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<dc:contributor.editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Ritter-Jasińska, Antje</dc:contributor.editor>
<dc:contributor.technical_editor xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Choromańska, Paulina</dc:contributor.technical_editor>
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<dc:description xml:lang="pl" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">Publikacja  zrealizowana w ramach projektu Wolne Lektury (http://wolnelektury.pl). Wydano z finansowym wsparciem Fundacji Współpracy Polsko-Niemieckiej. Eine Publikation im Rahmen des Projektes Wolne Lektury. Herausgegeben mit finanzieller Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.</dc:description>
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</rdf:RDF><opowiadanie>
<autor_utworu>Stanisław Przybyszewski</autor_utworu>



<nazwa_utworu>Androgyne</nazwa_utworu>


<akap>Es war späte Nacht, als er nach Hause kam.</akap>


<akap>Er setzte sich an den Schreibtisch und sah
gedankenlos auf einen herrlichen Blumenstrauß
hin, der mit einem breiten roten Band umwunden
war.</akap>


<akap>Auf dem einen Ende stand in goldenen Buchstaben ein mystischer, weiblicher Name.</akap>


<akap>Nichts weiter.</akap>


<akap>Und wieder empfand er diesen langen, fliederweichen Schauer, der ihn durchzuckte, als man
ihm diesen Strauß auf die Estrade hinaufreichte.</akap>


<akap>Man hat ihn ja mit Blumen beworfen, soviel
Kränze regneten nieder zu seinen Füßen --- aber
dieser Strauß mit diesem roten Band und dem
mystischen Namen --- wer mag ihn wohl hinaufgeschickt haben?</akap>


<akap>Er wusste es nicht.</akap>


<akap>Als ob eine warme, kleine Hand die seine erfasst --- nein! nicht erfasst, --- sich wollüstig einschmeichelte, hineinküsste mit heißen Fingern...</akap>


<akap>Und sie, deren Name ihn so verwirrte...</akap>


<akap>Vielleicht hat sie die Blumen geküsst, bevor
man sie ihm reichte, ihr Gesicht in das weiche
Blumenbett eingewühlt, bevor sie es zum Strauß
gewunden, das reiche Armgewinde von Blumen
an ihr Herz gedrückt und sich nackt und lustkeuchend über das Blumenlager gewälzt...</akap>


<akap>Und das Geblüte atmete noch den Duft ihres
Körpers, zitterte noch das kauernde, heiße Lispeln
ihres Verlangens...</akap>


<akap>Sie liebte ihn ja, sie kannte ihn schon lange,
ganze Tage hat sie zitternd durchdacht, bevor
sie wagte, ihm diese Blumen zu schenken...
Er wusste es, ganz genau wusste er es...</akap>


<akap>Er wusste sicher, dass sie ihn liebte, denn
solche Blumen schenken nur Mädchen, die lieben.</akap>


<sekcja_swiatlo/>

<akap>Er schloss die Augen und horchte.</akap>


<akap>Er sah riesige Märchenrosen, schwarze, blutdürstige, weiße, auf langen Stengeln sich wiegende Rosen. Sie verneigten sich, tief und tiefer,
sie richteten sich stolz empor, sie lockten und
lachten, trunken ihrer eigenen Pracht.</akap>


<akap>Er sah Tuberosen, weiß wie Bethlehemsterne, feinstrankig mit bläulichem Geäder --- er
sah Urbäume von weißen und roten Azaleen,
belastet und überladen von weichflaumiger Blütenpracht und herrlich anzuschauen wie reiche Ballkleider auf wundersamen Märchengestalten längst
verstorbener adliger Frauen, er sah Orchideen
auf heißgeöffneten Lippen, lustheischenden, giftigen Lippen und Lilien mit weitgebreitetem
Mutterschoß der keuschen Lüste und Narzissen
und Bionen, Begonien und Kamelien --- eine ganze
Sintflut von berauschendem Farbengift, berückendem saugenden Duft überströmte seine Seele.</akap>


<akap>Der weiche Maienduft des Flieders ergoss
sich in ihm mit der stillen, kindlich naiven Serenade der Hirtenflöten in heißen Frühlingsnächten
--- wie brünstige Triumphfanfare brauste das
gelle Purpur der Rosen, mit keuschen Armen
umfingen die Lilien sein Herz, lüstern saugten
an ihm mit roten Zungen die Orchideen, in weißem
kalten Glanz tanzten um ihn die Tuberosen, wie
aphrodisisches Gift ergoss sich in ihm der berückende Duft der Akazienblüten, geschwängert
von dem blitzheißen Sommergewitter, und alle
diese Düfte, kühl und weich wie reine Mädchenaugen, unwissend ihres Geschlechts --- heiß und
gierig wie die Arme einer rasenden Hetäre ---
giftig und schreiend wie der Blick einer getretenen Otter: dies alles ergoss sich in ihm, durchtränkte, durchsättigte ihn; er war berauscht,
machtlos; er fühlte, dass er kein Glied rühren
konnte, er unterschied nicht mehr die Eindrücke
voneinander, er sah keine Farben, fühlte den Duft
nicht mehr, alles wurde eins.</akap>


<akap>Aus der Tiefe blühte in ihm auf ein weites
Brachfeld, öde; traurig, schwer gebreitet wie das
Stöhnen der Glocken in der Abenddämmerung
des Gründonnerstags --- weit in der Ferne blaute
ein glitzernder Streifen eines fernen Sees, still
gebettet von der schlafschweren Hitze des Mittags
--- nur hie und da schoss empor der schlanke
Stengel einer Königskerze, als hätte sie die durchglühte Erdscholle aufgerissen und drohte nun mit
siegesmächtiger Faust dem Himmel --- nur hier
und da ein paar verkümmerte Wachholderbüsche,
verkrampft zu seltsamen Formen, als wären sie
krank an dem Gift der Leichen, die hier einstens
die Erde gedüngt haben --- nur hier und da an
den sandigen Gräbern träumten blaue Zichorienkörbchen, sehnsüchtig auf den Sonnenuntergang
wartend, wenn sie die Blüten zusammenschließen
und den Kirchhofszauber der öden Heide schauernd
durchkosten dürften...</akap>


<akap>Dann wieder sah er Kreuzwege auf den Moortriften zwischen den Sümpfen und abschüssigen
Gräben. Die Stunde des Mitternachtsgrauens
naht, voll von schreckender Angst und Pein. Ab
und zu schießt ein Irrlicht, behende wie ein Gedanke über die sumpfigen Wassertümpel, blitzt
auf ein stilles, geheimes Leuchten, hin und wieder bellt ein Hund auf im nahen Dorf, ein anderer antwortet ihm mit langgedehntem Winseln,
dann wieder der gelle Ruf des Nachtwächterhornes --- und wieder Stille, Stille, die sich hineinschraubt, mählich und tief in die dunkelsten
Abgründe und alles aufsaugt, mein Heute und
mein Morgen, die den Schritt und jede Regung
lahm legt und einen so unendlich einsam, so weit
fern und daseinsfremd macht.</akap>


<akap>Und in immer neuen Bildern erstand vor
seinen Augen sein ganzes Heimatland: ein riesiges Laken, zerrissen und zerfetzt in grüne
Gerstenlappen, in weißaufgeblühte Heidekrautfelder, goldene Roggenteppiche, blutrote Beete
peitschenschwerer Weizenähren: die ganze Erde
ist maitrunken, brünstig in ihrer Blütenpracht,
ungeheuer in ihrer schöpferischen Raserei, in der
hochzeitlichen Majestät andächtiger Liebe --- die
ganze Erde weit hinauf bis an die Umfriedung
der weißen Kirche auf der Anhöhe...</akap>


<akap>Breite Ströme von Glockenklängen gossen
sich in das flache Land hinab, ringsherum brandete das Gewoge eines mächtigen Kirchenliedes
während der Prozession am Fronleichnamsfest;
zwischen dem schwarzen Gebüsch und dem dichten Gehege schimmerten die weißen Kleider der
Mädchen, die zu Füßen des Priesters mit dem
Allerheiligsten Blumen streuten, es blauten die
langen Bauernröcke, gegürtelt mit breiten roten
Schals...</akap>


<akap>Er zuckte auf. Lechzte nach mehr Sehnsucht.</akap>


<akap>Unaufhörlich in wunderlichen Reigen: ein
Hochzeitsgang an einem Julitag --- das breite
Schluchzen der Geigen, gefertigt aus der Lindenrinde, das heisere Stöhnen der Bässe, die von
dem Geld klappern, das der Bräutigam in ihr
Inneres geworfen hat --- und ein jauchzendes
Geschrei, das in taktmäßigen Abständen mit
schrillen Strahlen in die Luft hinaufschießt:
Juchahei! Dann wieder schleppt sich ein Trauergeleite im Spätherbst auf der regendurchweichten
Landstraße.... Ein paar Mädchen tragen den
weißen Sarg eines Kindes --- dann wieder ein
feierlicher Pilgerzug, der zu dem Wunderbild
eines Heiligen wallfahrtet --- dann wieder... oh,
oh... ohne Ende, ohne Maß...</akap>


<akap>Langsam dunkelte es ihm in den Augen ---
nur ein paar unklarer, abgerissener Bilder glitten
faul und zögernd über sein Gehirn --- die Seele
dämmerte, wiegte sich in weiches Träumen, erlosch,
bis sie sich plötzlich in einem mächtigen Lied
emporriss.</akap>


<akap>Der heimtückische Zauber, das berauschende
Gift der exotischen Blumen und das Paradies
der Heimaterde, das alles ließ seine Seele erbeben mit dem dröhnenden ehernen Schrittklang
von Rittern, die in Erz gegossen schienen, dass
die Erde unter ihrer siegesjauchzenden Schrittwucht erbebte, --- dann fühlte er seine Seele auftauen in den schluchzenden Klagen der Mutter,
die ihre Erstgeburt verlor, sie ergrünte in dem
Myrtenkranz hochzeitlicher Lieder, sie raste in
trunkenem Tanz mit Jauchzen und Stampfen auf
dem Boden einer überfüllten Schenke, schoss hoch
empor mit wildem Schrei, wie die Blüte der
Königskerze auf dem sengend heißen Brachacker
--- das ganze Lied ergoss sich in einem düsteren,
wilden Bett, vertrocknete, schnellte rückwärts
zurück, um mächtiger noch vorzustürmen und
sich endlos über das ganze Flachland zu ergießen...</akap>


<akap>Eine entsetzliche Macht packte ihn in ihre
Arme. Die Tollwut des Gewitters umkrallte ihn
mit dem Geächze der Verdammnis, warf ihn auf
die kochende Gischt eines abgründigen Malstroms,
wütete in ihm, heulte, krachte, schleuderte ihn
kreischend hin und her die steilen Felsen hinauf
wie ein Wrack --- nur in der Tiefe, ganz in
der Tiefe des bodenlosen Trichters ein heller
Klang, der schwand und wieder aufleuchtete,
sank unter und wieder auftauchte, wie der Widerschein eines blassen Sternes in dem schäumenden
Strudel dunkler Wogen.</akap>


<akap>Lange hat dieser helle Strahl mit der spritzenden Wasserflut, mit dem Gewitter aufgewühlter
Wogen gerungen, aber beharrlich ergoss er sich
in lange, schmale Streifen, tanzte über den Fluten
in zierlichen Schlangenwindungen, rollte sich zusammen, schnellte dann wie eine aufgerollte Feder
langhin: über dem sturmgepeitschten Abgrund
verzweifelten Ächzens und Kreischens, über dem
Strudel abgründiger Qual, dem Geheul und Geschrei tollgewordener Gewitterbrunst flogen stille,
sehnsüchtige, weichgesponnene Lichtwellen; immer breitere, immer stärkere Wellen der Beruhigung und lichter Versagung, entzückter Gebete
umfingen den Sturm und das qualschreiende Entsetzen in heilige Mutterarme, pressten es an sich
in unendlicher Liebe, wiegten es in eine überirdische
Sehnsucht, in einen ohnmächtigen Verzückungstraum...</akap>


<akap>Da:</akap>


<akap>Ein Mädchengesicht tauchte auf: ein heller,
heiliger Klang in den schwarzen Sturmakkorden,
der helle Widerschein eines blassen Sternes in
dem schäumenden Gischt dunkler Wogen, --- nie
früher hatte er es gesehen, aber er kannte es,
er kannte es gut, dies Mädchengesicht ...</akap>


<akap>Er wachte auf: rieb sich die Augen, ging in
dem Zimmer auf und ab, aber er konnte die Vision dieses Gesichtes nicht loswerden: halb Kind,
halb Weib.</akap>


<akap>Ja, ja --- sie war es sicher. Sie ließ ihm
den Blumenstrauß auf die Estrade reichen.</akap>


<akap>Er dachte nach, woher seine plötzliche Gewissheit, dass sie es war.</akap>


<akap>Jemand Fremdes hat ihm die Blumen hinaufgereicht.</akap>


<akap>Und er dachte und grübelte...</akap>


<akap>Sie war also da, sie saß in der ersten Reihe
und leuchtete das dunkle Doppelgestirn ihrer
Augen in seine Seele hinein, sie hat den Abglanz
in ihr zurückgelassen. Damals, als die ganze
Welt vor meinen Augen in Nebelschwaden zerrann, als alles zusammenströmte in dem Orkan
des Gewitters, das unter meinen Fingern heulte,
hat die Macht der Sehnsucht den Abglanz ihrer
Augen in mir festgeklebt.... Ich selbst habe
zu den Augen das Gesicht geformt, denn nur
dieses und kein anderes erglüht in dem Glanz
solcher Augen...</akap>


<akap>Und der Glanz umfing ihn von allen Seiten,
ergoss sich in sein Blut, durchströmte seine Adern,
ein heißer Schauer durchzuckte ihn --- er zitterte
in unbekanntem Wonneschmerz.</akap>


<akap_dialog>--- Denn vor der Stunde der Erlösung geschehen seltsame Zeichen und Wunder --- flüsterte
er leise in sich hinein --- die ganze Muttererde
ist in mir aufgewacht --- das ganze Leben glitt
mit Blitzesschnelle über das Himmelsgewölbe
meiner Seele --- die ganze Verzweiflungslust
meines Lebens breitete vor meinen Augen ihre
schweren wunden Fittiche vom einem End’ zum
anderen...</akap_dialog>


<akap>Er blieb wieder stehen und starrte lange den
Blumenstrauß an und das breite rote Band mit
dem mystischen Namen...</akap>


<akap>Ja --- sie ist rank und biegsam wie der
Stengel der Tuberose, und ihre Augen so rein,
wie die weißen Bethlehemsterne, die auf ihm
ruhten und sich träumerisch hin und her wiegten...</akap>


<akap>Woher nur die Vision dieses Gesichtchens
 --- halb Kind, halb Weib?</akap>


<akap>Er dachte:</akap>


<akap>Das ist die geheime Stunde, bevor die Sonne
aufwacht.</akap>


<akap>Er sah lange durch das Fenster auf die
schneeigen Felder der Vorstädte --- in dem ersten Morgenschauer blaute der Schnee --- ein
Streifen heller Töne ergoss sich in Schlangenlinien den Himmelsrand entlang, verschwand,
tauchte auf und umfing den Osten breiter und
breiter................</akap>


<sekcja_swiatlo/>

<akap>Seit dieser Zeit stand unablässig vor seinen
Augen die Vision des zarten feinen Gesichts mit
dunklem Doppelgestirn, das sein Licht in seine
Adern hineinschien --- unablässig sah er die
schlanke Mädchengestalt, halb Weib, halb Kind,
einer Tuberose gleich, die zwei weiße Blüten,
zwei weiße Bethlehemsaugen auf ihrem Stengel
wiegte.</akap>


<akap>Ganze Stunden dachte er an sie und träumte. ---</akap>


<akap>Immer und wieder tauchten vor seinen Augen
dieselben Bilder auf: In der Tiefe seiner Seele
verflochten sich unentwirrbar die Visionen seiner
Muttererde mit dem geheimen Reigen von Tönen
und Liedern, dem Duft der Blumen, dem dunklen
Gewitter und dem Abglanz blasser Sterne in dem
Strudel wogender Meere.</akap>


<akap>Er verstand nicht den Zusammenhang ---
gleichwohl --- es kam ihm vor, dass sie seine
Muttererde in ihrer Frühlingsbrunst sei --- die
Blumen, die sie ihm geschenkt, das Kleid, ewig
neues und ewig dasselbe Kleid ihrer Seele, ewigliche Form ihres Seins --- dass die Augen --- ihre
Augen...</akap>


<akap>Absichtlich zerriss er die Flut seiner Gedanken, umfasste die Blumen, bewarf sich mit
ihnen, wühlte in ihnen mit fiebrigen Händen und
träumte und heischte nach ihr.</akap>


<akap>Schon hatte er sie in seine Arme gefasst,
warf sie auf seine Brust in kranker Lust und
küsste sie --- küsste...</akap>


<akap>Und zugleich beschloss er mit sich: er musste
sie finden --- er musste!</akap>


<akap>Nur einen Strahl ihrer Augen erhaschen ---
nur ein Aufleuchten --- ein zuckendes Aufdämmern ihrer Augen --- und er wird sie erkennen
--- ganz sicher wird er sie erkennen in einem
Sekundentausendstel des Aufblitzens ihrer Augen...</akap>


