampfes, wie sie auffahren
in dem wüsten Erethismus einer schmerzhaften
Lust.</akap>


<akap>Fester --- tiefer --- noch tiefer, dass ich
deinen unsterblichen Geist packe in dieser unerträglichen Hitze meiner Brunst, in dieser tollen
Farce meiner Sinneslust, in dem keuchenden
Hallelujah meiner Wollust.</akap>


<akap>Und jetzt bin ich die Inkarnation des Logos,
als er zum Evangelium des Fleisches wurde;
jetzt bin ich die allgewaltige Allsexualität, der
Verknüpfungspunkt vom Vergangenen und Kommenden, die Brücke zum Jenseits der Zukunft,
das Unterpfand einer neuen Evolution.</akap>


<akap>Nun weiß ich nicht mehr um meine Qual;
ich sauge an deinem Geiste; immer tiefer zieh
ich ihn in mich hinein, und in dieser Wesenseinheit und Wesensvertauschung, in dieser Auflösung meines Seins in dem deinigen, in diesem
Ineinandergreifen der Räderzähne unsrer tiefsten
und intimsten Gefühle, in diesem übermenschlichen,
rücksichtslosen, im himmelstürmenden
Triumph der Geschlechtsfreiheit aufjauchzenden
Willen zur Zukunft und Unsterblichkeit, hab ich
deinen Geist mit den zitternden, bebenden Fingern
gegriffen.</akap>


<akap>Ja, ja, ja, ja:</akap>


<akap>Er zerrann?</akap>


<akap>Wie Quecksilber zerstäubt er unter meinen
Fingern; und da bist du da, --- da liegst du
in deiner göttlichen Nacktheit, in der Schamlosigkeit deines Geschlechtes, und ich schaue
dich an als etwas Fremdes, Weites, Millionen
Meilen weit Entferntes, und ich blicke in deine
abgründigen Augen, die vielleicht nicht einmal
Oberfläche sind.</akap>


<akap>Aber nein, --- nein, --- um Gotteswillen nein!</akap>


<akap>Mit der zuckenden, schauernden, hirnzerrüttenden Leidenschaft, mit der fiebernden Glut,
die mein Gehirn durchtobt, mit der ungestümen
Kraft meiner lusterstarkten Glieder will ich mich
von dem Erdbeben deines Fleisches schütteln
lassen, nichts fühlen als die bleiche Hitze deiner
Glieder, nichts hören als das jagende Sausen
meines Blutes, nichts empfinden als das stechende,
brutale Weh des Liebesdeliriums, --- ich will
aufhören zu leiden in dem Siegesdithyrambus
des Geschlechtes, der tosenden Brandung einer
schauerlichen Symphonie des Fleisches.</akap>


<akap>Und sage mir, wie du mich liebst! sag' es
unter dem begehrlichen Gezucke deines Leibes,
brenn' es mir in meine Glieder, senge es auf
meine Lippen, atme es in mich hinein, dies
heiße, gierige, ekstatische:</akap>


<akap>Ich liebe dich!</akap>


<akap>Sag, sag, sag es mir --- wie --- wie liebst
du mich?</akap>


<akap>Wie --- wie liebst du mich? ---</akap>


<akap>Ha ha ha hah!</akap>


<akap>Ich brauche deine Liebe nicht --- was willst
du von mir --- ich kann dir ja nichts geben ---
was sollt' ich mit dir --- ich weiß ja nicht, was
ich mit dir anfangen soll! ---</akap>


<akap>Steh auf; zieh dich an; und bewundere ja
mein großes Gehirn, das solche lustige Farce
von Pubertäts-- und Gymnasiastenliebe in Szene
setzen kann.</akap>


<akap>Ophelia, geh in ein Kloster.</akap>



<sekcja_asterysk/>

<akap>Auf dem Grunde meiner Seele liegt ein
finsteres, schauerliches Geheimnis von einer wahnsinnigen, satanischen, schwarzen Messe, in der
das sterbende Geschlecht sich austobte mit
seiner zerstörenden Agonie und Todeskrämpfen,
als es zum letzten Mal das <slowo_obce>δοσ μοι που στω</slowo_obce> war
und mich aus meinen Angeln hob.</akap>


<akap>Und so will ich es preisgeben; preisgeben
den Triumph der epileptischen Brunst, noch einmal alles durchleben in einer Intensität, als ob
es heut geschehen wäre, noch einmal schwelgen
im Genusse meines geschlechtlichen Vampirtums, und noch einmal mich empfinden als das
übermächtige Geschlecht, das mein Gehirn als
dummes, lächerliches Spielzeug gebrauchte.</akap>


<akap>Ich weiß nicht, ob es Traum war oder Wirklichkeit; ich weiß nicht, ob es nur das halluzinatorische Bild von einer Idee war oder umgekehrt die Geburt von Ideen aus vielleicht ererbten, a priori in mir liegenden Bildern.</akap>


<akap>Die Linien des Tages fließen in die der Nacht
hinüber; über dem hellen Mittag ruht die große,
blutrote Scheibe des Mondes, und in dem Wasser
des abgründigen Brunnens spiegeln sich am lichten
Tage Millionen von Sternen in mitternächtiger
Finsternis.</akap>


<akap>Mein Gott! Vielleicht war es nur das psychische Epiphänomen von physischen Zerstörungsakten, von alkoholischem Delirium, von Fieberhitze oder --- aber das ist ja gleichgültig.</akap>


<akap>Jedenfalls hab' ich ihn erlebt, den Todeskampf meines Geschlechtes.</akap>


<akap>Ich saß regungslos da, die Faust tief in
den Mund gesteckt, mit hervorquellenden Augen,
schmerzhaft verzerrter Gesichtsmuskulatur, ein
brutales Raubtier.</akap>


<akap>Etwas musste ich in mir zerstören, mit
meinen Zähnen in das Innere beißen, tief, langsam,
immer tiefer; behutsam es abreißen, damit der
Schmerz stärker, langsamer, grausamer wäre;
mit den langen, spitzen, scharfen Zähnen musste
ich es tun.</akap>


<akap>Seit zwei Tagen schlief ich nicht; ich
aß nicht. Ich trank nur reinen Spiritus, weil
meine Geschmacksnerven stumpf geworden waren
und ihre Leitung nach dem Rachen unterbunden war.</akap>


<akap>Ich war beinahe lustig.</akap>


<akap>Meine Gefühle bewegten sich in wunderbarem
Takt zu einer schauerlich-gespenstisch-tiefen,
wüsten, starren Musik mit dem Gesichte eines
altmexikanischen Götzenbildes.</akap>


<akap>Jeder Ton war wie ein Stück geschmolzenen
Metalls, das in eine fürchterliche Hitze geriet
und in das Spektrum meiner Seele niedertropfte
und dort eine Linie zeichnete.</akap>


<akap>Ich hörte die Musik nicht, ich empfand sie
deutlich als ein großes, endloses Spektrum mit
grellen, ganz naiv grellen Farben.</akap>


<akap>Es erinnerte mich an die Farben, mit denen
ich einen assyrischen Löwen bemalt sah.</akap>


<akap>Es wunderte mich nur, dass ich das Ultraviolett ganz deutlich empfand, aber nicht als
Farbe, sondern übersetzt in eine Rückwärtswelle,
in ein Etwas, das sich immerfort in regelmäßiger,
rhythmischer, ganz deutlicher Rückwärtsbewegung befand und nicht schwinden wollte.</akap>