<akap>Ganze Tage trieb er sich auf den Straßen
der Stadt herum, ganze Stunden harrte er in den
Parkanlagen, rings um die Stadt. Tausende
von Menschen glitten an seinen Augen vorüber,
in jedem Mädchengesicht glaubte er ihres zu erkennen, jeder Blick schien in seinen Adern dieselbe Lust zu entfachen, mit der ihre Augen sein Herz wundgebrannt hatten --- aber vergebens;
immer dieselbe Enttäuschung: das war nicht sie!</akap>


<akap>Und doch hörte er manchmal in der Abenddämmerung dicht hinter sich Schritte, wie das
Schlagen unruhiger Vogelflügel, die bereit waren,
sich zur Flucht zu schwingen --- manchmal sah
er ein blitzschnelles, verstohlenes Aufleuchten
eines dunklen Augenpaars, das aus unbekannten
Fernen oder Nähen sich in seine Seele einsaugte
--- einmal streifte ihn der <wyroznienie>Hauch</wyroznienie> einer weichen,
zärtlichen <wyroznienie>Hand</wyroznienie>, als er in dem Dunkel einer
Kirche stehenblieb und das heimliche kostbare
Gut der dämmrigen Abendgebete kostete, aber
als er sich umdrehte, als er das Dunkel mit seinen Augen zu zerfetzen suchte, verflog das Gesicht --- nur ein zittriges Aufleuchten, nur ein
warmer <wyroznienie>Atem</wyroznienie> einer fiebernden <wyroznienie>Hand</wyroznienie>, und die
Nerven entlang das Gefühl einer schlanken Tuberose mit zwei weißen Sternen.</akap>


<akap>Ein König war er --- ja ein König und ein
mächtiger Gebieter...</akap>


<akap>O die kranke, qualvolle Lust schlafloser Nächte,
als er auf der Terrasse seines Palastes lag und
die üppige, sternenbesäete Himmelspracht anstarrte!</akap>


<akap>Rings rankten sich tropische Efeugewinde;
aus dunklem Gebüsche blühten auf goldene Blütenquasten, wuchsen hoch empor Blumenkelche, die
noch kein menschliches Auge geschaut hatte:
Blumen mit Kelchen von der Form bronzener
Glocken, Blumen, umgeben von Blättern, die in
der Farbe von poliertem Gusseisen schimmerten
oder wie gerinnendes Messing blitzten, dann wieder Blumen mit fein behaartem Schoß, dem ewigen Leben aufblühender Jungfrauen, Blumen, die
mit lebendigen, schauenden und wissenden Augen
einer Kurtisane lachten, oder suchenden, verirrten
Augen von todesmüden Möwen und weißen Albatrossen.... Strunke und Stengel sah er wie
Lilien, die aus toten Herzen aufwuchsen oder
aus Erdäpfeln, den Totenschädeln vergleichbar.
Aus dem syphilitischen Rachen unglaublicher Orchideen streckten sich Zungen empor, mit purpurroten Fieberflecken besprenkelte Ungeheuer, die
herauszukriechen und das Gift über das umgebende
Blütenmeer zu verschleppen schienen.</akap>


<akap>Soweit das Auge reichte ungeheure, vorsintflutige, dunkle Kohlenwälder, umwunden, umstrickt, verknäuelt zu einer unentwirrbaren Masse
durch Stränge und Stricke von Efeustämmen,
Lianen, Windenkraut und Klettengeflechte --- und
all dieses Schmarotzergezücht rankte sich empor
an den verkohlten Farrenbäumen, den isaurischen
Palmstauden, den Kokos-- und Brotblumen, verflocht sie wie ein Korbgewinde, verankerte sie
unlösbar miteinander und von der Höhe der Terrasse sah das aus wie ein ungeheuerliches, aus dem Urmagma heraufkriechendes Otternnest.</akap>


<akap>Und in der sternenbrünstigen, lichtwütigen
Nacht in diesem abgründigen Fieber von verkrampften Formen, kranker Düfte, Farben, die
man in den Delirien des Opiumrausches sieht,
träumte der König von ihr --- ihr, der Einzigen,
kroch auf den tiefen weichen Teppichen, krallte
sich mit den Fingern an den Füßen der Sessel
fest, sog das Gift der ungeheuerlichsten Blumen
und schrie nach ihr ---.</akap>


<akap>Vergebens!</akap>


<akap>Bis endlich:</akap>


<akap>Er ließ die schönsten Jungfrauen zu sich
in seinen Palast befehlen, stellte sie in dem endlosen Saal in zwei Reihen, die sich von dem
Throne bis in die Tiefe der Palastgärten erstreckten...</akap>


<akap>Und angetan mit seiner unerhörten königlichen Pracht saß er lange auf seinem Thron,
vergrub das Gesicht in beide Hände und sah die
vor Erwartung und Hoffnung zitternden Jungfrauen, von denen jede mit unendlichem Glück
sich zu seiner Sklavin machen ließe.</akap>


<akap>Er sah, sah sie an und dachte:</akap>


<akap>Welche ist es?</akap>


<akap>Wie soll er sie auffinden in dem Gewoge
von blonden, schwarzen, roten Köpfen?</akap>


<akap>Ist es die, deren Augen blitzten wie die
Beeren von Tollkraut, das an den Schuttgräben
wächst?</akap>


<akap>Oder die, aus deren sanften Augen ab und
zu der blutdürstige Blick eines gebändigten Jaguars herausschießt?</akap>


<akap>Jene da vielleicht, über deren Stirn ein
Blitz fliegt, der das Herz gebärt und sich
über das Gesicht mit unendlichem Leid ergießt?</akap>


<akap>Die da, deren Arme herabhängen wie welke
Lilien oder jene, welche in den verführerischen
Händen die lüsternen Trauben ihres Leibes hält,
vielleicht die dort mit der gleißenden Biegsamkeit einer Schlange, oder jene, die aus dem
Schoß einer Lotosblume aufgestiegen ist --- und
jene dort, weitab, wie aus einem Sternenkelch
aufgeblüht, aus dem Glanz des Mondlichtes geboren?</akap>


<akap>Tiefer noch vergrub er das Gesicht in seine
Hände, schmerzlicher noch, denn er fühlte, dass
er sie nicht finden wird --- das Chaos von verschwimmenden, ineinander verfließenden Formen, Gesichter, Augen trübte die Seele des
Königs.</akap>


<akap>Er stieg die Stufen des Thrones hinunter
und die Reihen der Jungfrauen neigten sich wie
ein frisch aufgeblähtes, weißes Birkengehölz
wenn der Windstrom es umfließt.</akap>


<akap>Wie köstliche Weizenähren in der sengenden
Mittagsglut, wenn plötzlich ein heißer Lufthauch
über sie fährt, neigten sich die Köpfe; der ganze
Saal schien zu keuchen in gespannter Erwartung
und verhaltenem Atem der Hoffnung.</akap>


<akap>Dreimal schritt er die Reihen der schönsten
Jungfrauen seines Landes ab, langsam, immer
langsamer und trauriger, setzte sich wieder auf
seinen Thron, winkte mit der Hand --- er blieb
allein.</akap>


<akap>Es dunkelte in dem Saal. Der König vergrub sich in seine Verzweiflung, stemmte sein
Gesicht auf die krampfgeballten Fäuste und
brütete vor sich hin.</akap>


<akap>Da fühlte er plötzlich, wie sich jemand an
den Säulen entlangstahl, die das Gewölbe des
Saales stützen --- jemand schlängelte sich durch
das dämmernde Dunkel und hinter ihm ein Schimmer
von etwas Leuchtendem, wie das Licht eines
nackten Körpers.</akap>


<akap>Der König hob sein Haupt stolz empor ---
denn noch kein Sterblicher wagte ihn in seinem
Verzweiflungsschmerz anzuschauen.</akap>


<akap>Er klatschte in die Hände, und aus einer
unsichtbaren Lichtquelle ergoss sich in den Saal
ein kaltes metallenes Leuchten --- und in diesem
Halbdunkel sah er, wie ein syrischer Sklavenhändler an den Thron herankroch und hinter sich
ein nacktes Mädchen schleifte.</akap>


<akap>Ihre Arme umwanden Spangen --- goldene
Schlangen, und mit goldenen Schlangen waren
die Knöchel umringelt, und um die Lenden ein
goldener Gürtel, dessen Schloss eine Lotosblume
bildete, besetzt von kostbaren Steinen.</akap>


<akap>Der König sah sie erstaunt an.</akap>


<akap>Er sah nicht ihr Gesicht, denn sie verschränkte vor ihm ihre Arme, er sah nur die
Gestalt, sah die schlanken, biegsamen Glieder
einer Tuberose mit zwei weißen Sternen hinter
den Lilien ihrer Arme.</akap>


<akap>Mit verhaltenem Atem sah der König auf
die seltsamen Zauber und Wunder des Mädchenkörpers, er zitterte wie in Todesangst, dass ihm
der Traum nicht verfliegt --- er sah sie, wie sie
sich hin und her neigte, wie sie im Feuer zu
stehen schien aus Angst und Scham; ihre Haare
flossen über die weißen Lilien ihres Körpers
wie ein heißer Strom --- und plötzlich kniete
sie nieder und sah zu ihm auf.</akap>


<akap>Sie, sie war es!</akap>


<akap>Mit beiden Händen griff er um die Lehnen
seines Thrones und zitternd flüsterte er:</akap>


<akap>Du hast mir die Blumen geschenkt?</akap>


<akap>Sie nickte...</akap>


<akap>Mit heißem Schrei streckte er ihr seine Hände
entgegen --- alles verschwand...</akap>


<akap>Er rieb sich die Stirn ...</akap>


<akap>Er war doch wach.</akap>


<akap>Ja ganz sicher, aber nur, um von neuem in
einen noch tieferen, noch wilderen Traum zu
verfallen.</akap>


<akap>Nun war er ein Magier, übergroß und übermächtig, ein Diener seines Herrn und ein Gott
zugleich...</akap>


<akap>Ja: ipse philosophus, magus, Deus et omnia...</akap>


<akap>Drei Tage und drei Nächte hat er sich für
seine Beschwörung vorbereitet. Drei Tage und
drei Nächte las er in heiligen Büchern, entzifferte
die geheimen Runen und erbrach die sieben Siegel
der apokalyptischen Weisheit. Er prägte seinem Gedächtnis die furchtbaren Beschwörungsformeln ein,
die unbekannte Mächte ihm, seinem Machtspruch
dienstbar machten --- drei Tage und drei Nächte
berauschte er sich an dem giftigen Dunst gebrauter Pflanzen und Wurzeln, die in der geheimen Johannisnacht blühen, bis er die Kraft in
sich fühlte, das Wachstum der Pflanzen beschleunigen zu können, einen Strom in seinem Lauf aufhalten, den Mutterschoß unfruchtbar zu machen,
ja selbst den Donner auf die Erde herabzubeschwören.</akap>


<akap>Und in der Stunde des großen Wunders
kleidete er sich an mit den kostbaren Kleidern
des Hochamtes, das einstens sein Urvater Samyasa
verrichtete, sein Haar umwand er mit einer siebenmal geknoteten Binde, nahm das Schwert zur
Hand, zeichnete einen Kreis, schrieb in ihn geheime Zeichen hinein, blieb in seiner Mitte stehen,
einem großen Spiegel gegenüber und sprach mit
lauter Stimme:</akap>


<akap>O Astaroth, Astaroth!</akap>


<akap>Mutter der Liebe, die du mir das Herz mit
dem Gift des Verlangens und der Sehnsucht zerfrisst, das Feuer irrsinniger Qual in meinen Adern
ergossen hast --- einzige Mutter, die aus den
Saiten meiner Seele schmerzliches Stöhnen vereitelter Hoffnungen und Schreie der Sehnsucht reißest, du furchtbare Mutter, die du mich
auf dem höllischen Bett vergeblichen Ringens
streckst ---</akap>


<akap>Erbarme dich meiner!</akap>


<akap>O Astaroth, Astaroth!</akap>


<akap>Du höllische Tochter der Lüge und des
Scheins, die du in meinen Nächten mir vor die
Augen die unsagbarste Lust und Verzückung
zauberst, die du mir das Weib, das ich suche, in
die wilde Umarmung meiner Glieder wirfst und
sie meinen Leib lustschreiend umflechten lassest
--- du furchtbare grausame Höllenmutter, die du
aus meinem Blut Macht und Leben saugst, um
mich wieder zu wecken zu neuer Qual und Verzweiflung, ---</akap>


<akap>Erbarme dich meiner!</akap>


<akap>O Astaroth, Astaroth!</akap>


<akap>Mutter der Verkehrtheit, Beschützerin des
unfruchtbaren Schoßes und unfruchtbarer Lüste,
die du mir in die Seele ein Verlangen eingeimpft
hast, das du nicht stillst, in mein Blut Träume
hineingeschienen, die nicht von dieser Welt sind,
mein Gehirn mit einer Brunst verkrampfst, die
meine Augen mit Irrsinn umflort ---</akap>


<akap>Erhöre mich!</akap>


<akap>Und in einer unmenschlichen Willensanspannung bäumte sich sein Haar. Er zitterte
und erschauerte, als ob jedes Glied für sich
selbständig lebte. Es kam ihm vor, als gehe er
aus sich selbst heraus, als verkörpere er sich von
neuem draußen, außerhalb seines Leibes, als
gestalte sich etwas, das aus seiner Seele aus
seinem mächtigsten Verlangen aus seiner qualvollsten Sehnsucht herausströmte.</akap>


<akap>Ein krachender Donner, als ob sich ein Erdkörper vom Himmel losgerissen hätte und in den
Nichtsabgrund fiele --- ein furchtbarer Sturm hat
alle Fesseln gerissen --- ein höllisches Lachen,
Heulen, Kreischen wateten in seinem Gehirn und
in grausigem Entsetzen sieht er um den Spiegel
herum einen Nebel kreisen und glänzen, sich formen, Gestalt annehmen, sieht ihn, wie er sich
rundet, Körper annimmt, zu atmen anfängt, blutstrotzend, lebendig!</akap>


<akap>Eine Flut von Blitzen wogte schwer durch
den Saal, ein Donner krachte in den Spiegel, ein
Schrei und auf seinen Hals warf sich in wilder,
zügelloser Brunst die, die er so lange gesucht,
nach der er so lange geheischt und um deren
Willen er sein Heil verwirkt hat...</akap>


<akap>O irre Nacht ungesättigter Lust!</akap>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>Er erschrak über diese Träume.</akap>


<akap>Er konnte sich nicht wiedererkennen. Die
Verkoppelungen und Zusammenhänge in seiner
Seele haben sich losgelöst, die Verbindungsfäden
rissen; nichts ging ihn jetzt mehr an, er lebte
nur in seinen kranken Träumen, und in den
Händen zerknitterte er das Band, mit dem der
längst verwelkte Strauß umbunden war.</akap>


<akap>Es schien ihm, als ob dieses Band etwas
von ihrem Wesen eingesaugt hätte. Er fühlte,
dass es lebt. Wenn er es streichelte, war es, als
glitte seine Hand ihren Sammetkörper entlang,
küsste er es, sog er den Duft ihrer seidenen
Haare, und wand er es sich um seine Brust,
empfand er es, als hätten sich ihre Glieder um
seinen Körper gewunden...</akap>


<akap>Immer mächtiger schwollen in ihm die Sehnsucht und der Schmerz an. Er quälte sich in
ohnmächtigem Ringen. Die, die ihm den Strauß
geschenkt, wurde zu einem Vampir, der ihm alles
Blut aus den Adern sog.</akap>


<akap>Und wieder irrte er auf leeren Straßen und
Plätzen, und wenn die Dämmerung kam, schlich
er sich in dunkle Kirchen hinein, denn einmal
kam es ihm vor, als hätte sich eine weiche,
liebende, verlangende Hand mit sehnsüchtiger
Inbrunst in die seine geschoben. Er irrte zwischen
den Frühlingsbäumen im Park, denn einmal hörte
er Schritte hinter sich --- ihre Schritte --- wie
das Schlagen unruhiger, flugbereiter Flügel.
Stundenlang stand er in dem Fenster und bohrte
sich spähend in die Finsternis, denn einmal
schien es ihm, als sähe er ein Augenpaar ---
ihre Augen --- die mit heißer Sehnsucht die
seinigen suchten.</akap>


<akap>Bis endlich:</akap>


<akap>Schwer sank die Dämmerung herab. Zwischen
dem dunklen Geäst der Bäume blutete hier und
dort das unruhige Flackern des Gaslichts der
Laternen, auf und nieder wogte die Unruhe der
Stadt, und ein schwüles, unendlich trauriges
Brüten breitete sich über den finsteren Dächern
der Bäume.</akap>


<akap>Plötzlich erblickte er sie da, wo sich zwei
Alleen kreuzten.</akap>


<akap>Er wusste, dass sie es ist.</akap>


<akap>Dieselben Augen, die sie ihm an jenem Abend
in die Seele eingebrannt hatte, dasselbe Gesicht,
denn nur ein solches Gesicht erstrahlt in dem
Glanz, der um diese Augen sich goss.</akap>


<akap>Er zuckte auf, blieb stehen und sie rührte
sich nicht vom Platz, erschrocken und verwirrt.</akap>