<akap>Ich hatte beinahe die Empfindung, dass ich
betrunken und die Koordination meiner Bewegungsmuskulatur ausgeschaltet sei.</akap>


<akap>Ich sah die Musik in brennenden, lichterlohen, ätzenden, großen Flammenfarben; ursprünglich dachte ich an ein Gangrän, so schmerzte
mich die Glut zuweilen. Zuweilen fühlte ich
Nichts, und dann empfand ich ein Sinken und
Sinken und griff verzweifelt um mich, um wieder
hochzukommen, um mich wieder heraufzuarbeiten.</akap>


<akap>Nur Das verstand ich nicht, wie ich es mit
den Zähnen packen und herausreißen könnte;
es war da, ich wusst' es ganz genau, und ich
musste es heraus haben --- ja! das, woran ich
diese dunkle Erinnerung hatte, ohne mich besinnen zu können, was es war.</akap>


<akap>Es war ganz finster, und an den Scheiben
weinte still, lautlos in sich hinein der Regen.</akap>


<akap>In mir das Spektrum wurde intensiver,
brennender; es setzte sich um in eine endlose
Reihe differenzierter Schmerzgefühle.</akap>


<akap>Jeder Tonstrich wurde zu einem besonderen
Schmerzgefühl.</akap>


<akap>Eine feine, lange Reihe mit deutlichen, durchsichtigen Fingern und ganz spitzen Krallen.</akap>


<akap>Sie stachen wie dünne, bis zur Weißglut
erhitzte Nadeln in mein Gehirn hinein in regelmäßig wechselnden Zwischenräumen, ganz so
wie die Nadeln auf einer Leierkastenwalze in
die Tonplattenskala stechen.</akap>


<akap>Und jede brachte einen neuen Schmerzenston hervor.</akap>


<akap>Zuweilen war es mir, als ob die Nadeln zu
Orgelpfeifen wurden, auf denen irgendetwas in
den unglaublichsten Hundertzwanzigsteln eine
grauenhafte, grässliche Symphonie der Qualen
spielte, eine orgiastische Cadenza von brutalen
Leidensdelirien.</akap>


<akap>Ich schrie auf wie ein Tier, mit der Bauchmuskulatur glaub ich, denn plötzlich empfand
ich in der Nabelgegend einen fürchterlichen,
stechenden Schmerz.</akap>


<akap>Ich schrie noch einmal, noch stärker; ich
musste schreien. Ich verdoppelte absichtlich die
Stärke meiner Anstrengung; ich freute mich
darüber; absichtlich tat ich es.</akap>


<akap>Mein Bewusstsein verlor mich niemals, nicht
einmal das wissenschaftliche Bewusstsein; ich
dachte ja noch immer in wissenschaftlichen Symbolen.</akap>


<akap>Aber schreien musste ich.</akap>


<akap>Mir war, als ob ich eine Zange, eine feine,
dünne Zange an die gangränöse Seite angelegt
hätte, die ich mit den Zähnen nicht erfassen
konnte; und nun zog ich langsam an ihr, ganz
langsam --- o, es war eine wüste Wollust.</akap>


<akap>Ja, das war es: ruckweise musste ich ziehen.</akap>


<akap>Ich kam in Ekstase.</akap>


<akap>Nun musst ich mich noch schlagen; mit
Keulenschlägen gegen den Schädel, so, dass
Splitter herumflogen; einen fürchterlichen Schlag
gegen die Lambdanaht, dann wird der Hinterschädel wegfliegen und das Kleinhirn wird freigelegt.</akap>


<akap>Aber nein --- nein --- nein: --- viel feiner
musste ich es tun, grausamer, raffinierter.</akap>


<akap>Plötzlich zitterte ich am ganzen Leibe: die
ultraviolette Rückwärtswelle setzte eine fürchterliche Brandung in Szene, ich wurde förmlich
nach hinten gezogen, geschleppt, gerissen, wie
wenn ich starke Stöße gegen die Brust bekäme.</akap>


<akap>Ich wusste, was es bedeute, aber ich wagte
es nicht zu denken; ich durfte es nicht wissen,
und ich wusste es selbstverständlich ganz gewiss
nicht --- nein, nein, nein!</akap>


<akap>Ich sprang auf; ich war ganz lustig; ich
tanzte und pfiff, pfiff einen schrillen, einzigen,
langen Ton.</akap>


<akap>Ich richtete meine ganze Seele auf ihn; ich
horchte auf ihn, streichelte ihn, modellierte, liebte
ihn, schuf aus ihm eine Landschaft, so wollig
wie ein weiter Tuchmantel aus feinen ultravioletten Farben; ich wickelte mich in ihn ein.
Es war ein bisschen traurig, aber das war die
Traurigkeit eines Kindes, wenn es ausgeweint
hat; tausend lustige Engelsäugelein lachten
hinein --- ganz, ganz kindlich.</akap>


<akap>Es war auch ... ein ... klein ... wenig
--- --- kalt.</akap>


<akap>Ich schrie wahnsinnig auf.</akap>


<akap>Die Brunst nach den weichkalten Totenhänden
überkam mich; eine Brunst, schauerlich, grässlich.
Sie überwucherte mich, sie umraste mich mit
apokalyptischen Flügeln, und ich musste sie tot
machen, sie bekämpfen, hypnotisieren, wieder in
den Schlaf einlullen mit langer, wohlgesetzter
Rede, schöner, wissenschaftlicher Rede.</akap>


<akap>Ich stand auf, ich reckte mich lallend empor
mit majestätisch dozierenden Gebärden.</akap>


<akap>Sie ist wie eine Zelle, die erkrankt. Sie
wächst, schwillt an, Blutgefäße wachsen in sie
hinein, sie produziert Gift, sie schreitet zurück
bis in den mystischen Abgrund, wo sie zum sexuellen, autonomen Organismus wird, und sie vermehrt sich in einer zerstörenden, satanischen
Brunst, sie wächst sich aus in dem Machtgefühle
ihrer brutalen Hysterie, und alle Lebenssäfte
saugt sie an sich, sie zwingt den Blutumlauf
in sich zu gipfeln, sie zieht die Leukozyten aus
den Blutbahnen heraus und tränkt sie mit ihrem
Gifte und zwingt sie den Giftstoff in den ganzen
Körper zu verschleppen, und nun kommt
die scheußliche Orgie von geschlechtlicher
Schweinerei, die wüste Symphonie der syphilitischen Infektion! ---</akap>


<akap>Der Schweiß rann mir von der Stirne, kalter,
feuchter Schweiß; ich hatte die Empfindung,
die ich oft bekam, wenn ich in den Anatomiesaal trat an kalten Wintertagen und die Leichen
beim Sezieren betastete.</akap>


<akap>Alles war in Ordnung in meinem Gehirn.
In der Agonie meiner Angst geriet ich in
ein Stadium physiologischen Hellsehens; ich hörte
alle meine Adern klopfen, ich hörte die Arbeit
des Stoffwechsels, und rastlos sah ich zu, wie es
wuchs, wahnsinnig, maßlos, in außereuropäischen
Dimensionen.</akap>


<akap>Ich zerteilte mich; wie der Kapitän eines
untergehenden Schiffes stand ich auf der Höhe
der Kontrollstation meines Bewusstseins und sah
dem Kampfe zu.</akap>


<akap>Jetzt musste ich aber eingreifen, und instinktiv fing ich an zu sprechen, laut, schreiend,
zusammenhanglos, um mich zu betäuben.</akap>


<akap>Und aus der inhaltlosen Wüste meiner Sprache
vernahm ich nur ein wütend höhnendes:</akap>


<akap>Huh, huh! Ich bin das Luder von Nana, ich
setze mich auf den Muffat und reite auf ihm und
schreie:</akap>


<akap>Huh, huh! Wioh, mein Pferdchen, wioh!</akap>


<akap>Und immer deutlicher und deutlicher fühlte
ich die Totenhände; wie lange Stangen streckten
sie sich mir aus irgendeiner Höhle entgegen.
Mein Gehirn produzierte mit einer übermenschlichen Halluzinationskraft diese Hände. Immer
deutlicher fühlte ich ihren Druck; wie eiserne
Spangen umklammerten sie meine Hände, sie
bohrten sich in sie hinein, sie zogen und rissen
an mir, ruckweis, und ich fühlte, wie mein
Körper abwechselnd widerstrebte und nachgab
und nach hinten fallen wollte, Ruck für Ruck.
Ich wurde gerissen, gezogen, geschleppt, gezerrt, Schritt für Schritt, in ohnmächtigem Widerstand, bis ich in das Nebenzimmer hineinfiel.</akap>


<akap>Im Scheine einer Totenkerze lag ein totes
Weib.</akap>


<akap>Der Docht war ausgebrannt; das Licht
flackerte und warf spielende Schatten auf ihr
Gesicht.</akap>


<akap>Ich hockte mich hin, und in den Haarwurzeln
empfand ich deutliche Prickelgefühle, wie Nadelstiche auf der ganzen Haut.</akap>


<akap>Es war etwas in ihren Zügen, das mich zog
zugleich und bannte. Auf dem mit Lichtern
und Schatten wie ein Tigerfell gesprenkelten
Gesichte sah ich eine schauerliche Vision: weit
aufgerissen ein Klapperschlangenmaul mit eigentümlich hin und her züngelnder Zunge. Ich hörte
deutlich ein Zischen, vielleicht war es mein eigenes.</akap>


<akap>Auf einmal kauerte ich nieder wie ein angeschossenes Wild; ich wollte in mich versinken,
mich in mir selbst verstecken, aber sehen musst’
ich es durchaus.</akap>


<akap>Die Leitung zwischen mir und dem Totengesichte war so stark, dass ich deutlich fühlte,
wie mächtige galvanische Ströme mir die Augen
auffraßen; aus meiner Kehle fühlte ich eigentümliche Laute sich reißen, mühsam, qualvoll,
in wilder Geburt.</akap>


<akap>Meine Lippen spitzten sich unwillkürlich zu
einer prustenden Bewegung: ich machte es der
Totenmaske nach.</akap>


<akap>Es sind Leichengase, schrie etwas in mir.</akap>


<akap>Nein! sie spricht, sie spricht, --- Herrgott,
sie spricht!</akap>


<akap>Und sie sprach.</akap>


<akap>In diesem Moment stürzte ich auf den Boden
und fiel in ein brütendes Sinnen. Ich hörte nur
noch ihre Stimme, die von sehr weit herkam.</akap>


<akap>Alles wich zurück; ich saß mit ihr in einem
hellen Café, in einem mystischen Clair-obscur.</akap>


<akap_dialog>--- Mein Gott, wie ich dich liebe! Alles,
alles an dir lieb' ich; deinen eigentümlichen,
schleppenden Gang, als ob dich deine Beine nicht
mehr tragen wollten; deine schmalen, langen,
aristokratischen Füße liebe ich, und deine Hände.</akap_dialog>


<akap>Und die Form deiner Augen liebe ich, und
deinen Mund; Alles, alles.</akap>


<akap>Und wenn du spielst, so hast du ganz, ganz
eigentümliche Bewegung in den Händen; du
haust hinein in die Tasten mit einer Wucht und
Macht, als ob dein sterbendes Geschlecht dort
säße, wie du sagst.</akap>


<akap>Nur deine Haare pflegst du nicht; man muss
sie doch bürsten.</akap>


<akap>Sie sah mich ganz lustig an; aber ich war
müde, satt, und Ekel fraß an mir.</akap>


<akap_dialog>--- Du, was ist dir?</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Nichts!</akap_dialog>


<akap>Sie sah mich ängstlich an und schmiegte sich
an mich.</akap>


<akap_dialog>--- Liebst du mich? fragte sie und streichelte
mein Haar.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Vielleicht; ich weiß nicht mehr.</akap_dialog>


<akap>Ich rückte meinen Stuhl ganz sachte von ihr
weg. Sie starrte mich an, mit derselben entsetzlichen Angst im Blick, wie mein alter Hund
mich ansah, als ich ihn totschießen wollte, weil
er nicht mehr zu gebrauchen war.</akap>


<akap>Ich stützte meinen Kopf auf die Marmorplatte des Tisches und stierte in das Wasserglas,
um sie nicht zu sehen beim Sprechen:</akap>


<akap_dialog>--- Siehst du, wenn man degeneriert ist und
krank, dann weiß man niemals um seine Zustände; sie verändern sich nämlich fortwährend,
jetzt noch Liebe und Glück und im selben Augenblick Hass und Ekel ---</akap_dialog>


<akap>Ich wollte sie ansehen, aber ich konnte nicht.</akap>


<akap_dialog>--- Du? ---</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Was?</akap_dialog>


<akap>Es klang hart; wie aus einer zerbrochenen
Metallglocke kam es heraus.</akap>


<akap_dialog>--- Du bist doch vernünftig, du bist auch
alt genug, ich muss dir offen alles sagen ...</akap_dialog>


<akap>Sie schwieg.</akap>


<akap_dialog>--- Kennst du die Kreuzersonate von Tolstoi;
ich meine das mit dem geschlechtlichen Hass
und das mit dem Ekel; verstehst du?</akap_dialog>


<akap>Ich fühlte, wie ihr Körper zitterte, wie sie
in sich zusammensank.</akap>


<akap>Und nun wurde ich seltsamerweise brutal;
ich fühlte Freude an ihrer Qual, ich spürte etwas
von Lustmordinstinkten in mir.</akap>


<akap>Ich sprach ganz kalt und klar, beinahe
zynisch.</akap>


<akap_dialog>--- Siehst du, ich quäle mich; ich habe mich
von Anfang an gequält. Wie du die erste Nacht
bei mir bliebst und, todmüde wie du warst, einschliefst, habe ich, Traumexperimente mit dir
gemacht. Ich stand auf, --- Herrgott, dein Leib
war mir so gleichgültig, so unendlich gleichgültig; ich nahm eine Wasserkanne und goss
Wasser in eine Schüssel, immer stärker, immer
stärker, bis du erschrocken erwachtest. Ich
fragte dich liebevoll, was du geträumt hättest,
und ich freute mich, dass dein Gehirn mit solcher
Exaktheit und Präzision auf den Außeneindruck
geantwortet hatte. Du weißt es wohl noch, du
träumtest, dass in deiner Vaterstadt ein Feuer
ausgebrochen wäre und die Leute mit Wasser
und Löscheimern kämen.</akap_dialog>


<akap>Ich fühlte ihre Augen starr auf mich gerichtet, dass sie mich körperlich berührten.</akap>


<akap>Jetzt musste ich einen entscheidenden Schlag
führen:</akap>


<akap_dialog>--- Herrgott, du konntest mir kein Glück
geben, und jetzt. ... Hör mal, ich bin ganz
brutal, aber --- ich kann's nicht mehr aushalten,
ich empfinde dich als eine Last. ...</akap_dialog>