<akap>Ihre Blicke fingen sich auf und schwiegen.</akap>


<akap>Er wollte etwas sagen, aber kein Wort
würde er jetzt herauspressen können; er zitterte
am ganzen Leib und sie zitterte.</akap>


<akap>Plötzlich ließ sie die Augen sinken, noch
einen Augenblick blieb sie stehen und ging
wankend an ihm vorüber.</akap>


<akap>Er erwachte.</akap>


<akap>Er ging hinter ihr, leise und vorsichtig. Er
schlich die Bäume entlang, ab und zu verbarg
er sich hinter breiten Stämmen, denn er fürchtete,
sie könnte sich furchtsam umdrehen und aufhorchen, ob er sie nicht verfolgt.</akap>


<akap>Er sah, wie ihr Schatten sich bei jeder Laterne verlängerte, dann wieder kürzer wurde und
ganz verschwand --- ach! Nur ihren Schatten
von der Erde losreißen zu können, dachte er,
ihren Schatten --- ihren Schatten...</akap>


<akap>Plötzlich richtete er sich auf mit jähem Entschluss. Sie erreichen, sie an die Hände fassen
--- ihr in die Augen sehen --- lange, durchdringlich
bis tief auf den Grund, ihre Hände in den seinen
zerknittern und sie fragen, nur das Eine: Du
hast mir den Strauß geschenkt?</akap>


<akap>Aber plötzlich bog sie um und verschwand,
bevor er es vermochte, seinen Entschluss auszuführen.</akap>


<akap>Er starrte lange in das dunkle Haustor hinein.</akap>


<akap>Einen Augenblick schien es ihm, als ob sie
in dem dunklen Flur stehenbliebe, sich an die
Wand anlehnte, dass sie auf ihn wartet und ihn
mit ihren Augen ruft --- das Weiß ihrer Hände
leuchtete auf, die Seide ihres Kleides rauschte,
aber nein --- er irrte sich.</akap>


<akap>Und er wollte todmüde nach Hause umkehren...</akap>


<akap>Eine schwere, unsagbar stille Trauer breitete sich über seinem Hirn, ergoss sich im Herzen, sog sich ein in das feinste Geäst seiner
Nerven.</akap>


<akap>Nie hat er noch diese Traurigkeit so quälend
empfunden.</akap>


<akap>Das Wunder war vollbracht.</akap>


<akap>Er liebt sie.</akap>


<akap>Und erschreckt fragte er sich: Das also ist
die Liebe?</akap>


<akap>Er setzte sich auf eine Bank nieder und
grübelte.</akap>


<akap>Und jäh schoss vor den Augen seiner Seele
ein heißer Strom von Frauengestalten, Frauen,
die er kannte, die er an sich presste und in wilder Blutfanfare eins mit ihnen wurde...</akap>


<akap>Die da, unergründlich, geheimnisvoll mit dem
schillernden Glanz schwerer Seide --- kauernd,
sprungbereit wie eine Pantherkatze ---</akap>


<akap>Jene mit den süßen Taubenaugen und unflätigem Herzen, sanft wie eine Gazelle und gierig
wie ein Raubtier ---</akap>


<akap>Oder jene, deren Leib so kühl war, wie der
einer Schlange, oder die Blätter der Wasserrose ---</akap>


<akap>Die wieder schlank und herrlich, ihrer eigenen
Pracht trunken ---</akap>


<akap>Oder jene mit den Formen eines göttlichen
Epheben, einer biegsamen Damaszenerklinge vergleichbar...</akap>


<akap>Sie alle hat er besessen, aber keine geliebt...</akap>
<akap>Er verließ sie ohne zu trauern und trauerte
nicht, wenn er verlassen wurde, und wenn er
seinen Lebensweg zurückblickte, sah er keine
gebrochene Blume am Rand --- kein gebrochener
und verwelkter Ast sagt ihm: hier hat ein Sturm
gehaust.</akap>


<akap>Dies also jetzt ist die Liebe, flüsterte er.
Die Stunde des Wunders ist gekommen.</akap>


<akap>Jäh warf er aus seinem Gehirn die lüsternen
Bilder brünstiger Hetären und unschuldiger Täubchen, gehässig sah er nach den verschwindenden
nackten Leibern, dem Chaos lustschreiender Arme
und Beine, den ersterbenden, zuckenden Orgien
trunkener Sinne und mit kindlicher Andacht
flüsterte er leise vor sich hin:</akap>


<akap>Die Stunde des Wunders ist gekommen, die
Stunde des Wunders...</akap>


<akap>Und er grübelte --- endlos...</akap>


<akap>Ja, er liebte sie.</akap>


<akap>Liebte sie, wie er einst den Lichtstrom geliebt, der sich in der Nacht über das Meer ergoss.</akap>


<akap>Er sah deutlich den riesenhaften granitnen
Leuchtturm, den er lange bewohnt hat, hoch
oben auf der höchsten Felsspitze eines Vorgebirges.</akap>


<akap>Und er entsann sich deutlich der seltsamen Formen des Felsens. Als ob eine himmelstürmende Woge plötzlich versteinerte in dem
Augenblick, als ihr spritzender, schaumgepeitschter Rücken bersten sollte, um sich in ein abgründiges Wassertal zu stürzen.</akap>


<akap>Und auf dem zerzausten, zerrissenen Kamm
der versteinerten Höllenhengst-Mähne schoss hoch
empor der granitne Turm.</akap>


<akap>Stundenlang saß er da oben an dem Herd
des elektrischen Lichtes, sah durch die riesengroßen Glasprismen der Laterne auf das ewig
neue Lichtwunder da unten auf dem Meer.</akap>


<akap>Er sah den Lichtstrom, wie einen Keil, der
sich über die Rinder goss in der weltenverlorenen,
stillen, dunklen Öde der Wasserflut in den Mondglanznächten.</akap>


<akap>Eine lichttrunkene Hand legte sich mit weichem
Glanz auf den Schoß der Geliebten, zerfloss auf
ihm, glitt auf und ab, wie verlangende, schweigende Lippen auf der zitternden Brust des geliebten Mädchens irren.</akap>


<akap>Ganze Nächte sah er dieser unendlich weichen,
zitternden Liebkosung zu, dieses Gleiten und Irren
dieser lichtdurchsättigten, traumbefangenen Hand.</akap>


<akap>Und wieder sah er, wie das Licht in die gerunzelte Flut goldene Fäden einwebte. Wie weit
das Auge reicht, nichts als das goldene Spinngewebe feinster Spitzen in unermesslichem Reichtum und Pracht --- das goldene Netz weitete sich
und weitete in immer größeren Kreisen und immer neue und reichere Fäden verstrickten, verknäuelten die Ringe, verfädelten sie zu immer
kunstvolleren Maschen und es war, als ob der
Leuchtturm lebendig würde, einer meerbeherrschenden Göttin, welche die Schleppe von goldenen Spitzen ihres hochzeitlichen Brautkleides
über das Meer gebreitet hatte.</akap>


<akap>Dann sah er das Licht des Leuchtarmes, wie
es sich in verzweifeltem Mühen in das dunkle Nebelgewölk hineinfraß. Immer neue, immer schwerere
Nebelmassen fielen auf das Meer nieder, immer dunkler, fingen sich an zu verdichten, bis sie zu einer
schwarzen, undurchdringlichen Mauer wurden.
Diese Feste stürmte das Licht. Mit mächtigen
Keilen warf es sich in das schwarze Mauerwerk,
suchte es mit Riesenkrallen zu zerreißen, mit
neuen und mächtigeren Strömen zu durchbrechen,
vom Meeresgrund zu lösen, aber vergeblich.</akap>


<akap>Aber am tiefsten liebte er das Licht, wenn
es in wilden Sprüngen auf dem Meer raste und
einen wahnsinnigen Veitstanz auf den schäumenden Wellenkämmen aufführte. Wenn die Fundamente des Leuchtturms krachten, als wären sie
von einem Erdbeben erschüttert, wenn der rasende
Orkan ungeheure Wassermassen gegen die Prismen
der Laterne warf --- dann weinte er vor unermesslicher Liebe für das Licht.</akap>


<akap>So, ach so, war das Licht, das ihre Augen
in seine Seele ihm hineingeschienen haben.</akap>


<akap>Weich und kosend, wie die weiße, leuchtende
Hand, die der Schoß des Meeres streichelte, verlangend mit der Lust schweigender Lippen, die
auf der keuschen Mädchenbrust irren --- zitternd
und spielend in dem goldenen Spitzengewebe,
dem hochzeitlichen Kleide, das sich über das
Meer breitete, stürmisch und verzweifelt in dem
ohnmächtigen Ringen mit den schwarzen Nebelwolken, schmerzverkrampft in dem Kampf des
Lichtdrachen mit dem Loki des Meeres.</akap>


<akap>Und im selben Nu, in der Stunde des großen
Wunders formte sich ihm die ganze Welt um.
Alle Formen und Gestalten kleideten sich in die
schlanke, biegsame Linienpracht ihres Körpers,
die ganze Sintflut von Farben, der ganze Lichtozean des Alls ergoss sich in einen dunklen,
heißen Glanz, der um ihre Augen kreiste, aus
dem unermesslichen Chaos von Tönen, Bewegungen, Harmonien vom Flüssigen und Festen
blühte auf ein wundersames Lied, ein Lied, das
sie war --- sie, die Einzige.</akap>


<akap>Dazu hat ihn die Erde geboren, dazu ihre
Gestalt in seine Seele eingezeichnet, damit sich
ihre eigenen Linien in der verkörpern, die er
suchte, sich in sie ergießen wie eine seit Ewigkeit vorbereitete Form?</akap>


<akap>Dazu ergoss sich in seine Augen das Wunder der Mondnächte über den öden Brachfeldern
und der Lichtschmerz über dem Meer und der
jauchzende, zitternde Sonnenglanz über den mittäglichen Heimatsdächern --- dazu brannten sich in
ihn hinein die Farben sonnverbrannter Steppen
und giftiger Sumpfblumen, damit nur ihr Augenlicht bis auf den Grund seiner Seele sich bohren
und dort sein Innerstes und Heiligstes aufwecken,
damit der Glanz ihrer Haare sich schmeichelnd
um seine Nerven legen, und der Ton ihres Körpers ungeahnte, nie gekannte Lust göttlicher Harmonie auf seiner Seelenharfe spielen könnte?</akap>


<akap>Und dazu ächzte und stöhnte seine Erde
diese unsäglich traurigen Klagen, dazu dröhnten
die Glocken bange Ahnungen, und auf dem Brachacker sang der Wind weltfremde Schmerzen in
den Takt der wogenden Weizenfelder, damit jede
Zuckung ihres Körpers, jede feine, biegsame Bewegungswelle mit der Form seiner Seele eins würde?</akap>


<akap>Er rieb sich die Stirn und konnte es nicht
fassen.</akap>


<akap>Dazu lebte alles um ihn herum, dazu bildete
und erzog sich seine Seele, um die Form zu
schaffen, welche die Unbekannte ausfüllen sollte?</akap>


<akap>Er erhob sich und ging.</akap>


<akap>Ein stiller Triumph ergoss sich in seiner
Seele.</akap>


<akap>Er ging stolz mit hochaufgerichtetem Haupt,
ging wie ein Heerfahrer in dem Gefühl eines
unendlichen Machtbewusstseins. Trug er ja doch
eine Sonne in seiner Brust --- das ganze All, die
tiefsten und geheimsten Rätsel des Alls.</akap>


<akap>Er ging still und groß, denn seine Seele
hat ihm ihre dunkelste Tiefe geoffenbart, ließ
ihm die geheimsten Runen, die in ihrer Rinde
eingegraben waren, deuten und er ging her mit
dem Schatz der Sonne in seinem Inneren.</akap>


<akap>Er ging immer schneller den steilen Pfad hinauf, aber er ging leicht, als wäre er durch eine fremde Kraft getragen, bis er endlich eine Anhöhe erklomm.</akap>


<akap>Er sah in die Tiefe --- dort unten in dem
Tal zu seinen Füßen --- dies wogende Meer von
Dächern, das in einem feinen Lichtdunst gebadet
schien --- das war seine Stadt.</akap>


<akap>Und in der Ferne hinter der Stadt ein Gebirgszug in gebogenen Linien, im Zickzack in
verbogenen Kurven: ein wirres Mäanderschema von
Hügeln, die sich nahmen, Anhöhen, jäh aufschreckenden Felszacken, schäumenden Wogen
vergleichbar, die aus der Tiefe des Horizontes hochspritzten, schäumten, sich übereinander hochtürmten; und alle Anhöhen waren mit Kastanienwäldern bewachsen. Grüne Kastanienberge mit
einer Schneedecke von weißer Blütenpracht. Hei!
Wie flackerte das weiße Totenkerzenlicht der
Blüten auf dem grünen Damast, der von dem Himmel
sich bis in die Stadt hinunter zu gießen schien!</akap>


<akap>Und plötzlich breitete sich sein Herz in
einem niegekannten Machtgefühl. Er wuchs in
den Himmel, er streckte seine Arme aus, ein
wildes Geschrei mühte sich in ihm hoch, um dem
Weltall die Sonne zu zeigen, die er in seinem
Herzen trug, er fühlte, dass er Licht ausstrahlte,
er ging wie von einer Lichtwoge umbraust, fühlte
dass er, über das Sein erhoben, seine Himmelfahrt
feiere.</akap>


<akap>Und wieder fiel er zusammen.</akap>


<akap>Sein Sinn schlug um.</akap>


<akap>Nach Hause!</akap>


<akap>Es wurde spät, die Laternen hat man ausgelöscht, und er ging in dem dämmrigen Halbdunkel der breitgeästeten Kastanienallee wie in
einem traumwirren Schlaf. Er ging und wusste
kaum, dass er geht.</akap>


<akap>Eine wütende Sehnsucht zerfurchte tief seine
Seele, es kochte und brodelte in seinem Hirn.</akap>


<akap>Und doch trug er sie in sich, die Sonne, du
Weltall --- dies alles barg sein Herz --- wonach
sehnte er sich noch?</akap>


<akap>Er lächelte still vor sich hin.</akap>


<akap>Ihr Gesicht so seltsam hell und durchsichtig,
ihre Augen so groß und erschrocken, ihre Gestalt so schlank und biegsam wie junges Schilf
im Frühlingswind...</akap>


<akap>Das Fieber zehrte an ihm.</akap>


<akap>Er kam nach Hause und warf sich auf das
Bett...</akap>


<akap>Die Macht erstarrte in der Luft. Die Macht
versteinerte, kein Lichtstrahl konnte sich durch
das schwere, granitne Nachtgewölbe durchstehlen,
das mit einem massigen, schwarzen Regenbogen
über der Erde lagerte...</akap>


<akap>In der dunklen Nacht schrien verzweiflungsvoll große Blumen nach der Sonne, verkrampften
sich in qualvollem Leiden, richteten sich wieder
auf, schossen jäh empor wie in den Konvulsionen
der Starrsucht, warfen sich zur Erde in Choreakrämpfen, bogen sich spiralförmig wie in den
Delirien der Besessenheit und ganze Felder
weißer Narzissen starrten in sinnloser Verzweiflung mit blutigen Augen vor sich hin.</akap>


<akap>Weiße Narzissen mit Augen, die brachen
und mit Blut übergingen, mit Blut, das auf den
Stengeln langsam niedertroff in großen schweren
Tropfen.</akap>


<akap>Und über dieser weißen Öde, gesprenkelt
von den roten Flecken blutiger Tränen, ragten
hoch empor zwei stolze, schlanke Stengel; zwei
weiße Sterne tanzten in der Luft, reckten sich
höher und höher, zerrissen mit trunkener Hoffnungslust das Dickicht des Dunkels, legten die
Köpfchen leise aneinander und ihre Augen verflochten sich in dem Schweigen heiliger Ahnungen.</akap>


<akap>Er sah lange die einsamen Blumen, lächelte
leise und ging weiter.</akap>


<akap>Er arbeitete sich mühsam durch ein Dickicht
von ungeheuerlichsten Blumen, die jegliches Gift,
jegliche Fäulnis der Erde in sich aufzusaugen
schienen.</akap>


<akap>Er irrte zwischen nassem Sumpfgestrüpp,
unter riesengroßen Nachtschattenblumen, die in
violettener Trauer prangten, ging an ungeheuren
Tollkirschenhecken, überreich an schwerer, wie
gebeiztes Ebenholz glänzenden Traubenlast, Bilsenkrautgebüschen, die mit ihren schmutzigen
aschfarbenen Blüten mitternächtlichen Graus
schrien, blasser Schirlingwald vertrat ihm den
Weg, an den Gräben schreckten ihn die vom
grauen Star überzogenen Augen des Stechapfels,
die hohen Stauden des Tollkrauts schlugen ihm
ins Gesicht, es blendete ihn der Hahnenfuß, der
in der roten Glut des Almfeuers brannte.</akap>


<akap>Und tiefer und tiefer arbeitete er sich hinein in dies schauerliche Giftreich, bis er plötzlich in tiefstem Schreck stehenblieb.</akap>


<akap>Von allen Seilen verengerte sich der Raum,
von weiter Ferne schien er heranzurasen, machte
immer mehr den Platz um ihn enger und schmäler,
umringte ihn mit einer Mauer und er sah sich
plötzlich in einem geheimen Saal, von der Art
eines Tempels von Eleusis, wo seltsame Mysterien gefeiert wurden oder einem Geheimraum des
Isisheiligtums, wo die Priesterin ihren Hymen
dem gottgeweihten Bock, opferte, oder einer von
der Göttin Kali bewohnten, unterirdischen Grotte,
wo die Thuggs den Opfern von giftigen Schlangen
das Augenlicht aussaugen lassen --- vielleicht
war er in einer verfallenen Katakombe, wo der
Satan mit der Bifurka seines Phallus seine Geliebte in unmenschlicher Brunst verbluten ließ,
oder einer Krypta einer mittelalterlichen Kapelle,
wo gottschänderische Priester auf dem nackten
Leib der Schlossherrin die schwarze Messe feierten...</akap>


<akap>Erstaunt und schreckerfüllt sah er sich um.</akap>


<akap>Von der Wölbung hing eine Lampe herunter,
dichtbesetzt von Rubinen, menstruierenden Eiern
vergleichbar, faustgroßen Diamanten von dem
blassen Licht eines Ödems, kostbaren Steinen,
die wie Sarkomeklumpen an der Lampe hafteten,
Onyxe, Berylen, Chrysolithen --- und durch das
giftige Wasser des kranken Edelgesteins ergoss
sich eine Flut von Licht verreckender Rubinsonnen durchglüht von dem grünen Irrlicht-Golfstrom der Smaragde.</akap>


<akap>Und in dem grausigen Zauber des Lichtes,
das einst vielleicht die fieberkranke Erde bei
ihrem Werden in die sinnlose Zeugungsbrunst
peitschte, da sie noch kochte und überschäumte
von Feuer und Esse, erblickte er längs um die
Mauer ein seltsames Ornament, das das Gesims
bildete.</akap>


<akap>Ein und dasselbe weibliche Gesicht mit einem
immer neuen Ausdruck, immer neuer Trauer,
Verzweiflung, Leidenschaft, Gier, Verlangen...</akap>


<akap>Das war ja ihr Gesicht und das unendliche
Lied ihrer Seele, dachte er erstaunt.</akap>


<akap>Er sah sie rein und unschuldig wie ein Kind
mit den Augen einer weißen Tuberose --- still
wie der Abglanz blasser Sterne im dunklen Strom
--- weich wie das Echo einer Hirtenflöte in der
Frühlingsnacht, durchsättigt von dem berauschenden Fliederduft ---</akap>


<akap>Dann wieder traurig und gramvoll, wie die
Blüte einer schwarzen Rose in der erstickenden
Julihitze --- (nur ab und zu entreißt sich aus der
Seele ein wilder Schrei, wie der geborstene Klang
eines übermächtigen Akkordes, der die sonnverbrannten Graswogen der Steppe durchfurcht) ---</akap>


<akap>Dann wieder jäh und verlangend, wie die
Blüte des Mohns, die in der Wollust der Hingabe
erstirbt: als ob sich durch das traumschwere,
lustheiße Weh von neuem eine Schlange gieriger,
heißer Töne, die Lustqual und Gier atmeten, hindurchschlänge.</akap>


<akap>Einmal sah er ihre Augen schwimmend in
dem Nebel des Rausches, dann wieder frech und
ausgelassen, als wären sie umfangen von dem
Gift des indischen Hanfes --- in einem Gesicht
sah er ihren Mund wie die geöffnete Blüte einer
mystischen Rose, dann wieder aufgequollen in dem
Schrei eines geöffneten Orchideenkelches --- stolz
und unzugänglich wie die Blüte einer Aglaophotis
und verächtlich wie Löwenmaul...</akap>


<akap>Eine endlose Reihe von Köpfen --- eines und
desselben Kopfes --- in allen Ausdrücken in ewig
neuem Wechsel und Veränderung: eine unendliche Skala von Trauer von dem ersten Erzittern
der Sehnsucht bis hinab in den tiefen Strudel
irrsinniger Verzweiflung --- das ganze endlose
Liebeslied von dem ersten Aufzucken des Herzens, der die Adern mit Blut überströmt durch
alle Liebesglut, durch alles unwissende, gierige
Verlangen bis hinab in die Hölle von Brunst,
die nie gesättigt, durch nichts gestillt werden
kann --- der ganze Sturm des irrsinnigen Liebeserotismus von dem ersten Aufkeimen des Lustgedankens, der, einer giftigen Spinne gleich, das Hirn umstrickt bis in jenes düstere, gellschreiende
qualächzende Chaos hinab, wo die Seele sich selbst
verliert, zerbirst und in Scherben auseinanderspringt.</akap>


<akap>Und plötzlich: Alle diese Köpfe begannen,
sich von der Wand loszulösen und wurden lebendig, sie fingen an, sich zu formen und Gestalt
anzunehmen --- Arme, wollüstige, wollustgespannte,
trunkene, schreiende Arme streckten sich ihm
entgegen, nackte Weibergestalten drangen aus
den Wänden heraus, stiegen zu ihm herab, warfen sich auf ihn, umwälzten ihn mit der Flut
gierigen, abgrundtiefe Lust versprechenden Leibern --- ein höllisches Lachen, Weinen, Ächzen,
Kreischen tobte in dem Saal, brach sich an den
tausend Ecken und Kanten des seltsamen Saals
--- keuchende Arme schlangen sich um ihn, warfen ihn auf und nieder, er erstickte in der wahnsinnigen Fleischeshysterie in dem tollwütigen
Orgiasmus einer entfesselten Höllenbrunst. Rings
um ihn eine grausige Orgie von verflochtenen
Gliedern, die sich voneinander nicht losreißen
konnten in den schreienden Spasmen einer grässlichen Kopulation, die entsetzlichsten Bilder der
widernatürlichen Unzucht rollten sich von seinen
Augen, es raste der wahnsinnige Sabbat von Blut
und Sperma.</akap>


<akap>Und in einem Nu verschwand alles.</akap>


<akap>Er sah sie aufs Kreuz gespannt in der ganzen Pracht ihrer Nacktheit. Um ihre Arme wanden sich goldene Schlangen, ihre Knöchel waren
umwunden von goldenen Schlangen und um ihre
Hüften ein breiter goldener Gürtel, den auf dem
Nabel eine Spange schloss, eine kostbare Lotosblume, funkelnd vom seltensten Edelgestein. Sie
sah ihn an mit halbgeschlossenen Augen --- hinter den langen Augenwimpern krochen hervor
lüsterne Schlangen lockenden, schmeichelnden
Flüsterns --- sie wiegte sich wollüstig auf dem
Kreuz, ihr Schoss zuckte, ihre Brüste streckten
sich ihm entgegen, heiß und saugend klang ihre
Stimme:</akap>


<akap>Erinnerst du dich, wie mein Vater mich nackt,
voll von Scham und Angst vor deinen Thron geschleppt hat?</akap>


<akap>Denkst du noch, als du auf dem Thron, zitternd, lustschreiend saßest und nach mir deine
Arme strecktest?</akap>


<akap>Ich war rein wie eine Lotosblume, da sie
den Gott gebar --- du hast die heilige Lampe
meiner Seele zerschlagen, du hast ausgegossen
die Glut, die in meinen Adern gefesselt war,
meine Seele hast du mit dem Gift des Verlangens
und wilder Lustträume zerfressen, um mich dann
kreuzigen zu lassen.</akap>


<akap>Ihre Stimme gellte auf in keuchender Leidenschaft:</akap>


<akap>Erinnerst du dich, als deine Eunuchen goldene Nägel in die weißen Lilienblüten meiner
Arme trieben --- Blut spritzte in heißen Strahlen
und ich habe dich gehöhnt, ich spie Flüche und
Verwünschungen in dein Gesicht, ich biss deine
Seele mit dem Gift meiner Rache...</akap>


<akap>Komm, komm, da armer Sklave des Blutes,
das du in die Raserei des Irrsinns gepeitscht hast,
in meine Umarmung, die du nie gekostet hast
--- komm in die Hölle und die Unzucht, die du
in mir entfesselt hast --- du hast mich gekreuzigt
und wälzest dich im Staub vor mir...</akap>


<akap>Kriech doch näher heran --- näher noch!
Leck doch meine Füße, dass sie sich krampfen
in der Fieberglut deiner Lippen --- oh --- noch ---
kräftiger, inbrünstiger noch!</akap>


<akap>Er kroch an sie heran...</akap>


<akap>Und ein grässlicher Schrei: Oh, Astaroth,
Astaroth, Mutter der Hölle und der Unzucht!</akap>


<akap>Aber im selben Nu umgoss seine Stirn der
Atem, ein unendlich reiner, heiliger und keuscher
Atem von stillen Lilienhänden...</akap>


<akap>Er hatte Angst, seine Augen aufzumachen ---
er fürchtete, es sei wieder ein Traum --- diesmal
ein heiliger Traum des Ewigen...</akap>


<akap>Spurlos verschwand der höllische Spuk und
Graus, er fühlte wie ihre Hand über seine Stirne
strich, wie sie ab und zu mit stillen, keuschen Lippen
ihm die Augen schloss, und die Seide ihrer Haare
mit kosender Gnade über seine Arme sich ergoss.</akap>


<akap>Er fühlte ihre Hand in der seinen, er sah
zwei Sterne ihrer Augen, die niegekannte Seligkeit in sein Herz hineinleuchteten...</akap>


<akap>Ja, das ist sie --- sie --- die Todesstille, die
Keusche, die Heilige --- die ist es, die ihm einst
den Blumenstrauß geschenkt hat...</akap>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>Es war schon spät am Mittag, als er todmüde
und fieberkrank von dem Bett sich mühsam aufraffte.</akap>


<akap>Warum meidet sie mich, warum flieht sie
vor mir! dachte er verzweifelt.</akap>


<akap>Seine Gedanken verwirrten sich, tausend
Pläne, tausend Beschlüsse kreuzten sich in seinem
Hirn und tausend Blitze glitten über seine Seele,
bis er endlich erschöpft auf den Stuhl sank.</akap>


<akap>Nichts konnte er verstehen.</akap>


<akap>Er durchdachte seine ganze Qual, sein Rasen
und Irrsinn, die er durchlitten, seit sie ihm die
Blumen geschenkt hat.</akap>


<akap>Der Schmerz stieg in ihm hoch und ein
wilder Hass.</akap>


<akap>Aufs Kreuz lasse ich sie anschlagen, ans
Kreuz! wiederholte er mit irrem Lächeln.</akap>


<akap>Er schloss die Augen und weidete sich an
der Todesangst seiner Sklavin:</akap>


<akap>In einem riesigen Palasthof, irgendwo in Sais
oder Ekbathana.</akap>


<akap>Rings standen seine Krieger in schwerer silberner Rüstung und goldenen Helmen --- die
Schuppen ihrer Brustwehr funkelten im blendenden Glanz, und ihre Augen blitzten mit der blutdürstigen Gier wilder Raubtiere.</akap>


<akap>Dreimal erschollen die Trompeten: in den
Palasthof schleppten die Eunuchen die arme
Sklavin.</akap>


<akap>Sie war irre vor Todesangst, ihre Lippen
bluteten, sie keuchte vornüber, fiel rückwärts
hin, die schwarzen Sklaven packten sie an den
Armen und schleiften sie über die von der Sonnenglut versengten Fliesen an den Fuß des Kreuzes...</akap>


<akap>Der König schloss die Augen und gab das
Zeichen.</akap>


<akap>Sie warfen sie hoch auf das Ebenholz des
Kreuzes, der Henker erfasste ihre Hände, ein
Sklave hielt sie fest um die Hüften, und man
hörte das Klopfen des Hammers...</akap>


<akap>Aber im selben Augenblick brüllte der König
auf wie ein wildes Tier in der Tollwut.</akap>


<akap>Er riss sie vom Kreuz herab, hielt sie wie
ein Kind in seinen Armen, über sein Kleid rann
das Blut aus ihren Wunden, er küsste die Wunden und trank das Blut --- die Sklaven, die sie
anzurühren wagten, ließ er vierteilen, machte
aus ihr eine Gottheit und ließ ihr Opfer bringen...</akap>


<akap>Ja, ja... sie war sein Gott und sie sollte
von der ganzen Welt fußfällig verehrt werden...</akap>


<akap>O Gott, wie er seine Sklavin liebte, er ---
ihr untertänigster Sklave!</akap>


<akap>Und warum sollte er sich so quälen?</akap>


<akap>Er beschloss jetzt plötzlich, sie aus seinem
Herzen herauszureißen --- nie mehr an sie denken --- die Blumen hinauswerfen und das rote
Band, das ihn immer so qualvoll an sie erinnerte...</akap>


<akap>Aber als die Dämmerung kam, lief er vor
das Haus, in dem sie ihm gestern verschwunden
war und wartete...</akap>


<akap>Endlich erblickte er sie, wie sie aus dem
Tor trat --- sie sah rings um sich, aber ihn hat
sie nicht gesehen.</akap>


<akap>Er ging leise hinter ihr her.</akap>


<akap>Um sie nur nicht zu verscheuchen, dass sie ihm
nicht plötzlich aus den Augen verschwände! Kaum
wagte er zu atmen.</akap>


<akap>Sie ging schnell, als fühlte sie, dass jemand
hinter ihr sich leise schlich --- immer schneller
--- in der dämmrigen Allee heißblühender Akazienbäume flackerte der weiße Schein ihres Kleides wie ein Irrlicht zwischen den Rohrstauden
auf einem dunklen Sumpf.</akap>


<akap>Jetzt war er schon ganz sicher, dass er sie
aus seinen Augen verlieren würde, schnell trat er
an sie heran, halb bewusstlos und wusste kaum,
was er tat.</akap>


<akap>Sie blieb im tiefsten Schreck stehen und sah
ihn sprachlos an...</akap>


<akap_dialog>--- Ich hatte Angst, Sie aus den Augen zu
verlieren --- sagte er endlich --- Sie gingen so
schnell...</akap_dialog>


<akap>Er atmete schwer und schwieg.</akap>


<akap>Sie gingen langsam nebeneinander.</akap>


<akap>Er kam ins Gleichgewicht:</akap>


<akap_dialog>--- Ich weiß nicht, wie ich es gewagt habe,
Sie aufzuhalten, aber in dem Augenblick, als ich
Ihnen den Weg vertrat, wusste ich nicht, was
mit mir geschieht...</akap_dialog>


<akap>Er schwieg eine Weile, dann sprach er schnell,
kurz abgerissen, hastend und eindringlich, als ob
er sich nur die schwere Last vom Herzen endlich
abschütteln wollte:</akap>


<akap_dialog>--- Sie wissen nicht, wie ich Sie gesucht
habe. Tagelang irrte ich auf allen Straßen
herum, in allen Kirchen, in den Gartenanlagen
und Alleen, um nur einen Blick von Ihnen zu erhaschen --- einen Blick nur, nein, nur seinen
fernsten Glanz, den geheimsten Atemzug von
Ihnen. --- Ich kannte Sie nicht, nie früher habe
ich Sie gesehen, ich wusste nur das eine, dass
ich Sie unter Millionen von Frauen finden
werde. Die, die mir den Blumenstrauß geschenkt hat, die mir ihr Augenlicht in meine
Seele hineingeküsst hat, kann nur so aussehen
wie Sie.</akap_dialog>


<akap>Sie ging immer schneller und er flehte und
flüsterte heiß:</akap>


<akap_dialog>--- Oh, wie ich dich liebe, du meine göttliche
Sklavin. Meine Erde bist du und mein Lied,
alles bist du, was in mir tief und rein ist...
Ich trage dich in mir wie eine heilige Sonne
--- in dem Abgrund meiner Seele leuchtest du
wie der Abglanz eines mächtigen Sterns in dem
Sturm der Ozeane --- deine Augen wie zwei
Tuberosensterne, und jede Nacht schlingst du um
mich die biegsamen Weidenäste deiner Glieder...</akap_dialog>


<akap>Sie blieb zitternd stehen und ließ den Kopf
tief sinken.</akap>


<akap_dialog>--- Wie oft hielt ich dich in meinen Armen,
wie oft habe ich mit unendlicher Liebe dein
Gesicht gekost, wie oft deine Augen geküsst,
dich auf meine Brust hochgeworfen und aus deinen Lippen göttliche Lust gesogen!</akap_dialog>


<akap>Er fasste sie am Arm. Sie zitterte wie ein
Herz, das frisch aus der Brust gerissen wird.</akap>


<akap_dialog>--- Sag mir doch ein Wort, nur ein Wort.
Ich weiß, dass du mich liebst, dass du mich
lieben musst, denn, wer solche Blumen schenkt,
der muss lieben.</akap_dialog>


<akap>Du wusstest gut, dass du dich selbst mir
schenktest, als du mir die Blumen gabst.</akap>


<akap>Wieder schwieg er, sah sie nur an voll flehender Angst.</akap>


<akap>Sie antwortete nicht, entzog ihm ihre Hand
und ging still weiter.</akap>


<akap_dialog>--- Sag doch nur ein Wort, flehte er. Wenn
du willst, werde ich nie mehr ein Wort an dich
richten --- erlaub nur, dass ich dir von ferne
folge, dass ich ab und zu deinen Blick erhasche, dass ich deine Gestalt, die Musik deiner
Schritte, die endlose Harmonie deiner Bewegungen
koste...</akap_dialog>