<akap>In diesem Augenblicke sah ich sie am Ausgang hinter der Portiére verschwinden.</akap>


<akap>Ich sank in mich zusammen und starrte das
Glas an:</akap>


<akap>Sie ist gegangen --- fort ... fort ...</akap>


<akap>In meinem Gehirne fing es an zu dämmern.</akap>


<akap>Ich empfand Angst, unerhörte Angst; ich
fuhr auf, sie zu suchen. Plötzlich riss ich mich
empor; die ganze Vision, die mein Gehirn spontan, vielleicht in ein paar Sekunden der Ohnmacht produziert hatte, war verschwunden.</akap>


<akap>Wieder sah ich das Weib auf dem Totenbette liegen.</akap>


<akap>Ich suchte den Kausalnexus zu knüpfen
zwischen dem Café und dem Totenbette; vergebens. Nur eine steigende Angst, gemischt
mit einer orgiastischen, qualvoll bangen Brunst
nach ihr, wollte mir die Brust zersprengen.</akap>


<akap>Und das tote Gesicht sprach in wechselnder
Kerzenlichtsprache, und sah mich an mit lüsternen, üppigen Augen.</akap>


<akap>Und immer stärker fühlte ich, wie die
Hyänenbrunst sich in mir reckte; und in der
unerhörten Intensität des wachsenden Tieres
reintegrierte sich mein Gehirn.</akap>


<akap>Jetzt wusste ich genau, dass ich sie berühren musste; nur noch die Sanktion meines
Gehirnes fehlte dazu.</akap>


<akap>Und mein Gehirn hatte Mitleid mit mir.</akap>


<akap>Ich erinnerte mich plötzlich, dass nach einer
alten Sage auf dem Grunde des Totenauges der
letzte Todeskampf zu sehen sei.</akap>


<akap>Das musste ich sehen, das große Lebensrätsel auf dem Grunde des Totenauges, die
wüste Brautnacht, in der sich Tod und Leben
paaren.</akap>


<akap>Ich hatte nur den einen Gedanken, der über
mein Gehirn hinausging, der mit dem spitzen
Ende in den Grund des Totenauges griff und
dort mit dem andern Pol zusammenstieß; die
Leitung war geschlossen. Ich fühlte Funken in
mein Auge springen, deutliche, blassgrüne, elektrische Funken.</akap>


<akap>Die Drähte der Leitung brannten an den
Polen ab, sie wurden immer kürzer, ich musste
immer näher rücken; wie eine Pantherkatze
schlich ich langsam an die Leiche heran, --- ich
war dicht an ihr.</akap>


<akap>Mit irren, keuchenden Fingern suchte ich
das Lid zu heben; ich zitterte und flog an allen
Gliedern; ein fürchterlich verzerrtes Wollustgrinsen lag auf dem Gesichte.</akap>


<akap>Mich überkam ein geschäftiges Treiben. Ich
hob das Lid mit kunstgerechtem Griffe langsam
hoch, geschäftsmäßig, wie bei der Augeninspektion; aber meine Finger glitten das Gesicht
herab, sie betasteten es, ein Fieberparoxysmus
überkam mich, ich arbeitete mit autonomen
Gliedern, ich hatte die Empfindung, dass mein
Kopf mir durch das Fenster flöge, und ich
lachte und schrie und fühlte meine eignen
Laute auf mich zurückprallen, wie Steinwürfe,
--- ich küsste ihr Gesicht, ich riss und sog an
ihr, und plötzlich biss ich mich mit geifernden
Lippen, wie ein Vampir, schrill in ihre Brust
hinein.</akap>


<akap>Und ich zog und zerrte an dem toten Fleische,
und ein Lachen, drin ein jeder Muskel meines
Leibes in wilden Erethismen aufschrie, würgte
mich im Halse, und plötzlich --- fuhr ich taumelnd zurück.</akap>


<akap>Es geschah etwas Fürchterliches.</akap>


<akap>Das tote, blutende Weib reckte sich in
fürchterlicher Majestät im Sarge auf, und mit
weit ausholender Armbewegung, mit jäher, fürchterlicher Wucht stieß sie mich mit beiden Fäusten
in die Brust.</akap>


<akap>Bewusstlos flog ich weit weg.</akap>


<sekcja_asterysk/>


<akap>Außen wurde zu Innen, das Schauen zum
Scheinen, Lust zu einer ätzenden Lauge, Schmerz
zu einer eklen Spinne, die das Herz ansticht und
ihm das Blut aussaugt, Wohlbehagen zur stinkenden
Pfütze.</akap>


<akap>Und du? Wo bist du? --- Lebst du? bist
du tot? ich weiß es nicht. In meinem Gehirne
sind Lücken und Löcher; zwischen den einzelnen
Bewusstseinsepisoden fehlt es am Kausalzusammenhang.</akap>


<akap>Übrigens --- das ist ja ziemlich gleichgültig.</akap>


<akap>Jetzt handelt sich's nur darum: Was nun?</akap>


<akap>Aber im vollen Ernste: was nun? ---</akap>


<akap>Und wenn es doch einen Gott gibt? Wenn
die Seele unsterblich ist; und die katholische
Kirche am Ende doch die alleinseligmachende
Gnade verleihen kann?</akap>


<akap>Ja, ja, ja: die katholische Kirche! Die Allmutter, die Isis, der siebente Schöpfungstag des
Geschlechtes mit den brünstigen Offenbarungen
ihrer Schwangerschaftshysterie, der ins Jenseits
ausgewachsene Pan-Uterus, der die ganze Welt
umfängt und umtrieft mit seinen blutigen Flimmerfasern.</akap>


<akap>Und wenn die wahnsinnige sexuelle Sehnsucht kommt nach den ursprünglichsten Geschlechtsmysterien, wo man große Geheimnisse
schaute, die verloren gegangen sind, Mysterien,
die man noch vielleicht mit einem Monerenleib
empfinden konnte, aber niemals mehr mit differenzierten Sinnesorganen: wo soll ich diese verzweifelte Sehnsucht austoben, wenn nicht in dem
Schöpfungsakt der physiologischen Erinnerung
an seine ersten Entwicklungsstadien, wenn nicht
in der Gemütsorgie, die nur die Kirche geben
kann, im mystischen Dunkel, in Weihrauchwolken, die alle Lebensfunktionen in der Sexualsphäre gipfeln lassen, in den barbarischen, übergewaltigen Orgeltonwogen, die das zarte moderne
Gehirninstrument aus dem Gleichgewicht bringen,
in der ganzen Umgebung, wo vier Kulturen aufeinander gepfropft und raffiniert-naiv aneinander
gekittet sind.</akap>


<akap>Wie sich dann die Reduktion des Gehirnes
allmählich vollzieht, wie das Gehirn extensiv
wird, dass die Seele rast und an die Grenzen
der epileptischen Starrsucht kommt!</akap>


<akap>Aber naiv, ganz naiv, ganz unbewusst müsste
das genossen werden.</akap>


<akap>Die Epilepsie ist sonst da, die künstliche
Fallsucht des modernen Geistes, aber es fehlt
an der psychologischen Form, in der man sich
als Einheitswesen empfindet, sich mit seinen
körperlichen Äußerungen identifizieren kann.</akap>


<akap>Es fehlt der einheitliche Glaube.</akap>


<akap>Der Glaube an Charcot und der Glaube an
die göttliche Weihe der Besessenheit ---</akap>


<akap>der Glaube an Kant-Laplace und an die Erschaffung der Welt in sieben Tagen ---</akap>


<akap>der Glaube an die Gotteskindschaft Christi und
an die Weisheit Darwins und Strauß-Renan's ---</akap>


<akap>der Glaube an die unbefleckte Empfängnis
Mariae und an die primitivsten Tatsachen der
Embryologie ---</akap>


<akap>nein! es geht nicht.</akap>


<akap>Es gibt keinen Ausweg.</akap>


<akap>Ekel ...</akap>


<akap>Wie zwei Gangränherde wachsen meine Impotenz und der intensive Ekel sich entgegen und
begegnen sich in ihrem Zerstörungswerk.</akap>


<akap>Wie unterirdische Quellen, die aus unablässigen Regengüssen stammen, sickern sie unaufhörlich durch die tiefsten Schichten meiner
Seele, alles auflösend, auslaugend, zerfressend.</akap>


<akap>Wie das brutale Licht der Mittsommersonne
zersetzen sie mir, vergiften sie mir den Nährstoff der Erde, in der ich wurzle, und dörren
mir das Chlorophyll aus allem, was diesem Boden
entsprossen ist.</akap>


<akap>Und so wurde das Gold zu Kupfer entwertet und die schönsten Hoffnungen zerbröckelt
und zertrümmert; die Gedanken verloren ihre
Expansivkraft und sanken zu zusammenhanglosen Reflexen herab; die glück-- und lebensreiche Welt der Dinge wurde zum wesenlosen,
unbestimmten Symbol, grau in grau auf eine
kalte Glaswand hingehaucht; das taghelle, sonnensatte Sehen zur kranken Halluzination, --- und
du --- ja Du --- du wurdest mir zu einer weiblichen Zentaurin mit Sphinxgesicht und struppigen Haaren, die dir tief in deine Stirn herabgewachsen sind, und mit den feinen Adelszügen
meiner Mutter.</akap>


<akap>Und mit den Hufen der Hinterbeine hast du
einen Stern vom Himmel gerissen, dass er herunterfiel und zischend in den Stillen Ozean versank, und mit den Vorderfüßen greifst du über
den Rand des Erdballs hinaus, des lächerlichen
Erdballs, um mich hinauszutragen in die Unendlichkeit des Kosmos, wo der Raum zur Chimäre
wurde und die Zeit sich in den Schwanz beißt,
weil sie sich nicht ausdehnen kann.</akap>


<akap>Und ich wälze mich auf dir und umfasse
deinen Hals und sauge mich an deine Jungfrauenbrust fest und trinke aus deinen Venen die mit
Blut gemischte Muttermilch.</akap>


<akap>O, trag mich hinaus --- hinaus, wo zerbröckelte
Welten einsam herumirren und aufeinander
platzen ---</akap>


<akap>wo dichte Strahlengarben der Sterne einander
leise berühren, aneinander niederfließen und
mit lichter, daunenweicher, zitternder Harmonie
die Welt durchtönen ---</akap>


<akap>auf irgendeinen Punkt hinaus, wo die Anziehungskräfte der Sonnen sich aufheben und ich
Schwere und Gewicht und alle Beziehung zu
Raum und Zeit und Mittelpunkt verliere ---</akap>


<akap>mit sehnsuchtjauchzenden, sternenbrünstigen
Flügeln hinaus, wo meine Größe auf ein lächerlich Atom zusammenschrumpft ---</akap>


<akap>auf etwas Atmosphärenloses hinaus, wo
meine Formen verschwinden, wo ich mit dem
All zusammenfließe und mich wie ein lavaflüssiger Meteor in den kosmischen Ozean stürzen
kann ---</akap>


<akap>hinaus zum Trotz dem dummen Gesetz der
Erhaltung von Kraft und Materie ---</akap>


<akap>hinaus in die auf-- und niederflutende Rhythmik
der Äthermolekeln ---</akap>


<akap>auf einen Millionenjahre von der Erde entfernten Stern hinaus, wo ich mich hinlegen kann
und ausruhen und tausend Jahrhunderte nicht
länger empfinde als einen Moment und die Entfernung zur Erde nicht weiter fühle als die
Dogmenspitze des Urelements, auf der ich die
Welt aufspießen und in die Sonne schleudern
will, damit sie sich dort reinige und in ein Nichts,
ein goldenes Sonnennichts erlöse.</akap>


<akap>Aber nicht mal das vermag sie mehr; selbst
da noch bleibt sie als ein Fleck, ein Sonnenschlacken kleben.</akap>


<akap>Aber nur hinaus, hinaus, damit ich nicht
brutal mich selbst zerstören muss!</akap>


<akap>Wie ein Lichtschein will ich, durch tausend
Medien gebrochen, von tausend Flächen zurückgeworfen, in meine Uridee zurückversinken, aus
der ich geworden bin.</akap>


<akap>Wie ein Strahl, der auf die Straße fiel und
von ihr emporschreckt, ihrer feuchten, schmutzigen
Wärme satt, will ich wieder zu der Ursonne hin.
die mich hinausgeschickt hat, Glück und Freude
den Menschen zu bringen. ...</akap>


<akap>Nur nicht in die Erde zurück: zum Fraß
den Würmern, zu einer ekelhaften Kopulation
mit Anorganisch-Organischem, zu neuem, kranken
Leben durch tausende von Stoffwechselformen
hindurch!</akap>


<akap>O, wie das grässlich ist!</akap>


<akap>Und doch --- es muss geschehen.</akap>


<sekcja_asterysk/>


<akap>Jetzt beginnt die Agonie; es geht zu Ende.</akap>


<akap_dialog>--- Wie war es doch?</akap_dialog>


<akap>Ich lag im Bette; hinten am Kopfe fühlte
ich wie angenagelt das endlos weite Bewusstsein,
dass ich nun ein Ende machen müsste.</akap>


<akap>Es war wie ein unentwirrbares Knäuel in
meinem Gehirn, der in Vibration unter unausstehlicher Hitze geriet, in wahnsinniger Lust,
sich selbst zu entwirren, sich in lange, feine,
dünne Gedankenfaden auszuspinnen.</akap>


<akap>Dann kam’s wie eine Flutwelle, zu starren
Krampfzuckungen, über die sich eine Schlangenlinie von Unruhe nach oben wälzte, die immer
dicker und schwerer und schwärzer wurde, immer
schneller nach oben, immer heftiger, bis sie sich
zur wilden Jagd entrollte, einer unsagbaren Agonie
der Todesangst, wo das Gehirn auseinandergehen,
sich selbst entfliehen und wie ein Stück einer
geborstenen Welt in weiten, zentrifugalen Kreisen
in idiotischer Tarantella um die Sonne tanzen will.
Und so wurde wieder Ruhe.</akap>


<akap>Ein leises, weiches, laues Behagen. Eine
verzückte Schwärmerei, die sich auf tiefdunkelblauen, mit zerfließendem Gold verbrämten
Kräuselwellen wiegte.</akap>


<akap>Und plötzlich kam ein Starrkrampf.</akap>


<akap>Das Gehirn geriet in einen tollen Veitstanz,
und mit einem wilden Ruck wurde ich vom Bett
emporgeschnellt.</akap>


<akap>Ich fuhr auf. Die Gesichtsmuskeln verzerrten
sich so, dass sie schmerzten, und die weit aufgerissenen Augen wollten qualvoll aus den Höhlen
heraus:</akap>


<akap>Da stand ich selbst in der Ecke, einen Revolver an der Stirn, und sprach mit fliegender,
fiebernder Hast:</akap>