<akap>Erlaub es mir, du weißt nicht, wie ich
mich quäle, was für wahnsinnige Träume mich
in Irrsinn peitschen --- sag nur ein Wort ---
sag wenigstens, dass ich von dir Weggehen
soll...</akap>


<akap>Er verwirrte sich immer mehr, stotterte,
stockte, quälte sich unsagbar, verwickelte sich
und vergaß, was er ihr sagen wollte.</akap>


<akap>Tränen flossen langsam über ihr Gesicht,
aber kein Aufzucken, keine Muskelbewegung
verriet, dass sie weinte. Sie weinte still das
Blut ihres Herzens aus, sie weinte, wie eine
Möwe weint, die den Weg verloren hat, sich
schmerzlich zurücksehnt und --- nicht zurückkann.</akap>


<akap>Eine ganze Welt fühlte er in sich krachend
zusammenfallen. Eine wüste, hoffnungslose Trauer
umfing sein Herz --- er ging neben ihr wie in
der Stunde des Untergangs, da die Sonne auf
ewig verlischt, und die ewige Nacht sich über
der Erde schauerlich wölbt.</akap>


<akap>Er ging, als ginge er an das Ende der
Welt, um sich hinüberrudern zu lassen an das
geheime Ufer schattenloser Bäume, erstorbener,
kalter Friedhofsluft, in der unbewegliche Vögel
mit leblos ausgebreiteten Fittichen ruhten.</akap>


<akap>Etwas von ihm ergoss sich in sie hinein
--- vielleicht empfand sie dieselbe grenzenlose
Trauer, dasselbe Vorgefühl der ewigen Öde und
Stille des Todes, sie erschauerte, schob ihren
Arm unter den seinen und presste sich leise an
ihn...</akap>


<akap_dialog>--- Ich habe Angst! flüsterte sie leise.</akap_dialog>


<akap>Sie sahen sich an im tiefsten Schreck ---
Der Atem stockte in ihrer Brust in der Erwartung eines Etwas, das mit dem Jüngstengerichtschrecken über sie kommen sollte.</akap>


<akap>Und im Nu wälzte sich über seine Seele
mit einer grässlichen Flut von Qualen sein
Golgatha der letzten Tage. Ein wilder Zorn
brandete in seinem Hirn, er packte sie wütend
an den Händen, presste sie mit eisernem Druck
und schrie wütend:</akap>


<akap_dialog>--- Ans Kreuz lasse ich dich schlagen! Ans
Kreuz, ans Kreuz!</akap_dialog>


<akap>Sie stand einen Augenblick bebend vor Schreck,
zitterte wie Espenlaub, dann entwand sie sich
seiner wütenden Umarmung und lief im rasenden
Lauf dahin.</akap>


<akap>Er sah sie fliehen, aber die ganze Welt fing
an in seinen Augen zu kreisen, Blitze schossen
in das Dunkel hinab, eine Sonne stürzte krachend
in die Tiefe...</akap>


<akap>Lautlos, als hätte ihn jemand mit unsichtbarer Sense gestreckt, fiel er zu Boden...</akap>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>Es vergingen viele Tage und Nächte.</akap>


<akap>Er hatte sich eingeschlossen und ließ niemanden zu sich ein.</akap>


<akap>Er hatte Angst auf die Straße zu gehen,
denn er wusste, dass er sie treffen würde und
er wusste, dass auch sie ihn suche, dass sie
herumirre und ihn suche, wie er sie gesucht
hatte. ---</akap>


<akap>Und wenn es wieder dämmerte, und er ausgehen musste, dann schlich er langsam an den
Häusern und an Alleebäumen entlang. Jedes geringste Geräusch ängstigte ihn, der Widerhall
von fernen Schritten schreckte ihn hoch, denn
alles, was ihn umgab, eine ganze Welt von Gedanken und Erinnerungen, die ganze Welt hinter
ihm war sie.</akap>


<akap>Er wusste nicht, weswegen er sich so ängstigte. Er fühlte nur, dass, wenn er sie wiederträfe, sich etwas Fürchterliches ereignen müsse.</akap>


<akap>Und nie hat er sich nach ihr so gesehnt;
nie sich so gequält.</akap>


<akap>Wenn die Welt taub wurde in unermesslicher Stille, aus den Sternenkelchen die leise
Gnade des Lichtes aufblühte und sich niedergoss,
wenn zwischen dem Geäst der Kastanienbäume
die Trauer des Mondes blutete --- dann ach!
dann streckte er im verzweifelten Schrei die
Hände nach ihr, seine Seele erstarb im wilden
Krampf, und er kroch zu ihr, denn es war ihm,
als müssten die Entfernungen weichen und sie,
umströmt von dem köstlichen Duft der herrlichsten Blumen, die er in seinen Träumen erlebte,
umkleidet von dem überirdischen Zauber blauer
Himmelspracht werde zu ihm niedersteigen und
mit ihren leuchtenden Händen seine fieberkranke
Stirn pressen, ihn an sich ziehen und streicheln
und küssen...</akap>


<akap>Oder anders: sie werde über ihn niederströmen mit der unfassbaren Gnade der Stille und
Ruhe, werde sich in ihm ergießen mit dem Vergessen und in seiner Seele das hohe Lied weißer
Träume anstimmen.</akap>


<akap>Anders noch: Sie wird über ihn kommen
mit dem gedämpften Widerhall ferner Glocken,
die in seiner Seele ihm die grünen Teppiche seiner Muttererde breiteten, das Herz ihm trunken
machen an dem Glanz herrlicher Kindheitserinnerungen, als er noch auf dem Schoß der Mutter
die Wunder träumte, die in der jungfräulichen
Brust schlummern, auf das Lied horchte, das ihm
der heimatliche See in der gespenstigen Mitternachtsstunde sang und zu den Vögeln hinaufsah,
die über den geheimnisvollen Gräbern regungslos
ihre schweren Flügel breiteten und in Gärten
herumirrte, kostbar von schwarzen Bäumen, an
denen ungeheure Dolden von schweren goldenen
Blüten herabhingen.</akap>


<akap>Er sehnte sich nach ihr und er hatte sinnlose Angst, sie wiederzusehen.</akap>


<akap>Einmal glaubte er sie durch das Fenster zu
sehen. Sie presste ihr Gesicht an die Scheiben
und sah ihn an mit Augen wie ein ersterbendes
Doppelgestirn.</akap>


<akap>Das war ein Schmerz, der keine Kraft mehr
hatte aufzuschreien oder zu stöhnen. Nur ein
veräscherter, sterbender Feuerscheit auf dem
Herd. Nur das letzte Aufprasseln der Totenkerzen am Katafalk, von dem man bereits den
Sarg geborgen hat. Nur das letzte Aufatmen vom
Wind, der auf die Erde niederfiel und gebrochen
durch die herbstlichen Stoppelfelder hinkeucht.</akap>


<akap>Er sah hin im tiefsten Schreck, wich zurück
--- nur die Augen blieben schmerzlich haften an
dem durchsichtigen Gesicht und ihrem verendenden Doppelgestirn. Er stützte sich zitternd an
der Wand, wie ein Totenlaken flog etwas an seinen Augen vorüber --- und alles verschwand plötzlich --- mit unsagbarer Angst starrte er in die
tiefste Nacht der Vorstadt.</akap>


<akap>So vergingen Tage und Nächte.</akap>


<akap>Bis endlich der Schmerz brach und er die
kranke Sehnsucht überwältigte.</akap>


<akap>Er musste ihr nur noch etwas zum Abschied
sagen, sein letztes Lied herausschreien.</akap>


<akap>Als er auf die Estrade trat, sah er niemanden. Er fühlte nur den heißen Atem einer tausendköpfigen Menge. In seinen Augen flimmerte
das grüne Licht riesiger Leuchter, eine Sekunde
lang erzitterte sein Gehirn mit dem Gedanken
an sie --- er wollte hinsehen, wo sie saß, wo
sie sitzen musste, er fühlte ihren Blick flackernd
auf sich irren, aber plötzlich verschwamm alles
und eine unsagbare Ruhe breitete sich in seiner
Seele aus.</akap>


<akap>Die Ruhe und Stille vor der Schöpfung.</akap>


<akap>Unter seinen Händen strömte ein übermenschlicher Gesang:</akap>


<akap>Er saß auf dem Golgatha zu den Füßen
der aufs Kreuz gespannten Menschheit. Wie ein
Orkan wälzten sich über seine Seele Jahrhunderte
von Qualen und grässlicher Martyrien, eine ganze
Ewigkeit von Verdammnisleiden, zuckender Schreie
nach Erlösung; höllischer Flüche und heulender
Krämpfe nach einer Sekunde von Glück. Das
ganze Leben des Seins feierte in seiner Seele eine
düstere Messe voll entsetzlichen Grauens ---</akap>


<akap>So saß er zu Füßen des Kreuzes und starrte
in die finstere Nacht, über ihm die Sonne, mit
schwarzem Flor umhängt.</akap>


<akap>Er schlug mit rasender Faust gegen die
Himmelspforten, fluchte dem Schicksal, dass ihn
leben, sich in Not wälzen, sich mit Ekel und
Abscheu bespeien und tief in der Hölle ewig
hungriger Dämonen der Sinne verfaulen ließ.</akap>


<akap>Ohnmächtige Wut der Rache heulte in seinem Gehirn, ohnmächtiges Verlangen nach Vergeltung kochte in seinem Blut, und aus der heiseren Kehle riss sich ein grässlicher Schrei
heraus: Wo ist das Ende, und wo der Anfang?
Wo ist die Ursache, wo das Ziel?!</akap>


<akap>Er ging mit dem irren Stern auf der Stirn
und führt mit einer blutigen Fackel eine kranke,
entsetzte, vor Furcht bebende Menge hinter sich.
Durch das Dickicht der tiefsten Nacht arbeitet
er sich blutüberströmt hindurch unter allen gespenstischen Schrecken hinab in die unterirdischen Gänge, wo unbekannte, erträumte, dunkel
geahnte Schätze verborgen liegen. Er geht voran,
stolz und unzugänglich, aber sein Herz zerwühlt
die Angst und Verzweiflung: werde ich sie finden können? Ich habe sie der Menge versprochen, --- wie lange werde ich noch herumirren?</akap>


<akap>Und im Nu war er das Allsein, das in
Millionen von Sternen zerbarst, in Milliarden von
Getiergattungen sich verkörperte und wieder zu
einer Einheit in ihm wurde: eine Unendlichkeit
von Gefühlen, eine Unendlichkeit von Schöpfungen
und Erden.</akap>


<akap>Eine ungeheure Sonne trug er in seiner Brust,
ging, flog in die Höhe. Höher und höher, verlor
das Bewusstsein seiner Allmacht, seines Willens
und Seins --- weiße Flügel breitete er von einem
Pol zum anderen und schwebte in schwerem
Grübeln über der Welt.</akap>


<akap>Es brach der Zorn und der Schmerz des
Lebens --- das Leiden erstarrte und die Sehnsucht,
denn in der Dämmerungsstunde schlief die Erde.</akap>


<akap>Und in der Tiefe wogen die Getreidefelder
in träumender Trunkenheit, und in der Tiefe
dämmert gespenstisch das öde Brachgefilde, und
in der Tiefe schrecken auf dunklen Sümpfen
flackernde Irrlichter --- ach --- in der Tiefe breitet sich in dem schwarzen Abgrund des Sees der
Himmel und aus seinem Grund blühen herauf
blasse Sterne und weben auf der glatten Fläche
den stillen Zauber versunkener Kirchen...</akap>


<akap>Sehnsucht umfing schwer und drückend sein
Herz.</akap>


<akap>Und wieder schritt er dahin, er, der erdgeborene Sohn, ging voran mit dem heiligen Glauben, dass er die Erlösung bringt, aber mit tiefstem,
traurigsten, weltvergessenen Schmerz wusste er,
dass man ihn werde kreuzigen lassen...</akap>


<akap>Er schleppte sich seinen Todesweg hin mit
blutenden Füßen, blutiger Schweiß trat ihm auf
die Stirn und in seiner Brust eine Gehenna von
Qualen...</akap>


<akap>Er fühlte, dass er etwas auf den Armen trage,
er trug es andächtig und mit unendlicher Sorgsamkeit --- aber er sah niemanden...</akap>


<akap>Und plötzlich, etwas wie das Rauschen eines
Kleides im Zimmer --- wie das Leuchten eines
heißen, verlangenden Augenpaars.</akap>


<akap>Er schrak hoch.</akap>


<akap>Nein, nein --- das war kein Traum.</akap>


<akap>Kein Traum mehr!</akap>


<akap>Sie war es, sie, leibhaftig sie!</akap>


<akap>Sie stand an der Wand und atmete tief.</akap>


<akap>Sie sahen sich an, erschreckt, stumm, zitternd.</akap>


<akap_dialog>--- Ich bin zu dir gekommen, flüsterte sie ---
ich bin gekommen, die Sehnsucht und das Verlangen zerfraßen meine Seele.</akap_dialog>


<akap>Und sie sank in seine Arme.</akap>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>O Stunde gottestrunkenen Glücks, Stunde
des Wunders, in der zwei Seelen ineinanderfließen!</akap>


<akap_dialog>--- Hast du Angst vor der Sünde? fragte er
sie heiß und zitternd.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Ich liebe die Sünde, ich liebe die Hölle
--- mit dir --- mit dir...</akap_dialog>


<akap>Und sie warf sich in seine Arme besinnungslos --- weltvergessen...</akap>


<sekcja_asterysk/>

<akap>Und er sprach zu ihr:</akap>


<akap_dialog>--- Ich wusste nicht, was Glück bedeutet,
jetzt weiß ich es.</akap_dialog>


<akap>Mit dir koste ich das Glück und heilige
unerschöpfliche Lust.</akap>


<akap_dialog>--- Die Stunde des Wunders hat sich erfüllt,
lachte sie mit leisem, irren Lächeln.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Nie konnte ich ein Weib mit mir verschmelzen, flüsterte er innig --- du strömst in
meinen Adern wie ein goldener Golf von Sonnenstaub.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Die Stunde des Wunders, die Stunde des
Wunders! wiederholte sie leise in bebender Verzückung.</akap_dialog>


<akap>Stille.</akap>


<akap_dialog>--- Warum weinst du? er erschrak.</akap_dialog>


<akap>Sie streichelte sein Haar, sie nahm sein
Gesicht in ihre kleinen Hände, presste sich noch
heftiger an ihn, umfasste seinen Hals mit den
Armen und wieder irrten ihre weißen Finger in
seinem Haar.</akap>


<akap_dialog>--- Warum weinst du?</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Vor --- Glück! sie schluchzte leise.</akap_dialog>


<akap>Und er umfing sie mit zitternder, gottseliger
Liebe, flüsterte ihr die heißesten Worte zu, unablässig dieselben Worte in irren Sätzen, er
wiegte sie hin und her und wiegte, wie man ein
Kind in liebenden Armen beruhigt.</akap>


<akap>Sie weinte nicht mehr.</akap>


<akap>Sie pressten sich eng aneinander, wie sich
zwei Kinder im frischen Heuschober aneinanderschmiegen, wenn über ihnen ein wütendes Gewitter
rast und der Himmel schwere Blitze über die
Erde sät.</akap>


<akap_dialog>--- Ist dir gut so?</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Oh mein Geliebter, mein Einziger --- du,
du...</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Dein, dein! wiederholte er unaufhörlich.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Jetzt bleiben wir immer zusammen? fragte
er mit tiefster Angst.</akap_dialog>


<akap>Sie antwortete nicht, nur unablässig durchzuckten sie heiße Schauer...</akap>


<akap_dialog>--- Ich werde den Kreuzweg antreten, ---
ans Kreuz lasse ich mich nageln. --- In der
Stunde des Wunders hat sich mein Leben erfüllt ... Frag nicht, nimm mich, press mich
noch fester in dich hinein --- fester noch ---
töte mich!</akap_dialog>


<akap>Langes, schwüles Schweigen.</akap>


<akap>Und wieder sprach er zu ihr:</akap>


<akap_dialog>--- Erinnerst du dich, wie ich dich in furchtbaren Stürmen durch den Urwald trug? Der
Himmel schien auf uns niederzustürzen --- um
uns tanzten grüne Reifen von Blitzen, mächtige
Äste der Kokospalmen barsten mit dem Krachen
und Schreck einfallender Gewölbe und verlegten
uns den Weg mit einer immer höher anwachsenden Mauer, ab und zu zerspaltete der Blitz einen
tausendjährigen Stamm, so dass die Scheite um
den Wurzelboden sich rings neigten und zu Boden
fielen wie riesige Blätter von dem Kelch einer
welkenden Blume. Der Orkan warf uns hoch
und wieder zu Boden, wir stolperten, fielen,
schlugen uns wund an den Bäumen, aber ich
riss mich wieder auf, fiel, kroch auf den Knien
weiter, kletterte über die Haufen gebrochener
Äste, über die toten Leiber der Urbäume, aber
ich ging, denn ich trug dich auf meinen Armen,
und das Gewitter des Verlangens, das in mir
tobte, war stärker als alle Gewitter, die jungfräuliche Urwälder vom Boden wegfegen.</akap_dialog>