<akap>Du tust es nicht! du tust es nicht! nein,
am Gottes willen nein, du tust es nicht! ---</akap>


<akap>Ich atmete tief auf:</akap>


<akap>Herrgott, das war ja nichts, gar nichts, ---
das war ja nur mein Überzieher, der am Nagel
hing.</akap>


<akap>Ich legte mich erschöpft hin, setzte mich
wieder auf, nahm meinen Kopf in beide Hände,
umkrallte ihn ganz fest, sodass mich noch die
Haut schmerzt.</akap>


<akap>Unbewusste, banale, nicht gewollte Assoziationen zuckten auf; die Flutwelle löste sich in
einzelne Tropfen, die sich ganz lang dehnten, als
fielen sie von einem Tropfenzähler nieder, und
verschwanden wieder --- eins --- zwei --- drei ---
vier; ich habe sie alle gezählt, und ich habe
die Empfindung des Glucksens gehabt.</akap>


<akap>Nur Eins schimmerte durch, brach sich Bahn
in der wilden Gedankenflut.</akap> 


<akap>Du tust es nicht!</akap>


<akap>Und dieser Gedanke fing an zu fischen und
zu angeln in dem trüben Strom, und kokettierte so
lange bis ein anderer Gedanke an den Köder biss:</akap>


<akap_dialog>--- Ja, und dann --- tust du’s erst recht!</akap_dialog>


<akap>Und beide Gedanken kamen sich näher und
näher, und umarmten sich, und setzten sich auf
ihre Schwänze, und bäumten sich ganz hoch,
und verflochten sich; und mit weit zurückgebogenen Köpfen starrten sie einander an, ---
lange, durchdringend, und lächelten sich dann
verständnisinnig in die Augen.</akap>


<akap>Ja, und dann --- war’s getan.</akap>


<akap>Mein Schicksal ist besiegelt.</akap>


<akap>So werde ich stehen, so die Pistole anlegen,
so werde ich fiebernd sprechen: du wirst es
nicht tun! du tust es nicht! --- und zugleich
ein Ruck, ein Jüngstentageslicht im Auge, ein
Knall --- und es ist getan.</akap>


<akap>Ein Zittern überlief meinen Körper, das
Herz schlug unregelmäßig, und an den Schläfen
hörte ich das Blut in ungestümer Hast an meine
flachen Hände klopfen.</akap>


<akap>Die Unruhe wuchs, eine entsetzliche Angst
nestelte auflösend an dem geschlossenen Zirkel
meiner Gedanken, etwas wollte mich auf die
Kissen niederdrücken, mein Leib krümmte sich
unwillkürlich, um diesem Etwas nachzugeben,
aber auf einmal fühlte ich ein Widerstreben,
ich richtete mich gewaltsam, schmerzhaft auf
und --- sank in mich hinein.</akap>


<akap>Ich brütete; starr, dumpf, gedankenlos.</akap>


<akap>Ich wusste nur, dass ich mit Etwas zu Ende
kommen, Etwas zu Ende denken müsse, wovor
ich entsetzliche Angst hatte.</akap>


<akap>Auf einmal griff ich in Todesangst mit beiden
Händen den Bettrand: auf dem Fussboden kroch,
auseinanderfließend, ein Lichtschein.</akap>


<akap>Der grässliche Schreck war so lähmend, dass
ich einen Augenblick das Bewusstsein verlor.</akap>


<akap>Als ich zu mir kam, besann ich mich, dass
man wohl im gegenüberliegenden Hause eine
Lampe angezündet habe.</akap>


<akap>Ein Gefühl unendlicher Entlastung überkam
mich; ich wurde fast fröhlich.</akap>


<akap>Aber dann besann ich mich, dass ich doch
nur deshalb fröhlich wäre, weil der Lichtschein
meinen Willen, der sich auf etwas anderes konzentrieren sollte, zersplittert hatte.</akap>


<akap>Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn; das
Gefühl, mich wieder dieser Qual ergeben zu
müssen, fraß mit steigender Angst an meinem
Gehirn.</akap>


<akap>Ich kroch aus dem Bette, mühevoll, mit
schwerem Kopf; ein Schwindel drohte mich zu
Boden zu werfen, ich setzte mich auf die Bettkante, stützte die Ellenbogen auf die Knie,
legte meine Stirne in die Hände und ließ das
Blut nach dem Gehirn zufließen.</akap>


<akap>Namenloses Mitleid überkam mich; heiße,
große Tränen rollten über meine Wangen, und
mir schien, dass an meinen Beinen etwas niederlaufe --- mich fröstelte wohl. Damals konnte
ich mich nicht besinnen, was es wohl wäre; es
war mir auch gleichgültig --- oh ja.</akap>


<akap>Ich weinte auch nicht Befreiungstränen,
ich weinte und sang: sang, wie ein wilder Indianerhäuptling das düstre Grablied an dem Rand
des eigenen Grabes singt.</akap>


<akap>Wie lange ich so saß, weiß ich nicht mehr.</akap>


<akap>Plötzlich fühlte ich ein eisiges Gefühl; nach
langem Sinnen projizierte ich dies Kältegefühl in
die Fußsohlen.</akap>


<akap>Also stand ich, und wollte etwas haben.</akap>


<akap>Ach so!</akap>


<akap>Ich suchte eine Zigarette.</akap>


<akap>Und alles schien vorbei zu sein.</akap>


<akap>Ich rauchte mir die Zigarette an, bekleidete
mich, riss das Fenster auf, und stand lange,
lange, in majestätischer, übermenschlicher Ruhe,
am Fenster.</akap>


<akap>Ich dachte an nichts; ich reckte mich nur
immer höher, immer breiter, in der grandiosen
Majestät meiner Ruhe, in dem düsteren, maniakalischen, übermächtigen Willen nach Untergang.</akap>


<akap>Eine Kindheitserinnerung zuckte plötzlich
durch mein Gehirn.</akap>


<akap>Ich sah mich in einer Dorfkirche. Es war
ganz düster. Kerzen brannten in trübem Schimmer,
wie Glutaugen, die vergebens den dichten Schleier
des Weihrauchs, den der Priester der heiligen
Monstranz gespendet, zu durchbrechen suchten.
Sie bohrten sich zur Hälfte hindurch und verschwammen alsdann und tränkten und sättigten
den Weihrauchnebel mit lichtem Gold.</akap>


<akap>Eine ansteckende Krankheit raffte die Hälfte
des Dorfes dahin, und jeden Abend sammelte
sich das Volk in der Kirche und warf sich ganz
lang auf den Boden, und stöhnte qualvoll, im
Schweiß der Todesangst gebadet, zu Gott.</akap>


<akap>Und dann erhob sich ein wilder, ächzender
Gesang, in dem das Herz sich in blutenden
Zuckungen vom Leibe riss, ein keuchender Gesang, den ein roher, physischer Wille zum Leben
wie eine Sturzlawine über eine riesenhafte Fläche
ausspannte, jeden Augenblick bereit, die ganze
Masse zu zertrümmern und zu begraben.</akap>


<akap>Und in den körperlichen, grausigen Refrain:
Herr, errette uns! mischten sich Glockenklänge
und Orgelbrausen, der Jüngstengerichtsschrecken
und das tierische Wiehern der Kranken --- und
plötzlich fing das Volk, in wilder Verzweiflung,
laut, wahnsinnig an zu schluchzen, und es rang
die Hände, und warf sich in die Brust, und
schrie, schrie unaufhörlich in der schauerlichen
Agonie der Todesangst nach Gott.</akap>


<akap>Und als der alte, graue Priester den Altar
mit beiden Händen umklammerte und das
Schluchzen seinen Körper hin-- und herwarf, da
kam ein unbeschreiblicher Massenwahnsinn über
das Volk.</akap>


<akap>Ich höre nur noch ein brüllendes Gewieher
von Stimmen; ich sehe eine satanische Walpurgisnacht mit den unerhörtesten Torturen der Angst.</akap>


<akap>Mich fasste ein entsetzliches Grauen vor
dieser nackten Lebensbrunst, ein Grauen vor
dieser epileptischen Todesangst, und willenlos,
erstarrt, zitternd wiederholte ich unaufhörlich:
Herr, errette uns!</akap>


<akap>Über dem Volke thronte, grausam lächelnd,
der Engel des Todes und bezeichnete die, die
sterben sollten, mit einem flammenden Schwert.</akap>


<akap>War ich darunter?</akap>


<akap>Aus meinem Kehlkopf ringt sich mühsam
ein inbrünstiges, mit dem letzten Funken der
Lebenslust aufflackerndes:</akap>


<akap>Herr, errette uns!</akap>


<akap>Keine Rettung für mich.</akap>


<akap>Und ich wurde wieder ruhig.</akap>


<akap>Ich schaute auf die Erde; sie schlief. Ich
sah nach dem Himmel; er war still.</akap>


<akap>Ein unnennbares Gefühl beschlich mich vor
dieser Grabesstille, dieser weiten Kirchhofsruhe.</akap>


<akap>Es war ein Augenblick, als hätten unsichtbare Priesterhände das Allerheiligste aus dem
Tabernakel der Natur hervorgeholt und zeigten
es der Welt. Sie sinkt auf ihr Antlitz in starrer
Ehrfurcht; erwartungsvoll, mit leisem Beben, in
heiliger Verzückung fühlt sie dumpf den mystischen Moment erscheinen, in dem das Brot zum
Fleische und der Wein zum Blute werde.</akap>


<akap>Und jetzt müssten dreimal die Glocken erklingen, jetzt müsste sich ein leises, inbrünstiges
Murmeln von kauernden Stimmen des Volkes erheben, und ein Zittern durch die Welt gehen,
wie wenn Millionen sich in die Brust werfen:</akap>


<akap>Sanctus, Sanctus, Sanctus.</akap>


<akap>Die Erde ist still, der Himmel gähnt Ströme
von blausilbernem Sternenlicht herab, und alles
ruht in tauber Stille, weil Ich der Herr, der
alles geschaffen hat, aus dem es alles entstanden
ist, Ich König, Ich Gesalbter, Ich Erzpriester
das letzte, das heilige Abendmahl einnehme.</akap>

<akap>Eine tiefe Seligkeit, eine morgenblaue Seligkeit des künftigen Lebens ergoss sich mit weitem Strom in meine Adern; ich fühlte Flügel aus meinen Schultern wachsen; der ewigen Zukunft zujauchzender Gesang riss sich aus meiner Kehle; ich war heiter wie das Sonnenlicht des Südens, das mit dem Meerwasser spielt --- da plötzlich überrumpelte mich der lauernde Wahnsinn, mit dem ich so lange gekämpft.</akap>


<akap>Die Nacht würgt sich mit dem Tage in tödlicher Umarmung, das blutige Rot der Auferstehung wurde von der schwarzen Finsternis der Nacht ertränkt.</akap>


<akap>Angst und Entsetzen recken sich wie Salzsäulen, die Medusenhäupter mit den grässlich aufgeblähten Schlangenleibern starr empor gerichtet gegen das Himmelssodoma.</akap>


<akap>In meinen Augen sprüht ein schwefliger Funkenregen.</akap>


<akap>Eine weite, flammende Furche zerreißt das himmlische Gewölbe, ein Stern lischt aus, wird rot wie eine flammende Gangränwunde, er bebt, er zittert, er fällt herab und reißt mit mächtigem Ruck eine ganze Sternenkette herab.</akap>


<akap>Aus dem klaffenden Himmel seh' ich in Schwefelwolken und Feuerlava ein Gesicht hervortauchen mit zusammengekniffenen lasziven Augen, die Lippen geöffnet wie in höchster Wollustekstase, die Haare wie Feuergräben durch den ganzen Himmel hin zerrissen, ---</akap>


<akap>aus dem klaffenden Himmel seh' ich Frauenhände, schrecklich, körperlos, sich nach mir ausstrecken, ---</akap>


<akap>aus dem klaffenden Himmel seh' ich einen apokalyptischen Frauenleib wachsen; in weiten Schlangenlinien stürzt er auf mich zu, er umfängt mich; ich reiße mich los, ich keuche; ich kaure auf dem Boden, blutiger Schaum tritt auf meine Lippen ---</akap>


<akap>Astarte!</akap>


<akap>Sie holt sich ihr Opfer.</akap>


<akap>Sie die wüste Foltermagd, die sich an den entsetzlichsten Qualen weidet,</akap>


<akap>sie, die den Onan neue Wollustorgien erfinden ließ, um ihn nachher den Qualen des Steinigungstodes preiszugeben, ---</akap>


<akap>sie, die ein gläubiges Volk zur Befreiung des heiligen Grabes trieb, um ihm zum Entgelt die Stirn mit dem Märtyrerkranz syphilitischer Geschwüre zu bekränzen, ---</akap>


<akap>sie, die dem Manne das Weib aus den Adern saugt und in verbrecherischer Brunst auf den Mann wirft, ---</akap>


<akap>sie, stärker als die Natur, weil sie die mächtigsten Instinkte irreleitet und ihr Gesicht mit blutschänderischem Sperma befleckt, ---</akap>


<akap>Astarte, Satan --- du! ---</akap>


<akap>Auf meinen Lippen fühlt' ich deinen eisigen, unzuchtgeborenen Todeskuss.</akap>


<akap>Ich bin dem Tode geweiht.</akap>


<akap>Seele, du meine starke Seele, die du Mir das Geschlecht auffraßest, wo bist du nun?</akap>


<akap>Wo bist du, Gehirn, --- du armes, krankes Gehirn, das du mein Gott, mein Vater werden wolltest in dem Größenwahnsinn deiner Übermacht, wo bist du jetzt, --- jetzt, wo du mich gekreuzigt hast, --- wo hast du dich verkrochen? ---</akap>


<akap>Wie ein roter, tauber Fleck ist die Sonne über dem Golgathaberge auf dem Himmel angeklebt, Trauerflor ringsum ...</akap>


<akap>Eli, eli, lama sabachthani ...</akap>




<sekcja_asterysk/>

<akap>Durch mein Fenster drängt sich eine Flut brünstiger Schwüle, zeugenden Rausches der Nacht, geiler Jünglingsstimmen, die auf den Straßen die Weibchen locken.</akap>


<akap>Ich sehe die Natur als eine apokalyptische Apotheose des ewig ragenden Phallus, der in maßlos roher Verschwendung Ströme von Samen über das All ergießt.</akap>


<akap>Auf meinem Tische steht ein Strauß von Blumen, deren ganzes Leben im Geschlechte gipfelt, die sich mit schamloser Unschuld dem befruchtenden Samen entgegenrecken.</akap>


<akap>Ich fühle die Wollustzuckungen des Schaffens, ich höre das stammelnde Liebesgeflüster der hermaphroditischen Erde, der heiligen männlichen Jungfrau, bräutlich umhüllt vom Schleier der Nacht.</akap>