<akap>Sie antwortete nichts.</akap>


<akap_dialog>--- Und erinnerst du dich, wie ich mit dir
floh durch den Brand lichterloh entzündeter
Steppen? Der Wirbelwind des Feuers raste
hinter uns, wuchs mit grässlichen Säulen in den
Himmel hoch, wälzte sich auf der Steppe in ungeheuerlichen Strömen, und ich lief, lief in irrsinnigen Sprüngen eines gehetzten Raubtiers mit
dir auf meinen Armen, ich flog über den von
Höllenfeuer versengten Boden, und ich war stärker als das Feuer, es erreichte uns nicht, denn
ich trug dich auf meinen Armen, und ein stärkeres Feuer als das auf der Steppe wütete in
meinen Adern.</akap_dialog>


<akap>Sie antwortete nichts.</akap>


<akap_dialog>--- Erinnerst du dich als ein wahnsinniger
Malstrom unsern Kahn erfasst hat? In einem
Augenblick warf er den Kahn bis auf den Grund
des grässlichen Schlundes, erbrach ihn wieder
und stürzte jäh auf wie ein Holzstück auf die
rasenden Wogen, wieder umfasste er ihn mit
seinem rasenden, wütenden Reifen und wieder
fiel der Kahn mit der Schnelle eines fallenden
Sternes in den grausigen Trichter herab und
wieder schoss er hinauf, wie ein Lavastein, den
ein kochender Vulkan hinausschleudert, und so
flog ich dreimal hinunter und dreimal wurde ich
wieder hochgeworfen auf die kochenden Strudel
des Stromes, bis endlich unser Kahn auf ein
stilleres Wasser fiel. Ich war stärker als der
Malstrom, denn ich fühlte wie du meinen
Körper umfasst hieltst, deinen Kopf fühlte ich
auf meiner Brust, und in mir selbst raste ein
Malstrom stärker als alle der Welt: Du --- da
in mir --- meine Liebe zu dir.</akap_dialog>


<akap>Sie antwortete nicht.</akap>


<akap_dialog>--- Siehe! Ich bin der erdgeborene Sohn, ich
bin der urewige Adam; in meinem Herzen wütet
ein Sturm stärker als jener, der die mächtigsten
Urbäume wie trockenes Schilf zerbricht --- in
meinen Adern rast eine Feuersbrunst mächtiger
als jene, die die Grassteppen überströmt und ein
weit abgründiger Malstrom kocht in mir, als der,
der das größte Schiff zu nichts zerreibt und
seinen Staub auf dem Grund der Ozeane sät:</akap_dialog>


<akap>Liebst du mich?</akap>


<akap_dialog>--- Du bist stark, du bist groß, du bist übermächtig.</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Das ist nicht das, was ich von dir hören
mag.</akap_dialog>


<akap>Nun höre:</akap>


<akap>Ich kann mich jederzeit zum König machen,
alle Völker zu unseren Füßen werfen, mich der
Erde bemächtigen, über Millionen von Sklaven
herrschen, ich kann dich ans Kreuz nageln lassen
und dich wieder mit meiner Allmacht ins Leben
rufen --- ich kann mich als der Sonnengott erklären --- in heiligen Hainen wird man mir Altäre
bauen und Opfer bringen --- ich kann vor deine
Augen alle Wunder und Paradiese aller Zeiten
und aller Erden zaubern --- ich habe alle Schmerzen, alle Qualen der Menschheit erlebt, all ihre
Lust und Glück, kann sie in die Hölle stürzen
und sie wieder erlösen:</akap>


<akap>Liebst du mich?</akap>


<akap_dialog>--- Du bist ein Gott!</akap_dialog>


<akap_dialog>--- Es ist nicht das, was ich von dir hören
mag.</akap_dialog>


<akap>Hör also:</akap>


<akap>Und wenn ich dich mit lustheischenden
Armen auf meine Brust werfe, wenn dein Haar
sich wie eine Mähne sträubt und du dich mit
den Lippen in mein Blut einsaugst, wenn ich
dein Verlangen in einen Abgrund von Lust
peitsche, dass dir die Welt von den Augen verschwindet, und die Ewigkeit in einer Sekunde
zerschmilzt, und du ohnmächtig auf mich fährst
wie eine vom Hagel gepeitschte Narzissenstaude ---</akap>


<akap>Liebst da mich denn?</akap>


<akap>Sie lachte auf in seltsamer, irrer, uferloser
Lust, umfasste seinen Körper, rieb die Seide
ihrer Haare an seiner Brust und sah ihm dann
lange, lange in die Augen; ergoss sich ganz in
seine Augen, es war ihm als ob sie sich ganz
bis auf den Grund seiner Seele gleiten ließ, sich
heiß um sein Herz legte, sich in jede Pore einsog --- er hatte sie nicht mehr bei sich, sie war
in ihm, in seinem Blut, sie zerschmolz in ihm
in langen ewigkeitstrunkenen Schauern:</akap>


<akap>Ich liebe dich, ich liebe, liebe dich!</akap>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>Er fühlte im Traum, dass sie still und leise
aus seinen Armen glitt --- durch den Traum
fühlte er, dass ihm das Blut vom Herzen floss,
etwas sich von seiner Seele löste ---</akap>


<akap>Aber das war im Traum...</akap>


<akap>Er hörte wie Augen in furchtbarer Qual
schrien, dass sie im Feuer fieberkranker Sterne
aufzuckten, und dann plötzlich erloschen --- noch
ein weltfernes Aufleuchten und dann eine entsetzliche Stille des Dunkels ---</akap>


<akap>Aber das war im Traum...</akap>


<akap>Er fühlte, als ob das unendlich feine Spinngewebe von seidenen Haaren über sein Gesicht
striche --- hörte etwas wie ein leises Auftreten
scheuer Schritte ---</akap>


<akap>Aber das war im Traum...</akap>


<akap>Und plötzlich empfand er in sich eine furchtbare Nacht, eine Nacht die erstarrte, versteinerte
in der Luft, und er wusste, dass kein Strahl
sich mehr durch das finstere Riesengewölbe der
Nacht durcharbeiten werde.</akap>


<akap>Er sprang vom Bette, suchte umher in Todesangst, aber sie war nicht mehr da.</akap>


<akap>Für einen Augenblick war er wie gelähmt,
ein grässlicher Schrecken schnürte ihm das Herz
zusammen, und wieder raffte er sich auf und
begann sie zu suchen im wilden Entsetzen.</akap>


<akap>Die erste Frühsonne ergoss sich mit blauen Lichtströmen in das Zimmer --- er suchte, suchte
--- er sah sie ja doch ganz deutlich vor sich, er
fasste sie ja schon an den Armen, er sah doch
tief in ihre Augen übervoll von Glück und Seligkeit, er küsste ihr Haar:</akap>


<akap>Sie war nicht da!</akap>


<akap>Er wankte, setzte sich, stand wieder und
taumelte in das andere Zimmer hinein.</akap>


<akap>Auf seinem Schreibtisch ein Strauß roter
Mohnblumen auf einem weißen Papierblatt.</akap>


<akap>Er sah lange drauf hin --- auf diesen Papierstreifen und den roten Strauß, tastete mit den
Fingern, um sich zu vergewissern, ob er nicht
träume und endlich wurde er wach.</akap>


<akap>Er las:</akap>


<akap>Ich gehe weit --- weit weg. Ich gehe in
das heilige Reich der Qual hinein, zu meinem
Kreuz zurück, auf das du mich genagelt hast.
Die Stunde des Wunders ist vollbracht. Such
nicht nach mir --- du wirst mich nicht finden.
Warte nicht auf mich --- denn vergebens. Ich
gehe ohne dich, aber ich werde nicht mehr allein
sein. Ich bin bei dir und mit dir für alle
Ewigkeit --- und meine Seele wird traurig sein
bis ans Ende...</akap>


<akap>Er las nicht weiter. Zerknitterte das Papier,
schob von sich weg den roten Strauß --- ging
auf und ab ohne Unterlass in dem Zimmer und
fiel endlich erschöpft auf das Fauteuil hin.</akap>


<akap>Über ihm das schwarze Gewölbe der Nacht
und in seinem Herzen Graus und Schrecken der
gespenstischen Stunden...</akap>


<akap>Als er erwachte war es schon gegen Abend.</akap>


<akap>Noch einmal las er ihren Brief durch und
wusste, dass die Stunde des Wunders sich erfüllt
hat und nimmer zurückkehren werde.</akap>


<akap>Jetzt wusste er, dass er sie nicht mehr finden
würde und auf sie nicht mehr zu warten brauchte.</akap>


<akap>Alles umsonst!</akap>


<akap>Er wusste das alles mit einer Sicherheit, die
sein Gehirn mit glühenden Nadeln zerstach und
er empfand eine sinnlose Trauer und gleichzeitig
die helle, unsagbar heilige Majestät des Todes.</akap>


<akap>Und mit hochaufgerichtetem Haupt ging er
weit hinter die Stadt --- fernab.</akap>


<akap>Er ging hinter etwas, worin man ihm die
ganze Welt begraben hat, sein ganzes Glück
verborgen, seine Vergangenheit und Zukunft
versargt.</akap>


<akap>Er ging hinter jemandem her, der ihn führte,
ihn hinter sich schleppte und an ihm zerrte ---
er wankte, strauchelte, ab und zu fiel er zu
Boden, aber wieder richtete er sich auf, denn
jemand schleifte ihn mit Gewalt --- und wenn er
fiel, wickelte sich eine grausame Hand um sein
Haar und riss ihn hoch.</akap>


<akap>Und dann ging er wieder in großen, qualvollen Schritten wie jemand, der vor Schmerz
erstarrt war und große, steinerne Tränen in
seinem Herzen trägt.</akap>


<akap>Er sah nichts mehr, hörte nur das Dröhnen
seiner schweren Schritte, als wäre er eisenbepanzert, als fiele über sein Gesicht ein schwerer
eherner Helm.</akap>


<akap>Er sah sich erstaunt um.</akap>


<akap>Er war ja ein großer Führer, seinen dröhnenden Schritt hörte er tausendfach widerhallen, denn
ihm folgten tausende erzbeschlagene Ritter.</akap>


<akap>Er ging an der Spitze durch dunkle Wälder und hinter ihm die Ritter mit blutroten Fackeln.</akap>


<akap>Er empfand keinen Schmerz mehr, keine
Sehnsucht trübte ihm seine Seele, er hörte nur
unablässig ihre Worte, die sie ihm Tages vorher
in der Stunde des Wunders gesagt hatte, als er
sie immer heftiger, mit immer größerer Lust an
sich presste:</akap>


<akap>Heilig bist du mir, weil du mich in mir erzeugt, das dunkelste und nackendste Geheimnis
meiner Seele belauscht, alle ihre schauerlichen
Rätsel mir gedeutet hast. Glanz, Licht und Offenbarung bist du mir --- die Sonne, in deren Glut
mein Herz zerschmolz.</akap>


<akap>Unablässig wiederholte er diese Worte.
Diese Worte wurden ihm zu ihren kleinen weißen
Händen, in die er sein Gesicht legte, und er
fühlte den Abdruck der tausendfältigen Verkreuzung ihrer Handlinien auf seiner Haut.</akap>


<akap>Ihre Worte wurden ihm zu dem seidenen
Glanz ihres Körpers --- oh! mit welcher abgründigen Lust schien er sich hinein in seine Brust,
wie weiß leuchtete ihr Körper an seiner dunklen
Haut!</akap>


<akap>Und jedes Wort lebte und zitterte, er hielt
es in seiner Hand, es schlug, es schlug ... Er
fühlte es in seinen Adern, wie es sich mit dem
Blutstrom zusammen in ihm ergoss --- rings um
sich hörte er es klopfen und sich um ihn in
feurigen Ringen ergießen.</akap>


<akap>Schwer lastete es über seinem Herzen; ein
tauber Schrei würgte ihn:</akap>


<akap>Mutter der Barmherzigkeit!</akap>


<akap>Aber es gab kein Mitleid mit ihm.</akap>


<akap>Und wieder brach der Schmerz und wieder
hörte er ihre Worte, die sie ihm gesagt hatte in
der Stunde des Wunders, als ihre Augen gespenstisch aufflammten und irr über dem Spiegel
seiner Seele flackerten:</akap>


<akap>Ein dunkles Verhängnis brütet schwer über
mir, und zu meinen Füßen öffnen sich die
Hölle und das Verderben. Meine Seele verblutet an der Sehnsucht nach dem verlorenen
Paradies.</akap>


<akap>Er stand auf der Spitze eines himmelhoch
ragenden Felsen. Plötzlich berührte ihn ihre
kleine, weiße Hand, und er fiel von einer Spitze
auf die andere, zerfleischte seinen Körper an den
scharfen Zacken, glitt tiefer und tiefer die Gletscher
hinab, in einer tausendstel Sekunde flog vor seinen
Augen sein ganzes Leben vorüber --- rettungslos
wälzte er sich wie eine Lawine in dunkle Höllengründe, bis er Wollust empfand, so zu stürzen,
sich so an den Riffen zu zerfleischen.</akap>


<akap>Er fühlte ihre Macht, ihre Qual und ihr ohnmächtiges Beginnen, denn eine andere, fremde
Kraft hat ihn durch sie in den Abgrund gestoßen.</akap>


<akap>Und zum dritten Mal hörte er ihre Stimme,
aber diesmal in seinem Herzen: ein Schrei heißer
Finger, die in seinem Haar wühlten, flehende Umarmung ihrer Arme, die keuchende Verzweiflung
ihres Körpers, der sich an dem seinen wundrieb:</akap>


<akap>,,Ich gehe, ich gehe schon, such mich nicht
--- die Stunde des Wunders ist vollbracht."</akap>


<akap>Es wurde finster vor seinen Augen, seine Beine
knickten ein, als wäre er von hinten in den Rücken
mit einem Speer getroffen und im Todesschrei fiel
er auf den Boden.</akap>


<akap>Wachte er wieder auf?</akap>


<akap>Ja er ritt auf einem wilden, schwarzen Hengst
über sonnenverbrannte Steppen. Rings hat die
wütende Glut alles aufgefressen, alle Bäche und
jegliches Gewässer aufgesogen, nichts vor ihm,
nichts hinter ihm, nur die rachsüchtige, weißglühende Sonne und ein Himmel, der in weißem
Brand sich verzehrte. Heißer, kochender Nebel,
das war die Luft, die er atmete, und die verbrannte Erde versengte seinen Hengst. Der Helm brannte sich ihm mit feurigen Striemen in seine
Stirn und seine eherne Brünne senkte seinen Leib.</akap>


<akap>Er ritt in ohnmächtiger Verzweiflung, denn
in seinen Armen erstarb vor Durst die, der er
sein eigenes Blut zum Trinken geben möchte.</akap>


<akap>Langsamer und schwächer schleppte sich der
todesmüde Hengst hin, stolperte, fiel in die Knie,
raffte sich wieder auf, sein Hals hing herab, wie
ein angesägter Ast --- jeden Augenblick, gleich,
sogleich, beim nächsten Schritt, würde er tot umfallen.</akap>


<akap>Und im Nu wieherte er glücklich auf.</akap>


<akap>Denn plötzlich inmitten dieser Hölle, dieser
sengenden Glut in Brand gesteckter Nebel eine
Wasserzisterne.</akap>


<akap>Und schon hob er sie hoch, um sie auf den
Boden zu setzen, und ihre Stirn mit Wasser zu
benetzen, da plötzlich, als wüchse er aus der Erde
hoch, pflanzte sich ein schwarzer Ritter vor ihm
auf in einer übermächtigen, gottgleichen Majestät,
und seine Stimme dröhnte wie der Ruf der Jüngstengerichtstrompete:</akap>


<akap>Ich bin es, der die Grenze für jegliches Glück
und jegliche Lust dieser Erde setzt ---</akap>


<akap>Ich bin es, der vor jedem Anfang war und jedes
Ende überdauern wird:</akap>


<akap>Gott, Satan, Schicksal!</akap>


<akap>Wieder zerrann das gespenstische Gesicht.
Er sah in die Tiefe hinab --- dort unten zu
seinen Füßen dies wogende Meer von Dächern,
das den Schein vom elektrischen und Gaslicht
atmete, das war eine Stadt --- ja --- aber nicht
seine --- eine fremde Stadt.</akap>


<akap>Nein! das war nicht seine Stadt!</akap>


<akap>Und plötzlich sah er sie deutlich vor seinen
Augen, eine Stadt, in seltsamen Felsen ausgehauen,
durchzogen von einem wirren Netz von Gräben, die
Stadt des Todes und der Öde, die einstens seine
Vorfahren ihm, dem letzten Spross, gebaut hatten.</akap>


<akap>Wieder empfand er eine große, heilige Sonne
in seiner Brust.</akap>


<akap>Dort in dieser Todesstadt wird er sie finden.</akap>


<akap>Dort --- dort!</akap>


<akap>Sein Herz schwoll in unbekannter Macht, er
wuchs in den Himmel hinauf, streckte seine Arme
und sprach zu ihr:</akap>


<akap>Ich gehe zu dir, aber wozu soll ich dich
suchen, du durchkreist meine Adern, du bist der
Atem meiner Seele, der Drang meines Verlangens, der Zauber meiner Träume, du bist ich.</akap>


<akap>Und wieder blickte er hinab auf die Stadt,
die ihm nun fremd ward.</akap>


<akap>Dort hat sich die Stunde des Wunders erfüllt.</akap>


<akap>Aber die Stadt war ihm fremd.</akap>


<akap>Und wieder sprach er zu ihr und sich:</akap>


<akap>Du bist eine Sonne, die sich in mir ergossen
hat. So oft ich will, wirst du vor mir stehen
und mein sein. Aber nicht hier. Ein größeres
Wunder wird sich vollziehen dort, wo meine Stadt
die wilden Felsen erklimmt, wo der heilige Strom
tobt und rast in granitnen Abgründen und in unterirdische Felsen Kaskaden von Stalaktiten erfrorenen Mondlichtes hinabwirft.</akap>


<akap>Über seinem Haupt erglänzte ein großer,
grüner Stern, der ihn in das neue Syon führen
sollte, in das neue Jerusch-Halaim, den urewigen
Alkazar seiner Ahnen --- dorthin, wo in dem geheimen Zauber der Todesdämmerung sich noch
ein größeres Wunder vollbringen sollte...</akap>

<sekcja_swiatlo/>


 <akap>Er stand am Fenster des Alcazar und blickte
auf die seltsame Stadt hinab, die ihm seine Vorfahren vor Tausenden von Jahren erbaut hatten.</akap>


<akap>Es war Mondnacht und in dem gespenstischen Licht schreckten die Formen und Konturen
dieser Stadt, die sich in einer seltsam gebrochenen Dächerfläche zu seinen Füßen breitete.</akap>


<akap>Als hätte die Erde gebebt, das glatte, felsige Terrain sich gebogen und gebrochen, die
mächtigen Felsmassen sich übereinandergeschoben, ineinandergekeilt, zu Pyramiden aufgetürmt oder sich in gezackten Wellen ins Land ergossen.</akap>


<akap>Es sah aus wie eine Miniatur-Gebirgskette,
die auf einem kleinen Platz zusammengedrängt
war mit tausend Spitzen, Tälern, Riffen, Abhängen, jähen Schluchten und unerwarteten Aufrissen,
und hoch oben auf der äußersten Spitze breitete
sich ein mächtiges Felsenplateau, darauf stand die
herrliche Fürstenburg, der uralte Alcazar.</akap>


<akap>Er sah lange auf die Stadt dort unten. Er
sah tausend scharfe, schwarze, seltsam ineinander verschlungene Konturen der Straßen, die das riesige Dachterrain zu einer absonderlichen Zeichnung fügten.</akap>


<akap>Diese ganze weiße Dächerfläche sah aus wie
ein heiliges, geheimes Ornament, das ein Gewirr
von mystischen Arabesken bildete.</akap>


<akap>Und es war, als hätte die Hand eines gewaltigen Magiers in der weißen Oberfläche des
mächtigen Felsens heilige Runen seines tiefsten
Wissens eingehauen.</akap>


<akap>Von der Höhe des Alcazar sah die Stadt
aus, als wäre sie nicht erbaut, sondern aus den
Aushöhlungen des Felsens gebildet.</akap>


<akap>Breit lag die Stadt vor ihm, ein unermessliches Katakombengrab, überragt von dem Alcazar, der stolz, ernst und streng mit schlanken
Türmen in den Himmel aufstrebte.</akap>


<akap>Ein Schauer überlief ihn, wenn er daran dachte,
einst in diese Katakomben herabsteigen zu müssen.</akap>


<akap>Er kannte alle Gässchen, alle Schlupfwinkel,
alle Straßen, ihr wirres Durcheinander, die Stellen, wo sie sich kreuzten, sich verflochten oder
in Blindsäcke mündeten, er wusste, dass er in
diesem Gewirr, diesem verstrickten Knäuel von Straßen sich nicht verlieren könnte, und doch
fühlte er einen geheimen Schreck, dass er in
diesem Labyrinth irren und nie wieder aus ihm
herauskommen könnte.</akap>


<akap>Und es gab niemanden, der ihm den Weg
weisen könnte, denn die Stadt war tot.</akap>


<akap>In unsagbarer Trauer sah er die Stadt an,
die ihm nur Schreck und Angst einjagte.</akap>


<akap>Und doch sollte sich hier ein großes Wunder
vollbringen.</akap>


<akap>Hier sollte er aus sich gestalten, was der
Ton seines Gedankens war, die Äußerung seines
Gefühls, die Form seines Willens.</akap>


<akap>Hier sollte er --- denn also hat ihm sein
Herz versprochen --- die verlorene Geliebte wiedergewinnen --- sie aus dem kostbaren Schatz seiner
geheimsten Schönheit, seines verstecktesten Seins
wiedergestalten.</akap>


<akap>Aber vergebens hat er gewartet, vergebens
seinen Willen in kranken Visionen angespannt ---
alles vergebens.</akap>


<akap>Er vermochte nicht, sie aus sich selbst zu
formen.</akap>


<akap>Und wozu ihm diese herrlichen Alcazare,
wozu diese Wunder und Zauber, diese furchtbare
Totenstadt rings um ihn?</akap>


<akap>Jäh erfasste ihn ein entsetzliches Grauen
vor diesem ungeheuerlichen Mitternachtsspuk zu
seinen Füßen, und mit der ganzen Seele sehnte
er sich nach seiner Heimat zurück --- nach der
Stadt in dem tiefen Tal, das in den Nächten das
kostbare Licht atmete, nach den dunklen Alleen,
auf denen er tagelang herumirrte, als er sie suchte,
nach den dämmrigen Kirchen und den Anhöhen,
die sich über der Stadt in dunkelgrünen Stockwerken aufbauten, und mit ihren Kastanienwäldern
sich in schwere Damastpracht in die Stadt ergossen.</akap>


<akap>Und in majestätischen Wogen ergoss sich
der unsagbare Zauber dieser heiligen Erde, die
schweren Getreidefelder, die sich traumbefangen
hin und her wiegten, die Brachäcker, die in
heißen Sommernächten fieberten; der geheime, gespenstische Graus der Irrlichter auf den dunklen
Sümpfen --- ach! --- und dieser Himmel, der sich
in der Untiefe des Sees gebettet hat, aus dessen
Grund der Lichtzauber blasser Sterne aufblühte
und über dem stillen Antlitz des schlafenden
totenstillen Wassers die düstere Erinnerung an
versunkene Kirchen breitet.</akap>


<akap>Und wieder sah er auf die tote Stadt da
unten und auf den rasenden Strom, der die Stadt
in der Form eines heiligen Omega umtoste.</akap>


<akap>Tief in felsigen Schluchten stürzte er sich
von einem Katarakte zum anderen, wälzte sich in
Wirbeln und Strudeln, warf hinab in unermessliche
Gründe schwere, rauchende, spritzende Wassermassen, schleuderte sie hoch empor an den spitzen,
stachelichten, felsigen Cleopatranadeln, die aus dem
Bett aufragten, drängte sie in die Spalten und
Ritzen der Riffe, die das granitne Ufergelände
zerfetzten, er kochte, heulte, schäumte, goss sich
mit Höllenhast in wilden Geysiren und Malstromwirbeln.</akap>


<akap>Lange sah er hin mit einer seltsamen, leidenschaftlichen Ehrfurcht auf diesen heiligen Strom,
der eine ganze Bergkette zerrissen, ganze Steinpyramiden durchschnitten, sich Gänge und Schlachten und unterirdische zahllose Korridore ausgegraben hat.</akap>


<akap>In dem Mondlicht sah der Strom aus, als
wäre er aus geschmolzenen Mondstrahlen und
dort, wo er in unzählbaren Wasserfällen sich in
unterirdische im Granit ausgehöhlte Kanäle hinabstürzte, schien er Kaskaden gefrorener Stalaktiten von kaltem Mondlicht zu werfen.</akap>


<akap>Mit kranker Lust horchte er auf das höhnische
Geheul irrsinniger Gefälle, denn das war die Musik
zu der Verzweiflungsmesse, die in seiner Seele
tobte --- und er sah den gespenstischen, düsteren
Glanz der Katarakte, denn in diesem trüben Gräberlicht der Verwesung und schimmligen Kupfergrüns
flackerten seine kranken Fieberträume.</akap>


<akap>Er hielt den Atem an, streckte sich in die
Höhe, breitete seine Arme aus und sog gierig das
gespenstische Wunder ein.</akap>


<akap>Entsetzt sah er sich ringsherum.</akap>


<akap>Es geschah etwas Fürchterliches!</akap>


<akap>Er war allein, von der ganzen Welt losgeschnitten irgendwo in der Mitte eines Ozeans auf
einer Insel, die sich hoch über dem Meer auf
einem ungeheuren Basaltblock schwer niedersetzte.</akap>


<akap>Die ganze Insel war eigentlich nur ein aneinandergewachsener, steiler Fels von Basaltsäulen, ein in abertausend Ecken gebrochenes
Vieleck, dessen Seitenwände steil ins Meer flossen,
gleich den hieratischen Falten auf den Gewändern byzantinischer Heiliger.</akap>


<akap>Rings um die Insel sah er das Meer in der
Flut. Die Wellenberge keuchten atemlos hochauf, warfen sich empor in wilder, zähnefletschender Kraft und gossen sich über das Plateau der
Insel. Zwischen ihr und den felsigen Riffen, die
die Insel umkränzten, raste das Meer, drängte
sich mit höllischer Macht hinein, ergoss sich in
ungeheuerlichen Ansätzen und Rucksprüngen, die
zum weißen Schaum zerschlagenen Wassermassen
fielen von oben herab in glitzernde Schneewolken, und wurden wieder hochgeworfen, als hätte
sich ein unterirdischer Krater geöffnet, der diese
Lava herausspie, diese spritzende, tollgewordene
Gischt.</akap>


<akap>Und es war für ihn eine nieempfundene Lust,
diesen ungeheuerlichen Kampf der aneinanderprallenden Wasserwogen anzusehen. Von beiden Seiten
in dem Engpass zwischen der Insel und der langen
Felsbank rings im Kranze umher stauten sich immer mächtige, in den Himmel wachsende Wassermassen --- sie prallten in der Mitte wütend aneinander, wuchsen aneinander hoch, ohne sich zerschlagen zu können, umfassten sich wie ringende
Feuersäulen kochender Sonnen, warfen sich
nieder, sprangen wieder jäh hoch, barsten wie Planetenringe, die sich von dem Mutterkern losreißen wollen --- aber schon ergossen sich von
der einen und der anderen Seite neue Wasserorkane, die das Meer vom Grund loszureißen
schienen.</akap>


<akap>An dem Horizont schwoll das Meer an in
wahnsinniger Macht, sein Schoß wölbte sich in
ungeheuerlicher Schwangerschaft in den Himmel
höher, noch --- noch, noch höher, der ganze Ozean
wölbte sich zu einer unermesslichen Kuppel über
seinem eigenen Grund, hoch über der Insel schwebte
das entsetzliche Wassergewölbe, aber jäh brach
die Kraft, die den Ozean von seinem Grund hochhob. Die Wasserkuppel barst und mit dem Krachen
und dem Donner einstürzender Welten fielen die
schweren Wasserwolken hinab, prallten vom
Boden noch einmal hoch, wälzten sich mit einer
Sintflut über die Insel hinab --- und es wurde
Ruhe.</akap>


<akap>Aber nur auf einen Augenblick.</akap>


<akap>Plötzlich stand das Meer in Flammen.</akap>


<akap>Das war nicht mehr ein Meer, das waren
Wogen von geschmolzenem Metall, der kochende
Strudel flüssigen Gesteins.</akap>


<akap>Als wäre die ganze Erdoberfläche wieder
flüssig geworden, und raste in vorsintflutigen
Stürmen, in grässlichen Konvulsionen, Zuckungen
und Choreatänzen.</akap>


<akap>In das schwarze Himmelsgewölbe hinauf
schossen unerhörte Fontänen von siedendem Metall,
zu Tälern gossen sich Ströme von kochenden Erzen,
besessene Gesteinsgolfe verkrampften sich miteinander, Wassersierren wüteten in Weltenbränden
und Feuer-Niagaren schienen sich umgewälzt zu
haben und schreiende Orkane von Flammen in
den Himmelsabgrund zu speien.</akap>


<akap>Langsam erstarrte das kochende Meer. ---
Wo vor kurzem noch die Wassermassen sich in
den Himmel türmten, sah er rings eine verlöschende Gebirgskette. In einem atmosphärenlosen Licht, das seine fressende Macht verloren
hat, sah er über dem Himmel mächtige Farenkräuter ihr vorsintflutliches Violett breiten, in den
Wolken verlorene, schwarze Stämme verkohlter
Palmen und Zypressen starrten wie ein toter
Säulenwald, mit stiller Lust blühten ungeheure
Lilienkelche auf, in das Blau der unermesslichen Neunfarenblätter fraßen die giftigroten
Zungen von Orchideen und all das raste in dem
entfesselten Farbenorkan: Das Grün, das Violett,
Ultrapurpur und überweißer Siedeglanz kämpften
miteinander --- durch das ächzende Geschrei des
flüssigen Eisenrot wanden sich dunkle Fäden von
Gebirgsbächen, wie man sie von der weitesten
Ferne sieht, auf den dunkelgrünen Teichen der
Neunfarenblätter krochen messingfarbene Stauden
in unglaublichen Spiralen von mythischen Schlingpflanzen und in das tiefe Schwarz der verkohlten
Wälder spritzte die abgeschnellte, blitzhelle Feder
des verborgenen Giftes von Corarepflanzen, und
auf dem dunklen See des Purpurs wiegten weiße
Seerosen ihre traumschweren Häupter.</akap>


<akap>Er schloss die Augen, er konnte nicht dies
rasende Tedeum des Farbenorgiasmus ertragen,
aber der Eindruck ergoss sich ihm bis in den
geheimen Knotenpunkt, wo sich alle Sinne durchdringen, überströmte von neuem sein Gehirn, aber
diesmal mit einer grässlichen Symphonie von dröhnenden Blasinstrumenten, schmelzender Fagotte,
heulender Bässe, kreischender Geigen in der Applikatur, Hörner, die wie apokalyptische Bestien
heulten, Klarinetten, die wie Höllenhengste
wieherten:</akap>


<akap>Entsetzt prallte er zurück und lief durch
eine lange Pilasterallee bis in die äußerste Tiefe
eines unermesslichen Saals und fiel erschöpft
auf einen Teppich, in dem er endlos zu versinken schien.</akap>


<akap>Unermessliche Seligkeit umfing sein Herz.</akap>


<akap>Mit nie gekannter Lust atmete er Ruhe, Stille
und Gottgefühl.</akap>


<akap>In dem weichen, dämmrigen Halbdunkel eines
Lichtes, das die porphyrnen Säulen atmeten und
das von der dunklen Decke aus Zederbaumholz
strömte und sich mit dem bläulichen Glanz des
basaltenen Estrichs innig ineinanderschmiegte,
fühlte er plötzlich den Augenblick des heiligen
Wunders nahen...</akap>



<sekcja_swiatlo/>

<akap>Der Abend legte sich mählich um die Welt.
Das Rot der Porphyrsäulen ergoss sich in dem
dunklen Glanz des Ebenholzes; die heiligen Kühe
der Kapitale wurden zu ungestalteten Ungeheuern,
das Licht, das sich durch den engen Spalt der
Säulenallee hineinzwang, erblasste, wurde still,
zitterte und flackerte wie das Licht einer verlöschenden Fackel.</akap>


<akap>Und in dieser heiligen Stunde stand er auf
und langsam, erhobenen Hauptes, als trüge er
die Mitra eines Welteroberers durchmaß er die
Säulenallee, blieb auf der granitnen Terrasse seines
Alcazars stehen, seine Seele hat sich vom Körper
freigelöst und breitete sich aus mit heiliger Gnade
über der Stadt und dem Ozean.</akap>


<akap>Und in der toten Stille der Katakombenstadt
wusste er endlich, dass er ganz allein auf der
Welt sei, irgendwo auf einem millionenweiten,
weit entfernten Stern: er vergaß, dass es noch
jemanden außer ihm in dem ganzen Weltall gäbe.</akap>


<akap>Er war allein da, ganz allein!</akap>


<akap>Es dunkelte. Die Himmelswunder erloschen,
und über die Erde breitete die Nacht den dunklen,
schweren Trauerflor.</akap>


<akap>Seine Seele zitterte und flatterte umher wie
ein Vogel vor dem Gewitter in rastloser Unruhe,
denn sie wusste, dass die Stunde nahe ist, da
sich die Untiefen öffnen, da die Seele alle Geheimnisse durchdringt und in die Pracht ihrer
eigenen Nacktheit schaut.</akap>


<akap>Und es war als ob sich der Raum von allen
Seiten verengte, nah und näher an ihn heranrückte, als ob die Linien und Konturen sich von
der Stadt loslösten, sich zu neuen Bildungen entformten --- das Dunkel schien sich noch zu vertiefen, zu Körper und Gestalt zu werden, und
plötzlich barsten die schweren Vorhänge der Nacht
und es ward Licht, ein seltsames Licht: ein leuchtendes Atmen duftender Sommernächte, ein kalter,
gleichmäßiger Abglanz verborgener Welten --- es
ward ein Licht, das die Reflexe metallischer Spiegel
bilden --- ein inneres Licht --- das Licht der Seele
und des Weltalls.</akap>


<akap>Und in diesem lichtlosen Leuchten sah er,
wie sie ihm langsam entgegenschritt: Sie --- Er
--- Sie!</akap>