<akap>Und wie reich er mit goldenen Keimen besät ist! wie tief und dunkel er ist! ---</akap>


<akap>Aber über dieser Schamlosigkeit der Brünste, dieser Apokalypsis der Geschlechtlichkeit, diesem satanischen Evangelium der Sinnenlust ---</akap>


<akap>hoch über Zeugung und Befruchtung, Vergehen und Auferstehen, Oxydation und Reduktion, thront Meine hehre, tiefe, majestätische Ruhe der Sterilität! ---
Die Natur erschöpft sich; sie spart schon. Sie kann sich nicht mehr verschwenden wie
einst, als die wahnsinnige Pracht der fossilen
Flora und Fauna noch keinen menschlichen Geist
entzückte; sie arbeitet jetzt --- wie die armen
Erdenwürmer --- menschlich, geizig, nach dem
Prinzip des kleinsten Kraftmaßes.</akap>





<akap>Sie schafft keine Ichthyosauren mehr, keine
Riesenmollusken, keine Stigmarien. Lächerliche,
kleine, schwache Herdentiere schafft sie jetzt;
sie erschöpft sich in den winzigen Bakterien,
die ihre misslungenen Werke gnädig wieder auffressen, --- und aus der Erde treibt sie kranke
Blumen, in die der altersschwache Boden Giftstoffe liefert.</akap>


<akap>Über dieser Jämmerlichkeit, über dieser
Sparsamkeit und philiströsen Décadence waltet
frei, maßlos, verschwenderisch, übermenschlich-expansiv wie Gasgewölk Meine große, aristokratische Seele in ihrer Grandiosität der Unfruchtbarkeit.</akap>


<akap>Und so muss sie untergehen, weil sie zu
groß und heilig geworden ist und zu königlich,
um sich mit dem jämmerlichen, proletarischen
Geschlecht zu assoziieren, das nur Kinder zu
zeugen im Stande ist --- nach dem Prinzip des
kleinsten Kraftmaßes.</akap>


<akap>Über der ganzen Welt, über dieser lächerlichen Mühsal, neue Orgien der Brunst zu schaffen,
sich in neuen Entwickelungsformen zu objektivieren,</akap>


<akap>über den brutalen Grausamkeiten des Geschlechts, das einen Menschen mit einer Gans paart,</akap>


<akap>über der verbrecherischen Gewissenlosigkeit
der Gottnatur, die Wesen auf die Erde setzt
zum Wahnsinn und zum Veitstanz einer rohen
Spielerei von ewigen Evolutionen ---</akap>


<akap>über all diesem thront Meine freie, ungeschlechtliche Seele mit ihrer Ruhe der anfangslosen Ewigkeit,</akap>


<akap>sie, die heilige besiegte Siegerin,</akap>


<akap>sie, die Allumfassende, Anfang sie und Ende,</akap>


<akap>sie, der höchste, letzte allgewaltige Ausdruck
Meines Stammes,</akap>


<akap>sie, die sterben muss, weil das Geschlecht
es will,</akap>


<akap>sie, die sterben muss, weil sie selbst es
will, weil sie nicht in Schmutz und Ekel leben
mag, weil sie sich nach der Reinheit der Auflösung sehnt.</akap>


<akap>Und so gehe ich, ---
gehe hinein in die rückschreitende Metamorphose des Stoffwechsels; freiwillig, von selbst ...</akap>


<akap>,,Das Tier, von der Scholle losgelöst, mit
inneren Wurzeln, ein automatischer Oxydationsapparat, entnimmt der Pflanze organische Verbindungen, Eiweißkörper, Kohlenhydrate, Fette,
Sauerstoff, und gibt sie an Luft und Boden in
anorganischer Form zurück."</akap>


<akap>,,Die Pflanze, an der Scholle haftend, mit
äußeren Wurzeln, ein bewegungsloser Reduktionsapparat, entnimmt der Luft und dem Boden anorganische Verbindungen und gibt sie dem Tiere in organischer Form zurück."</akap>


<akap>Und so weiter --- und so weiter --- ohne
Ende, der ewige dumme Zirkel in rastlosen Metamorphosen.</akap>


<akap>Und so leb du mir wohl.</akap>


<akap>Du bist aus meinem Gehirn verschwunden,
wie ein Blutextravasat, wenn es von Phagozyten
resorbiert wird.</akap>


<akap>Ich habe dich weggestoßen, wie das Eichen
die Polarkörperchen wegstößt, sobald es reif
wird.</akap>


<akap>In dir sollte sich die mystische Synthese
meiner selbst vollbringen, wo der Herr und der
Bauer in mir sich friedlich die Hände reichten,</akap>


<akap>du solltest meine intimsten Geschlechtskräfte
sammeln, beleben und in der Brunst nach neuer
Zukunft gipfeln lassen,</akap>


<akap>du solltest leimen, was von Anfang an in
mir zerbrochen war, das eiserne Rückenmark in
die weiche Gallertmasse einkeilen,</akap>


<akap>du solltest die feinsten Saiten in mir rühren,
in denen doch vielleicht ein Stückchen meiner
Seele in der friedlichen Umarmung des Geschlechtes bräutlich zittert, ---</akap>


<akap>das alles hast du nicht vermocht und bliebst
mir fremd.</akap>


<akap>Aber jetzt: in jenem Augenblick, wo ich doch
vielleicht einmal Eines mit dir werde, wo irgendein Geschöpf die anorganischen Stoffe, in die wir
dann zerfallen, in sich aufnehmen wird, um sie irgendeinem anderen Wesen organisch wiederzugeben:</akap>


<akap>wo wir uns finden werden in einem und demselben Pflanzengefäß, auf einer und derselben
molekularen Bahn:</akap>


<akap>jetzt. Liebste, inmitten dieser lächerlich doktrinären Ideen will ich meine Stirn in deinen
Schoß legen und will dir deine schönen, langen,
feinen Hände küssen, --- zu deinen Füßen werfe
ich die schwere Last meiner Herrschaft über die
Welt und alle Kreatur:</akap>


<akap>ich gebe dir meine Seele zurück.</akap>


<akap>Du meine über alles geliebte Totenbraut, du
mit der unermesslichen Tiefe Meiner Leere
geliebte! ---</akap>


<akap>Ich höre etwas, das tief ist wie die Welt,
dunkel ist wie die Nacht und weit ist über alles
Seiende hinaus.</akap>


<akap>Es ist die Sehnsucht nach der Synthese,
deren Wonne mich genial gemacht und über
alle Menschen gehoben hätte, --- die Synthese,
die ich vergebens hoffte zu erlangen in Dir.</akap>


<akap>So nimm zurück meine Seele. Mag sie
wieder sich in Deine Formen gießen, um mit
dir zurückzukehren in die eine große Uridee,
durch die ich dich entstehen ließ.</akap>


<akap>Kalter Morgenschauer kriecht durch meine
Glieder; meine Zeit ist gekommen.</akap>


<akap>Und wenn der junge, reine, heilige Tag über
dem Geschlechtsbett der Natur aufgeht, der
junge, weiße Tag, den Ich, der Beherrscher des
Daseins, Ich, durch den und in dem alles ist,
geschaffen habe, der ohne mich nicht existieren
würde, dann bin ich nicht mehr da:</akap>


<akap>Die rückschreitende Metamorphose kann beginnen ...</akap>




</opowiadanie></utwor>