<akap>Sie ging zu ihm wie ein Licht, das sich in
dunklen Nebelmassen verirrt --- als ob sie sich
in Mühe und schwerem Ringen mit ihrer Lichtgnade durch die schweren Nebellasten durchzwängte.</akap>


<akap>Sie ging wie das Stöhnen der Glocken meilenweit geht über glitzernde Schneegefilde an frostigen Winterabenden, und sie ging so leise wie die
Dämmerung, die die Gebirgskoppen überrascht.</akap>


<akap>In die Schluchten und zerrissenen Riffe drängen sich scharfe, lange Schattenkeile hinein, und
schmelzen ein das lichte, sehnsüchtige Violett zu
bleigrauem Blau --- mit langen, spitzen Zungen
beißen sie sich in das Weiß des ewigen Schnees,
und langsam düstern nach die kristallnen Funken,
ins Dunkel hüllen sich die Spitzen und die Plateaus ein: still, ernst und feierlich gießt sich
das Schattenmeer hinab.</akap>


<akap>Und sie ging wie das weiße Leuchten der
Silberpappeln in dem Karfreitagzauber, furchtbar
und verzweifelt. Irgendwo auf den schmerzerstarrten Feldern pflanzte sich auf das Windsegel
und ächzt und heult und stöhnt, und zum Takt
schlugen aneinander die metallisch glänzenden,
weißen Blätter.</akap>


<akap>Er wich zurück.</akap>


<akap>Und durch den Säulenwald ging näher und
näher an ihn heran das silberne Leuchten, der
stille Lichtschein, der die Vorhänge der Nebel
durchriss --- eine Wellenbrandung des Stöhnens
schwingender Glocken, die düstere Dämmerungssehnsucht, die von den Anhöhen in das Tal strömte.</akap>


<akap>Immer tiefer wich er in die weiten Gründe
seines Alcazars, fiel auf sein Gesicht und stammelte:</akap>


<akap_dialog>--- Bist du endlich gekommen? Meine Seele
blutet und ihre Flügel sind zerfetzt --- über Berge
und Meere bin ich hergekommen --- mich tötet
der gespenstische Schrecken dieser Stadt, aber
hier harrte ich deiner, denn mein Herz sagte mir,
hier werde ich dich finden...</akap_dialog>


<akap>Totenblasse Stille rings um ihn... Er
erschrak, dass er vielleicht nicht zu ihr spräche...</akap>


<akap>Er kreuzte seine Arme und flehte in inbrünstigem Flüstern:</akap>


<akap>Wer bist du?</akap>


<akap>Und durch seine Seele ging eine Stimme wie
das Aufleuchten eines schmerzlichen Lächelns,
wie eine blasse Lichtwelle, wie ein verrauchender Atem eines in sich kauernden, andächtigen
Schweigens:</akap>


<akap_dialog>--- Ich bin die geheimste Tiefe deiner Seele
--- ich bin die Linie alles dessen, was du durchlebt hast, bin der Ton und die Farbe deiner
Träume und das Ziel deines Verlangens; ich bin
das Blut, das immer von neuem deine Brunst
sättigt, durch mich und in mir bist du empfangen
--- durch mich und in mir wird sich dein Sein
vollbringen...</akap_dialog>


<akap>Und durch den ungeheuren Saal hallte es
wider wie von dem Schluchzen des herbstlichen
Regens, es glänzte wie eine ungeweinte Träne in
einem schmerzverglasten Auge und um das Gewölbe strömte die tiefe Klage:</akap>


<akap_dialog>--- Denkst du noch an die Nacht, da ich
dein Gesicht in meinen Händen hielt, da ich dich
mit meinen heißen Armen umfing, mein Haupt
auf deiner Brust ruhte und meine heißen Finger
in deinem Haar wühlten?</akap_dialog>


<akap>Er zuckte auf vor Schmerz. Diese Stimme,
voll von Angst und überirdischer Sehnsucht, voll
von bebenden Erinnerungen wuchs ihm in seine
Kehle hinein, staute das Blut in seinen Adern ---
er wand sich vor etwas Unsichtbarem im Staub
und flehte:</akap>


<akap_dialog>--- Oh, komm --- komm! So lange hab ich
auf dich gewartet hier in dieser grässlichen Katakombenstadt, denn so hat mich meine Seele betört, dass ich dich hier wiederfinden und dich
haben werde, so oft ich es will.</akap_dialog>


<akap>Wie dich fassen?! Sieh, ich suche, ich spähe
nach dir, ich breite meine Arme aus --- oh, komm,
oh, komm!</akap>


<akap>Und es war, als hätte jemand seine Knie
umfasst, fiele ihm um den Hals, schmiegte sich
an seine Brust in nie enden wollender Lust und
dem Schmerz ohnmächtiger Verzückung.</akap>


<akap>Lässiges Schweigen goss sich um das Zedergetäfel der Decke und das grüne Syenit hinter den porphyrnen Säulen...</akap>


<akap>Und er fühlte, fühlte ihre klein-kleine, weiche
Hand, sah sie in sich, wie sie sich über ihn beugte
und ihm zuflüsterte:</akap>


<akap_dialog>--- So lange irrte ich herum, suchte und
wartete, ob deine Hand mich nicht aus dem
Nichts herausreißen, mich formen, gestalten
werde und mich zum Körper werden lasse...</akap_dialog>


<akap>Hörst du mich, o du Geliebter mein, fühlst
du mich?</akap>


<akap>Ich bin von dir weggegangen, denn, wenn
du mich ansahst, in deine eigene Seele starrtest
--- denn ich bin der Körper deiner Gedanken,
ich bin die Form und die Gestalt deiner Sehnsucht, der Ausdruck deines Fühlens und die Bewegung deines Willens... ich ging weg von
dir, denn ich war dein Verderben und dein
Tod...</akap>


<akap>Ich habe dich verlassen, aber heute flehe ich
dich an, bitte ich dich und schreie: streck hinein
deine Hand in den Abgrund meines Nichts: mag
sie die Millionen von verwehten, zerrissenen, in
alle Winde ausgestreuten Tönen zu einem Akkord
meines Leibes fügen, Millionen von Farbenflecken
zu einer Sonne gießen, die meinen Körper durchwärmen wird...</akap>


<akap>O du mein Heiliger. Du mein Gott! So
lange irrte ich und suchte und schrie nach dir,
aber die Sturmorkane haben mein Flehen und
mein Stöhnen und meine Verzweiflung verweht ---
und du hast mich nicht gehört...</akap>


<akap>Jetzt zittere ich nicht mehr, dass du zugrunde gehst --- ich weiß, dass du, wenn du
in mich --- in deine eigene Seele --- schaust, zugrunde gehen musst, aber du willst doch nicht
ohne mich leben --- reiß mich heraus aus meinem Nichts oder komm zu mir --- komm --- oh!
komm!</akap>


<akap>Die Sehnsucht hat meine Seele irr und trübe
gemacht, Schmerzensstürme haben mein goldenes
Haar zerrauft, oh, fass die goldenen Strähnen,
winde sie um deinen Arm, reiß mich heraus aus
diesem Abgrund: ein Paradies ist er mit dir zusammen, eine Hölle ohne dich!</akap>


<akap>Hörst du mich? Fühlst du mich?</akap>


<akap>Und ein furchtbarer unermesslicher Schmerz
der Sehnsucht zuckte in wildem Krampf durch
den Saal:</akap>


<akap_dialog>--- O du mein Lichtgeborener --- ich habe
dich gerufen, ich habe mich gewälzt im Schrei
und verzweifelten Gebet nach dir, aber meine
Stimme verhallte und brachte das Erz deines
Herzens nicht zum Schwingen --- ich umfasste
dich in zitternden Flutwellen des Lichts, meine
Lippen haben nach den deinen gelechzt, für dich
öffnete sich die mystische Rose meines Leibes,
aber dein Herz schwieg --- ich kroch in deine
Träume hinein, ich badete in ihrer Glut meinen
lustheischenden Schoß --- aber, als du aufwachtest, war der fiberirdische Zauber meiner Reize
von dir gewichen...</akap_dialog>


<akap>Und immer mächtiger schwollen die Sehnsucht
und das Verlangen ihrer Stimme an:</akap>


<akap_dialog>--- Fass mich mit deinen Händen um die
Hüften, so, ach, so! Reiß mich an dich mit
deinen starken Armen, wirf mich hoch auf deine
Brust, dass sich mein Haar zur wilden Mähne
sträubt in der sengenden Glut deines Geschlechtswillens!</akap_dialog>


<akap>Sieh, sieh!</akap>


<akap>Ein banges, ein süßes Erschauern...</akap>


<akap>Ich werde Körper!</akap>


<akap>Fühlst du das Pochen meiner Adern? Sengt
dich die Glut meines Verlangens?</akap>


<akap>Schrei auf, schrei himmelhoch auf, lass deinen Willen, das ganze Sein erschauern, dass ich
werde!</akap>


<akap>Er schnellte auf, wuchs hoch, in ihm raste
ein Willensorkan und dreimal wiederholte sich
ein furchtbarer Schrei:</akap>


<akap>Werde! Werde! Werde!</akap>


<akap>Vergebens...</akap>


<akap>Ihre Stimme hörte er wieder wie einen letzten, verhauchenden Ton von Engelchören:</akap>


<akap_dialog>--- Vergebens: Komm mit mir! Diese Liebe
ist nicht von dieser Welt --- komm, folge mir
dorthin: dort, ja dort werden wir eins sein, nicht
hier, nicht hier...</akap_dialog>

<sekcja_swiatlo/>


<akap>Seine Seele vereinigte sich mit dem Körper.</akap>


<akap>Tief, ganz tief in dem dunklen Tal erlosch
die Stadt, die letzten Widerklänge stieben auseinander, nur die Erinnerung an die große, an
die heilige Nacht breitete ihre Flügel über der
Stadt.</akap>


<akap>Er konnte nicht mehr unterscheiden, was
Traum, was Wirklichkeit war --- wie ein weitfernes Echo, das irgendwo über den Erdenrand
hinaufzukommen schien, hörte er das Tosen der
Wasserfälle, sah die ragenden goldenen Turmspitzen der Alcazare.</akap>


<akap>Er schloss die Augen:</akap>


<akap>Etwas wie der leise Flügelschlag einer
Möwe:</akap>


<akap>Komm! Oh, komm!</akap>


<akap>Ein Leuchten wie von einem flüsternden,
tonlosen Blitz:</akap>


<akap>Komm! Oh, komm!</akap>


<akap>Etwas umfing sein Herz mit zarten, feinen
Händen, streichelte und küsste es:</akap>


<akap>Komm, oh, komm!</akap>


<akap>Aus seiner Seele riss sich ein schluchzender,
sehnender Schrei:</akap>


<akap>Ich gehe schon, ich gehe!</akap>


<akap>Und dort in der Tiefe die dunklen Kastanienalleen. Er glaubte zwischen den schwarzen
Bäumen ihre lichthelle Gestalt zu sehen.</akap>


<akap>Und dort in der Tiefe dämmrige, feuchte
Kirchen in denen die Sarkophage von Fürsten
und Königen brüteten. Noch fühlte er das Zittern
ihres Herzens, ihren heißen Atem, den Pulsschlag
ihrer Adern, der ihr Gesicht rot überströmte,
als er sie einmal in den dunklen Kreuzgängen
getroffen hatte.</akap>


<akap>Ach in der Tiefe --- dort in der Stadt des
Wunders hat er sie in seinen Armen wie ein
Kind hin und her gewiegt, sie wieder jäh auf
seine Brust geworfen, und wieder behutsam gebettet, und rings ergoss sich die goldene Flut
ihrer leuchtenden Haare.</akap>


<akap>Übers Kreuz warf er sich auf den Boden und
lag so lange, bis der Schmerz in ihm brach, und
in seinem Herzen es still wurde mit einer Stille,
die vor der Schöpfung war.</akap>


<akap>Ruhe, oh, Ruhe!</akap>


<akap>Die Meere waren gestorben, der Pulsschlag
der Erde hörte auf, in den Himmel ragten verkohlte Wipfel erstorbener Palmenbäume und mächtiger Stämme von Faren, über dem unermesslichen öden Totengefilde der Eismeere lag verstreut die furchtbare Saat von Knochen vorsintflutiger Tiere...</akap>


<akap>Stille, taube Stille!</akap>


<akap>Mit erloschenen Strahlen verband sich der
Mond mit der Erde, und es gab keine Hand, die
diesen toten Saiten einen Klang entreißen konnte
--- mit breitem Schoß öffnete sich die Erde, aber
es gab kein Licht, das sie befruchten konnte ---
in der atmosphärenlosen Unendlichkeit hängen
reglos entsetzliche Sterne wie kalte Globen aus
Messing, und die Sonne, kohlenschwarz, verreckt
aufgefressen von ihrem eigenen Feuer.</akap>


<akap>Und in dieser grässlichen Stille erhob
sich von neuem die Sehnsucht in ihm, eine unsagbare Sehnsucht nach der, die er einst besessen, wieder verloren, die er aus der Mutterscholle seiner Seele wieder zum Leben auferwecken, Blut seines Herzens in sie ergießen
und seinen Willen ihr als Rückenmark geben
sollte...</akap>


<akap>Aus seiner eigenen Adamsrippe sollte er sie
schaffen, aber er vermochte es nicht.</akap>


<akap>Mit ganzer Kraft sehnte er sich nach der,
die er hienieden nicht mehr schauen durfte. Die
Nacht des Wunders, die er mit ihr durchkostet,
breitete sich zu einer Ewigkeit --- eine Ewigkeit
lebte er mit ihr zusammen, eine Ewigkeit unendlichen Glücks.</akap>


<akap>Und er sprach zu ihr:</akap>


<akap>O ihr meine Augen ---</akap>


<akap>so oft ergoss sich meine Seele in eure dunklen Untiefen, einem Sterne gleich, der in die
Abgründe der Ozeane sich herabstürzt ---</akap>


<akap>noch einmal saugt auf meinen Gram und
meinen Schmerz --- mag er in eurem Schlund
versinken wie ein Lichtstrom unsichtbarer Sterne
in den raumlosen Weiten der Unendlichkeit, ---</akap>


<akap>o ihr meine Augen!</akap>


<akap>o du mein kostbarer Mund,</akap>


<akap>so oft irrte seine stumme Trauer auf meiner Brust, biss sich seine Verzweiflung in mein
Fleisch, sein Zauber sättigte meine Seele mit
dem süßen Gift unsäglichen Verlangens --- so
oft öffnete er sich zum keuchenden Liebesgeflüster, zu unzüchtigen Schreien, zu wilden
Lästerungen, ---</akap>


<akap>einmal noch öffne sich der wundersame Kelch,
einmal mag er noch seinen gespenstischen Zauber
in mich ergießen,</akap>


<akap>o du mein kostbarer Mund!</akap>


<akap>o du mein geliebtes Haupt,</akap>


<akap>so oft hab ich dich an meinem Herzen geborgen, so oft sankst du an meine Schultern in
meiner wilden Umarmung, warfst dich zurück,
versengt von der Glut meines Verlangens, fielst
ohnmächtig in zuckenden Liebesschauern auf die
Kissen ---</akap>


<akap>einmal noch verbirg dich an meinem Schoß,
gieß über mich die Sternenflut deiner Haare</akap>


<akap>o du mein geliebtes Haupt, oh du goldener
Strom deines Reichtums!</akap>


<akap>In dem Tal zu seinen Füßen brütete die
schwarze Nacht --- nur ein winziges Licht
flackerte wie der letzte Funken einer verlöschenden Fackel.</akap>


<akap>Er verzweifelte nicht mehr. Denn er wusste,
dass er zu ihr gehe, mit ihr eins werde in dem
Ewigkeitsschoß, aus dem er und sie entstanden
sind.</akap>


<akap>Keine Verzweiflung mehr, nur eine kranke,
sinnlose Sehnsucht nach diesen Augen, die ihre
Sterne in die Abgründe seiner Seele mit solcher
Liebe im Schmerz eintauchten und nach den
Händen, die ihre Tausende von verhängnisvollen,
schicksalsschweren Linien in sein Gesicht graben,
nach dem traurigen Lächeln, das mit bratender
Schwere sich um die Lippen legte...</akap>


<akap>Es geschehe!</akap>


<akap>Er und sie sollten zum Urschoß zurückkehren, um zu einer heiligen Sonne zu werden.</akap>


<akap>Eins und unteilbar sollten sie werden,</akap>


<akap>und alle Geheimnisse nackt und gelöst mit
ihren Augen schauen</akap>


<akap>und in gottewiger Klarheit alle Ursachen
und Ziele durchdringen und sie leiten</akap>


<akap>und alle Erden und jegliches Sein beherrschen</akap>


<akap>in dem Gottgefühl: Er-Sie!</akap>


<akap>Androgyne!</akap>


<akap>Es umfloss ihn der Glanz ihrer feinen, weißen
Hände, ihn durchströmte der Duft ihres Körpers
und in seiner Seele jauchzte das verlangende,
lockende Geflüster:</akap>


<akap>Komm Geliebter, komm!</akap>


<akap>Und er ging mit einem gewaltigen Todestriumph in seinem Herzen, dort wo im Mondesglanz der siebenarmige See schimmerte --- ging still und groß und wiederholte nur mit unendlicher Liebe:</akap>


<akap>Ich gehe, ich komme!</akap>






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